Wie sollte es anders sein, auch in Kur kann es Maigret nicht lassen, einem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Spannend, liebenswert - ein echter Maigret
Maigret ist gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe. Er verabscheut zwar alles, was in irgendeiner Weise mit Krankheit zu tun hat, lässt sich aber dennoch von seinem Freund und Arzt Dr. Pardon untersuchen. Dieser schickt ihn für eine dreiwöchige Kur zum Entspannen, Entschlacken und Wassertrinken nach Vichy. Dabei erfährt der Leser, dass der Geburtsort von Maigret nur 50 Kilometer von Vichy entfernt liegt, seine Mutter gestorben ist, als er noch sehr klein war, und er inzwischen ein Alter von 53 Jahren erreicht hat.Madame Maigret begleitet ihren Mann und beschließt – nachdem sie gelesen hat, dass das Wasser von Vichy schlank macht – sich auch an der Kur zu beteiligen. Vor Ort bilden sich dann schnell ein neuer Lebensrhythmus und neue Routinen heraus. Maigret verändert sich dadurch: „Er war nicht derselbe wie in Paris. Sein Gang war träger, seine Gesichtszüge weniger markant. Zwar drückte sein undeutliches Lächeln meist Zufriedenheit aus, aber auch eine Art gelangweilter Ironie.“ Völlig ungewohnt ist, dass Maigret eisern Diät hält, und den Rat von Dr. Pardon, auf Bier, Wein und schwere Saucen zu verzichten, konsequent einhält. Nur seine Pfeife mag er nicht gänzlich missen und gönnt sich hin und wieder eine.Auf ihren täglichen Spaziergängen treffen die Maigrets regelmäßig die „Dame in Lila“, eine Frau, die gerne diese Farbe trägt, und immer allein für sich ist. Eines Tages erfahren sie aus der Zeitung von deren Ermordung. Leiter der Ermittlungen ist ein ehemaliger Inspektor von Maigret, der diesen um seine Hilfe bittet.Wenn sich der frühere Kollege an Maigret wendet, spricht er ihn immer noch mit „Chef“ an. Auch die anderen Polizisten kennen und bewundern Maigret. Selbst Journalisten werden auf seinen Kuraufenthalt aufmerksam und treffen ihn zu einem Interview- und Fototermin. Nach deren Zeitungsartikel weiß dann ganz Vichy Bescheid. Auf diesen Starrummel könnte ich gut verzichten, aber irgendwie scheint Simenon die Berühmtheit seines Kommissars ein wichtiges Anliegen zu sein.Sehr gut gefallen hat mir dagegen die Beschreibung des Müßigganges der Maigrets in Vichy. Vor allem der erste Teil des Buches schildert sehr anschaulich das Leben in einem Kurort und strahlt eine große Ruhe aus. Solche atmosphärischen Darstellungen sind ja auch eine der großen Stärken von Simenon.Eine Zeitlang habe ich sogar befürchtet, dass das Buch etwas ZU ruhig wird. Zu der betulichen Kulisse kommt noch hinzu, dass Maigret nicht selbst ermittelt, sondern nur dabei ist und sich Gedanken macht. Am Ende steigt die Spannungskurve dann aber doch noch an. Vor allem zwei Verhöre haben es in sich und entrollen eine erschütternde Geschichte, die den Mörder fast mehr wie das Opfer aussehen lassen als die Tote.Im Zweiten Weltkrieg war Vichy vier Jahre lang Sitz des sogenannten Vichy-Regimes unter Henri Philippe Pétain, das mit den deutschen Besatzern kollaboriert hat. Von hier aus wurden die von den Deutschen nicht besetzten Landesteile Frankreichs verwaltet. Obwohl die Maigrets kreuz und quer in Vichy unterwegs sind, wird das jedoch mit keinem Wort erwähnt.