Levins Mühle: 34 Sätze über meinen Großvater (Quartbuch) (Oktavheft)
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EAN 9783803132741

Levins Mühle: 34 Sätze über meinen Großvater (Quartbuch) (Oktavheft)

Hersteller: Wagenbach Klaus Gmbh  ·  MPN: 1186746
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Produktbeschreibung

Levins Mühle | 34 Sätze über meinen Großvater | Johannes Bobrowski | Taschenbuch | Quartbuch | 2015

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In Zeiten einer Europäischen Union und einem gemeinsamen Verteidigungsbündnis namens NATO scheint die Vorstellung denjenigen, die im auslaufenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert geboren sind, nahezu unmöglich, dass es Zeiten gegeben haben mag, in denen die „benachbarten Länder“ alles andere als Freunde, sondern teils erbitterte Feinde gewesen sind. Das wohl einschlägigste Beispiel mag die aus historischer Perspektive fast unglaubliche deutsch-französische Freundschaft sein, doch auch die wenn nicht freundschaftlichen, so doch auf gegenseitigem Vertrauen basierende Beziehung zwischen Deutschland und Polen ist nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs fast surreal, führt man sich die enormen Todeszahlen, die der Faschismus mit sich gebracht hat, vor Augen.Dass die Feindschaft zwischen den benachbarten Ländern deutlich länger andauert als die Freundschaft, führt uns der deutsche Schriftsteller Johannes Bobrowski mit seinem 1964 erstmals erschienenen Roman Levins Mühle vor Augen. Bobrowski, 1917 im sowjetischen Tilsit geboren und ein Jahr nach Erscheinen seines Romans, nämlich 1965 in Ost-Berlin gestorben, gehört zu den heute vor allem wegen seiner Lyrik angesehensten Autoren aus der ehemaligen DDR und als wichtige Stimme ostdeutscher Literatur. Durch einen ganz eigenen, oftmals poetischen Stil hat er sich durch seine Gedichte nicht nur einen Platz im von Marcel Reich-Ranicki herausgegebenen Kanon der wichtigsten Werke der deutschen Literatur gesichert, sondern wird auch oftmals im Zusammenhang mit den „großen“ ostdeutschen Autoren wie Uwe Johnson, Günter Grass und Siegfried Lenz genannt. Für „den Osten“ interessieren muss man sich zweifellos, wenn man sich mit den Werken auseinandersetzt, die Bobrowski in seinem kurzen Schriftstellerleben geschrieben hat. Erst 1961 erschien sein erster eigenständiger Gedichtband Sarmantische Zeit, zuvor hatte er als Lektor bei einem von der Ost-CDU protegierten Verlag gearbeitet.Levins Mühle trägt den Untertitel „34 Sätze über meinen Großvater“ und beginnt mit einer geografischen Verortung des Dorfes, in dem die Handlung spielt, und das an der als Nebenfluss zu der Weichsel gehörenden Drewenz liegt. Das Dorf ist, entgegen der Erwartung, nicht etwa polnisch, sondern in Westpreußen gelegen und daher von überwiegend deutschen Bürgern bewohnt. Bobrowskis Geschichte über den Großvater jenes Ich-Erzählers, von dem wir Levins Mühle erzählt bekommen, geht zurück auf ein wahres Ereignis, wie der Autor in einem Selbstzeugnis einst eigens formuliert hat. Die Handlung der Geschichte ist vergleichsweise simpel zusammenzufassen, und doch gestaltet sich der Roman nicht zuletzt wegen seiner sprachlichen Irrungen und Wirrungen als hochkomplexer und sehr anspruchsvoller Text. In jenem deutschen Dorf in Westpreußen an der Drewenz hat ein alter Mann an eben jenen Fluss eine Wassermühle gesetzt, die er für die Arbeit im Dorf verwendet. Nur wenige Kilometer entfernt setzt, zum Zeitpunkt der Handlung im Jahr 1874, ein polnischer Jude namens Levin ebenfalls eine Mühle an die Drewenz, ohne dass man