Auf Sylt der 20er Jahre geht es ganz anders zu als heute.Die zerfallende Weimarer Republik, der langsame Aufstieg der Nazis, die Währungsreform und die Kontroverse über den Bau des Hindenburgdammes beschäftigen die Gemüter, die Einwohner und die Polizei. Die kleine Polizeitruppe bekommt Zuwachs vom degradierten Oberwachtmeister Nis Asmus aus Rostock.Die Geschichten sind viele in Kari Köster-Lösches Bänden „Der Tote am Hindenburgdamm“ und „Tod in der Vogelkoje“. Ich las den zweiten Band zuerst, als ich kürzlich auf Sylt war und wurde gleich gefesselt und musste dann den ersten Band sofort bestellen. Über ihn schreibe ich hier.Er ist eine Fundgrube des Wissens, nicht nur der politischen Geschichte, sondern über Sylt, Flora und Fauna. Zusammen mit Asmus durchstreifen wir die Dünen, fühlen den Wind im Strandhafer, hören das ewige Gekreisch der Möwen und das zarte Piepen des Halsbandregenpfeifers. Kari Köster-Lösche, eine ausgebildete Tierärztin, lässt uns aus ihrem Wissenspool in unterhaltsamer Weise schöpfen. Wir entdecken die Schafe auf den Deichen, streifen mit Asmus durch Westerland und können uns alles vorstellen wie im Film. Die kauzige Sylter Kaufmannschaft, die Hotelbesitzer, die angehenden Investoren, die Politiker und nicht zuletzt die Kollegen in der Polizeiwache – die Intriganten und Gegenpole zu Asmus, allen voran sein Chef aber auch diejenigen, die in Asmus einen aufrichtigen und klugen Kollegen erkennen, der die Ermittlungsarbeit auf Sylt ernst nimmt und Stein auf Stein umdreht, bildlich und wirklich – und darunter Grausames entdecken muss. Nicht nur einmal sondern beinahe ständig. Denn es bleibt nicht nur bei einem Toten in dieser fesselnden Geschichte.Auch die kulturelle Seite der Insel wird beleuchtet, die Dichter und Maler, die dort schafften und schaffen. Allen voran Ferdinand Avenarius, der unermüdliche Kulturschützer. Ihm zur Seite steht Ose Godbersen, die Tochter des Arztes in einer Sylter Klinik, der einige Obduktionsaufgaben hinzubekommt, seit Asmus in Westerland wirkt.Ose wiederum hilft Asmus bei seinen Naturschutzaufgaben, die ihm zugeteilt sind und gibt ihm wichtige Hinweise zu Pflanzen und Meerestieren.Der Schreibstil ist der Zeit – die 20er Jahre – angepasst und das passt sehr gut, genau wie die Uniformen der Polizei – Tschako und Degen – aus der Zeit stammen.Für alle Sylt-Kenner und diejenigen, die es werden wollen, nicht nur geeignet, sondern ein Muss – das allerdings gilt für echte Leseratten – alle anderen verstehen dieses „Muss“ leider nicht und jede Erklärung ist umsonst.
1923 ist die Weimarer Republik in Auflösung begriffen, Deutschland leidet unter Inflation und hungert. Dies ist die politische Situation, in der Kriminalinspektor Niklas Asmus aus Rostock nach Sylt strafversetzt und degradiert wird. Die dortige Polizeiwache empfängt ihn nur sehr widerwillig und auch das Inselvolk ist ihm gegenüber eher feindselig gestimmt. Doch im Lauf der Zeit kann er an Achtung gewinnen, denn im Gegensatz zu seinen Kollegen und Vorgesetzten, einer ein fanatischer Kommunist, der andere ein Deutschnationaler, nimmt er seine Aufgabe ernst und sucht nicht seinen persönlichen Vorteil.Mit diesem Buch kann man sich sehr gut in die damalige Stimmung hineinversetzen. Den Nationalsozialismus kann man im Hintergrund fast schon trommeln hören. Der Fortschritt der Handlung ist über lange Strecken sehr betulich, bis es gegen Ende doch eine Aufklärung gibt. Die Protagonisten haben sehr unterschiedliche Charaktere, und jeder einzelne steht quasi auch für eine andere politische Ansicht. Eigentlich ist der Roman mehr ein Gesellschaftsszenario vom Vorkriegsdeutschland als ein Krimi. In jedem Fall ist es interessant, wie Sylt schon damals Anlaufpunkt der Reichen und Schönen war, und wie frühzeitig der Ausverkauf der Insel begonnen hat, ohne Rücksicht auf die Bewohner oder gar der Natur.Das Hörbuch wird gut von Markus J. Bachmann vorgetragen.