Die Biografie der beiden Historiker Lorenz Peiffer und Moshe Zimmermann erlaubt intensive Einblicke in die Lebensgeschichte des erfolgreichsten israelischen Fußballnationaltrainers – Emanuel Schaffer. Aber sie ist gleichzeitig viel mehr, ein Zeitdokument zur völkerverbindenden Kraft und Bedeutung des Sports, als fairer, regelbasierter Wettkampf gleichberechtigter Mannschaften und Menschen.Das rund 175-seitige Buch erzählt das Werden und Wirken Schaffers chronologisch und in einem angenehm nüchternen Ton, ohne jegliches Pathos. Man erkennt, dass Historiker am Werke sind, die Heroisierungen anderer Sportlerbiographien vermeiden.Schaffer wurde 1923 im galizischen Drohobycz (Polen) geboren. Da die jüdische Familie bald nach Deutschland übersiedelte, verbrachte er große Teile seiner Kindheit in Recklinghausen. Nach der Machtergreifung 1933 kehrte seine Familie nach Polen zurück. Hier sammelte er erste Erfahrungen als Fußballspieler. Weil der Druck auf den jüdischen Teil der Bevölkerung immer mehr zunahm, floh Schaffer auf Umwegen bis nach Kasachstan. Seine Eltern und Geschwister blieben in Polen. Später erfuhr er, dass sie in einem Massaker von Deutschen ermordet wurden. Nachdem er bei Kriegsende zunächst nach Polen zurückgekehrt war, wurde er in die polnische Armee einberufen. Dies veranlasste ihn 1950 über Umwege nach Israel auszuwandern.Der zunächst völlig mittellose Schaffer startete seine Fußballerkarriere bei Hapoel Haifa, die er jedoch bald aufgrund einer gravierenden Beinverletzung aufgeben musste. Dies war gleichzeitig der Start seiner Trainerkarriere. Die fachlichen Grundlagen erwarb er im Land der Täter, an der renommierten Sporthochschule Köln. Nebenbei arbeitete er kurzzeitig als Trainer von Rhenania Würselen. Innerhalb der Trainerausbildung lernte er den Dozenten (und späteren Meistertrainer) Hennes Weisweiler kennen. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft, die ein Leben lang anhalten sollte. Weisweilers Witwe stand den beiden Autoren bei der Recherche zum Buch sogar hilfreich zur Seite.Zurück in Israel verbuchte Schaffer zunächst mit Jugend- und Nachwuchsmannschaften Erfolge – so bei den Olympischen Spielen 1968. Nachdem er zum Nationaltrainer berufen wurde, gelang ihm souverän die Qualifikation für die Fußball-Weltmeisterschaft 1970. Ein Kunststück, das keinem anderen israelischen Nationaltrainer später erneut gelingen sollte. Mit zwei Unterschieden und einer Niederlage schied man in der Vorrunde ehrenhaft aus. In Erinnerung bleibt insbesondere das 0:0 gegen den späteren Vize-Weltmeister Italien, der im sogenannten Jahrhundertspiel im Halbfinale gegen Deutschland siegte.Als Vereinstrainer hatte Schaffer danach verschiedene Engagements ohne jedoch übergroße Erfolge zu erreichen. Ab 1978 war er nochmals für zwei Jahre Nationaltrainer. Auch hier forderte er seinen Spielen wieder „deutsche Disziplin und Tugenden“ ab. Mit seiner anspruchsvollen und kompromisslosen Art eckte er häufiger in der Mannschaft und beim Verband an. Neben und nach seiner Sportkarriere war er als Textilunternehmer tätig und knüpfte dabei enge Kontakte nach Deutschland, zu den heutigen Weltfirmen Adidas und Puma.Weit wichtiger als die sportlichen und unternehmerischen Erfolge Schaffers, muss seine menschliche Größe bewertet werden. Emanuel Schaffer begegnete Deutschland und den Deutschen ohne Vorbehalte. Wie ihm das möglich war, bei dem unermesslichen Leid, welches seiner Familie angetan wurde, kann man als Leser nicht ermessen. Vielleicht war es die Faszination für den Sport, die es ihm ermöglichte zwischen Deutschland als Land eines modernen, fortschrittlichen Fußballs und eben jenem Land aus dem die Mörder seiner Eltern und Geschwister stammten zu unterscheiden.Teil seiner Freundschaft mit Hennes Weisweiler waren auch die mehrfachen Trainingslager von Borussia Mönchengladbach in Israel – später wiederholte sich dies beim 1. FC Köln zu dem Weisweiler gewechselt war. Die deutschen Mannschaften wurden vom israelischen Publikum stets fair und respektvoll empfangen und für ihre oft guten Leistungen gefeiert.Das Buch (ergänzt um zahlreiche Fotos, Karikaturen, Quellenangaben und hilfreiche Literaturhinweise) zeichnet neben dem Portrait eines leidenschaftlichen Fußballtrainers auch einen kantigen Charakter. Dass es für ihn nach dem Grauen der Shoa noch ein glückliches Leben geben konnte, die dafür erforderliche Kraft zog Emanuel Schaffer zu einem großen Teil aus dem Sport – jedoch dem Sport in seiner ursprünglichen Bedeutung, nicht jenem mit perversem Kommerzdenken heutiger Tage. Denn dieser Sportsgeist eines sich im fairen Kampfe Messens, der Lorbeer für die Sieger und Trost für die Verlierer bereithält, hat die Stärke Menschen zu einen und zu versöhnen, wie es z.B. auch in der Idee Olympischer Spiele manifestiert ist.Emanuel Schaffer war ein Mensch, der diese sportlichen Werte über Jahrzehnte vorgelebt hat. Es hat damit Israel und insbesondere Deutschland einen großen Dienst erwiesen. Es ist sehr lobenswert, dass der Verlag DIE WERKSTATT sein in Deutschland weitgehend unbekanntes Leben und Wirken nun umfassend ausleuchtet.