ihm in irgendeiner Form böse Absichten unterstellen könnte. Jener alte Mann, der der Großvater des Ich-Erzählers ist, fürchtet durch seinen jüdischen Nachbarn Konkurrenz und schwemmt in einer Nacht Levins Mühle einfach weg.Der Roman versucht nicht nur die gesellschaftlichen Hintergründe und die psychologischen Prozesse im Großvater zu analysieren, sondern auch einen vergleichsweise breiten Eindruck über die Reaktion der Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes zu geben. Denn so ist, anders, als man es aus heutiger Sicht erwarten würde, keineswegs Empörung, sondern in vielen Punkten auch Zustimmung unter den deutschen Dorfbewohnern zu hören, wenn am Stammtisch oder anderswo in derben Ausdrücken von Levin gesprochen wird. Der Ich-Erzähler macht es sich zur Aufgabe, diese Geschichte so, wie sie sich zugetragen hat, zu erzählen – auch wenn er weiß, dass aus der Perspektive des Zeitpunkts, an dem er den Roman niederschreibt, all das, was er über seinen Vorfahr zu sagen hat, ein eher schlechtes Licht auf seine eigene Familie wirft.In demselben Selbstzeugnis, in dem Bobrowksi auch von den realen Hintergründen der „Fabel“, wie er die Geschichte vom Mühlenbesitzer Levin nennt, berichtet, geht er auch auf die Frage, welche Wirkungsabsicht er mit seinem Roman verfolgt hat, ein:„Natürlich habe ich nicht im Sinn gehabt, einen historischen Roman zu schreiben. Diese Geschichte hätte an sehr vielen verschiedenen Orten geschehen können und zu sehr vielen verschiedenen Zeiten. Ich glaube nicht, dass die Handlung des Romans auf das Jahr 1874 notwendig festgelegt ist, sondern ich glaube, dass sie einen Modellfall für das Verhalten der Nationalitäten untereinander darstellt. Deswegen habe ich es geschrieben.“Die Aussage gibt Aufschluss darüber, wie verfeindet und groß der Graben zwischen den Ländern auch damals, in den frühen 60er Jahren, als Bobrowski jenen Roman geschrieben hat, noch gewesen sein muss. Und jedem, der diesen Roman liest, wird bewusst sein, dass es sich natürlich nicht um ein historisches Panorama des Verhältnisses von Westpreußen und Polen im 19. Jahrhundert handelt, sondern dass jener Roman maßgeblich als Parabel zu lesen ist auf jene Ereignisse, die die Länder Osteuropas nach dem Kriegsende massiv betroffen und belastet haben. Bobrowski nimmt mit seinem Roman eine unangenehme Perspektive ein – nämlich die des Rückblickes und des Erkennens, dass man selbst in der Vergangenheit Fehler gemacht hat bzw. Familienmitglieder diese begangen haben.Zu Zeiten des Verdrängens, das besonders in Westdeutschland, wo der Roman parallel zu der Publikation in der DDR noch im selben Jahr erschien, eine große Rolle spielte, dürfte dieses Buch also auch Salz in die offene Wunde gestreut haben. Denn so wollte nach Kriegsende niemand mehr etwas wissen vom „Lebensraum im Osten“, den man einige Jahre zuvor hatte erobern wollen, und das Wort vom „slawischen Untermensch“ hatte man zweifellos selbst auch nie verwendet. Bobrowski analysiert das Gruppenverhalten von Menschen, die sich gegenseitig aufhetzen und aus ihrer „Blase“ nicht mehr herauszufinden wissen, am Beispiel der eingeschworenen Dorfgemeinschaft. Dafür bedient er sich auch einer teils abfälligen Sprache in der Wiedergabe des Gesagten, die selbstverständlich notwendig ist, um die Brisanz und die Intensität, in der Ressentiments zur damaligen Zeit vertreten wurden, auch literarisch einzufangen. In die Kritik am Verhalten der Menschen in der Vergangenheit mischt sich in Bobrowskis Roman zweifellos aber auch etwas von der Hoffnung, die sich heute, in einem geeinten Europa