Christopher Clark hat mit diesem Buch eine beeindruckende, faktengesättigte Studie mit einer erdrückenden Fülle von Quellenmaterial vorgelegt. Gegenüber seinen früheren Büchern wie etwa den „Schlafwandlern“ oder dem Preußenbuch hat Clark seine erzählerischen Qualitäten hier noch einmal gesteigert. Trotz der über 1000 Seiten ist das Buch kurzweilig und über weite Strecken unterhaltsam geschrieben. Der originelle Zugriff zu den 1848er Revolutionen besteht darin, dass Clark diese Revolutionen als ein europäisches Ereignis versteht und zwischen den Schauplätzen in Paris, Berlin, Wien, Palermo, Budapest, Rom etc. wechselt. Anders als Historikergenerationen vor ihm möchte er die 1848er Revolutionen nicht als Nationalgeschichten erzählen, sondern durch die europäische Perspektive gemeinsame Muster und Differenzen herausarbeiten. Das gelingt ihm in überzeugender Weise.Clark geht auf Distanz zu üblichen Fragestellungen, welche die Revolutionen nach ihrem vermeintlichen Erfolg oder Misserfolg beurteilen (So ist in der deutschen Geschichtspolitik immer noch das Bild des „Scheiterns“ der 1848er Revolution als Beginn eines unheilvollen, reaktionären Sonderwegs populär, auch wenn diese Sichtweise von Fachhistorikern schon längst verworfen wurde). Nach dem Erfolg oder Misserfolg der 1848er Revolution zu fragen erscheint ihm uninteressant (ähnlich wie ihm in den „Schlafwandlern“ die Frage nach der Kriegsschuld aus Historikersicht uninteressant, weil letztlich unbeantwortbar, erschien). Stattdessen bringt er zu Beginn das originelle Bild der Revolutionszeit als eines historischen „Teilchenbeschleunigers“ ins Spiel: Nicht nur Akteure, sondern auch Ideen und politische Konzepte prallten aufeinander, ordneten sich neu oder gingen neue Verbindungen ein. Das galt für den Konservatismus, den Liberalismus, den Nationalismus, den Konstitutionalismus, die Demokratie oder für den frühen radikalen Sozialismus. All diese politischen Konzepte gewannen an Kontur, wandelten sich, passten sich an, veränderten ihre ideellen und emotionalen Kraftfelder. Auch die staatliche Politik transformierte sich in der postrevolutionären Epoche. Sie professionalisierte sich und verstand sich zunehmend als Motor gesellschaftlicher Entwicklung und wirtschaftlichen Fortschritts. Dies galt auch für Habsburg, wo es nach 1848 zu keiner Verfassung gekommen war. Armut und gesellschaftliches Elend breiter Bevölkerungsschichten wurden als gesellschaftliche Probleme erkannt und bearbeitet. Allmählich verschwand in Europa auch der Pauperismus, welcher weite Teile der Gesellschaft plagte.Die Erzählung ist überaus perspektivenreich und komplex angelegt. Es entsteht ein Verständnis dafür, warum die liberalen Kräfte Distanz zu den Radikalen hielten und bei allem Wunsch nach politischer Transformation an einer stabilen Ordnung interessiert waren – dies galt praktisch für alle Länder, in denen die Revolution ausbrach. Sowohl den Radikalen als auch den Liberalen ermangelte es allerdings an einem Verständnis für die Lage der Bauern und Landarbeiter – das war für sie eine andere Welt. Den Konservativen wiederum, welche die sogenannte Bauernbefreiung lange Zeit torpedierten oder verzögerten, dämmerte allmählich, dass ein unabhängiges Bauerntum auch eine Stütze des konservativen Staates und der Monarchie bilden konnte. Entsprechend leiteten sie weitreichende Reformen ein, weshalb die Landbevölkerung als revolutionäre Trägerschicht künftig ausfiel. Damit wurde die Zeit der Bauernunruhen der 1840er Jahre nunmehr überwunden, während das städtische Industrieproletariat erst noch im Entstehen begriffen war.Clark wartet immer wieder mit klugen Fragen und interessanten geschichtsphilosophischen Deutungen auf, welche die Enge bisheriger nationalstaatlicher Erzählungen dieser Epoche wohltuend überwinden. So entschlüsselt er schrittweise ihre eigentümliche Rätselhaftigkeit. Die europäischen 1848er-Revolutionen hatten ein Tor zu etwas Neuem aufgestoßen, aber die Akteure, auf welcher Seite sie auch standen, besaßen keine klare Vorstellung davon, in welche Richtung sie gehen konnten oder wollten. Die neue gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung bildete sich zu einem guten Teil unabhängig von politischen Absichten „evolutionär“ heraus. Alle Beteiligten wiederum gewannen ein neues Verständnis über die Wichtigkeit politischer Macht. Das Scheitern der Erfurter Union mit dem Versuch des preußischen Königs, eine deutsche Einigung auf friedlichem Verhandlungswege zu erreichen, ist hier beispielhaft – Bismarck sollte daraus seine Lehren ziehen.Das Buch eröffnet zahlreiche Perspektiven, u.a. durch die Einbeziehung der frühen Frauenbewegung, der Judenemanzipation, der kritischen Betrachtung der radikalen Akteure wie Hecker oder der Einbeziehung Ost-Mitteleuropas, dem weißen Fleck bisheriger westlicher Historiographie. Die Lektüre ist bis zur letzten Seite bereichernd. Clark hat ein großes und faszinierendes Buch geschrieben.
Welch ein Opus! Nach den Schlafwandlern und Preußen widmet sich Christopher Clark nun den Revolutionen von 1848. Auf > 1.000 Seiten erzählt der Autor fundiert, dass Revolutionen nicht einfach so aus heiterem Himmel passieren; vielmehr hat jedes Ereignis lokal / regional eine lange Vorgeschichte, die sich irgendwann explosiv entlädt. Clark arbeitet diese Vorgeschichten herausragend aus und erzählt das Ganze äußerst spannend, nicht deutsch-wissenschaftlich-trocken. Auch widmet er sich der Frage, wie Revolutionen ablaufen können und warum sie oft scheitern (je nach Perspektive der Teilnehmer). Für jeden geschichtlich Interessierten Menschen wärmstens zu empfehlen.