wiederfindet: nämlich die Hoffnung auf Reflexion und Durchdenken des eigenen Verhaltens, woraus eines Tages vielleicht eine Besserung resultieren könnte.So klar einem die Aussageabsicht dieses Romans erscheinen mag, so unfassbar verklausliert ist die Umsetzung dieses Buches. Bobrowski, der – als Lyriker – zweifellos von der Sprache kommt, versucht den Prozess und das Projekt des Schreibens eines solchen Romans in den Handlungsbogen hineinzuarbeiten. Daraus ergeben sich zwei Dimensionen, die sprachlich betrachtet werden müssen: auf der einen Seite die in den meisten Fällen gelungene Beschreibung der Dorfgemeinschaft, auf der anderen die Perspektive des Ich-Erzählers und die Mühen, die er beim Erzählen hat. Auch durch sein Vorhaben, die Geschichte von „Levins Mühle“ in die im Untertitel beschriebenen 34 Sätze zu fassen, driftet man immer wieder von der Handlungsebene ab in das Erzählgerüst, das der Autor um seine Handlung und den Schauplatz herum aufgezogen hat. Der Roman wird durch die vielen Wiederholungen und teils auch die Revisionen von bereits gesagtem zu einem sprachlich nicht nur verschlossenen, sondern in Teilen auch sehr zerrütteten Werk, das für sich selbst nicht klar definiert zu haben scheint, ob es vom Erzählen erzählen möchte, oder ob wirklich die Geschichte als solche im Vordergrund steht.Allgemein ist anzunehmen, dass Johannes Bobrowski am Plot des Romans nur sekundäres Interesse gehabt haben dürfte. Zweifellos ist es der Umgang mit Sprache, das Konstruieren eines solchen Romanas, was er zuvor noch nie getan hat und nachher auch nicht mehr tun sollte, was ihn – bei diesem Debüt in Sachen längerer Prosa – beschäftigt haben dürfte. Doch eben weil man nicht den Eindruck hat, dass die eigentliche Geschichte jenes Romans eine wirkliche Bedeutung hat, und man die Handlungsebene nicht oder nur schwer zu verknüpfen vermag mit seinen Reflexionen über die Sprache und das Erzählen selbst, hat man nach der beschwerlichen Lektüre des Buches den Eindruck, all das auch auf viel kürzerem Raum erfahren zu können. Gerade psychologisch bedingte Aspekte, die z.B. den Ich-Erzähler in der Rückschau auf das Verhalten seines Großvaters umtreiben könnten, bleiben dadurch auf der Strecke oder ergeben sich nur aus dem selbst hergestellten Kontext. Dem Roman geht dadurch vieles von dem ab, was er in seiner klar erkennbaren Aussageabsicht eigentlich hätte transportieren können, was die Rückschau auf die Lektüre mehr als ambivalent erscheinen lässt.Verabschiedet man sich also von sämtlichen Ansprüchen, die man einen flüssig geschriebenen, bildhaft konstruierten Roman haben könnte, steht man am Ende des Buches dennoch wieder am Anfang dessen, was man ins Auge fassen muss, wenn man über diesen Text spricht. Schon Schiller stellte in seinem Wilhelm Tell fest: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Was wäre besser als Motto für diesen Roman, der die tragische Geschichte eines Mannes erzählt, der niemandem etwas Böses wollte und der dennoch aufgrund der historischen Klischees und vorurteilsbehafteten Betrachtungen, die man gegen ihn erhob, nicht „in Frieden leben“ konnte, weil es ihm seine deutschen Nachbarn missgönnten. Glück auf, kann man aus heutiger Perspektive sagen, dass das zumindest im Großen Ganzen nicht mehr so ist.Bobrowskis Roman leistet einen literarisch möglicherweise nicht allzu fesselnden, von der Thematik her allerdings dennoch nicht zu überschätzenden Beitrag dazu, dass wir uns heute angehalten fühlen, uns auf der Welt friedliche und gute Nachbarn zu sein.
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