Wenn man hinreichend viele Reiseführer gelesen hat oder sie zur Reiseplanung benutzte, dann wird man beim Abgleich mit der lokalen Realität immer wieder feststellen, dass es erhebliche Unterschiede zu zwischen der Lektüre und gewissen Tatsachen gibt, die entweder unterschlagen oder falsch dargestellt werden. Kritische Darstellungen findet man selten, denn schließlich will man wohl dem Leser nicht die Vorfreude auf den Urlaub verderben.Dieser Malta-Reiseführer wendet sich vor allem an Menschen, die wenigstens eine Woche auf dieser kleinen Insel verbringen wollen. Auf Seite 11 beschreibt der Autor eine Rundfahrt durch den Hafen von Valletta, der nach seinen Worten für Kreuzfahrtschiffe immer wichtiger wird. "Ganz dicht an den schnittigen Riesenschiffen vorbeizufahren, ist ein Höhepunkt einer Harbour Cruise und gibt einem vielleicht auch ein Gefühl von Zufriedenheit: länger als nur einen Tag auf Malta bleiben zu können", heißt es dort. Sieht man sich die Touristenzahlen für die Insel etwas genauer an, dann wird man feststellen, dass ein erheblicher Anteil gerade von Leuten gestellt wird, die von diesen Kreuzfahrtschiffen kommen.Mir ist es deshalb ein Rätsel, wie ausgerechnet ein Verlag wie Baedeker solche Menschen einfach ausgrenzt. Das ist nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen dumm, sondern schadet auch dem Image des Verlages. Ein Kreuzfahrttourist findet nämlich in diesem Reiseführer nicht viel praktisch Brauchbares. Würde er zum Beispiel in Valletta die Stadt selbst erkunden wollen, dann müsste er für seine Planungen wissen, wo das Kreuzfahrtterminal liegt. Im Buch gibt es nur zwei kleine Hinweise, nämlich ein Luftbild, auf dem man ein Kreuzfahrtschiff am Rande liegen sieht und einen Hinweis hinten im Text, der wirklich gut versteckt wurde. Im Stichwörterverzeichnis findet keinen Eintrag dazu. Beim Stichwort "Hafen" wird man auf die Seite 120 verwiesen. Dieses Wort kommt dort jedoch ebenso wenig vor wie der Hafen von Valletta.Es wäre so einfach gewesen, denn ganz in der Nähe des Kreuzfahrt-Terminals liegt der imposante Fahrstuhl, der Touristen von der Pier in die "Upper Barracca Gardens" bringt, von denen man schnell ins historische Zentrum kommt. Hat man diese Hürde überwunden, dann leistet dieser Reiseführer gute Dienste. Sein Aufbau ist etwas gewöhnungsbedürftig. Nach einer kleinen Vorstellung und einigen Tourenvorschlägen beschreibt er vor allem die einzelnen Orte der Insel. Das letzte Drittel ist dann der maltesischen Geschichte, anderen allgemeinen Themen und praktischen Fragen gewidmet. Auch dort gibt es Licht und Schatten. Vieles erscheint bei detaillierter Betrachtung recht zerstückelt, etwa die Darstellung der Geschichte Maltas. Man findet Wiederholungen, aber auch plötzliche Vertiefungen, die man schon nicht mehr erwartet hatte. Die von Baedeker gewohnte übersichtliche Darstellung überzeugt dagegen auch hier.Wie ein Reiseführer täuschen kann, lässt sich hier sehr gut an einem Beispiel erläutern. Vor der Reise nach Malta hatte ich mir vorgenommen, unbedingt die alte maltesische Hauptstadt Mdina zu besuchen, die auch die Stille Stadt genannt wird. Da wäre es wie in der Ritterzeit, liest man in diesem Reiseführer. Es gäbe kaum Autos. Die Wirklichkeit sah dann völlig unromantisch aus. Statt dass man sich die malerische Stadt in Ruhe ansehen zu können, musste man sich andauernd vor irgendwelchen Autos auf Treppen oder in Eingänge flüchten. Selbst der Platz vor der Kathedrale war mit Autos zugepflastert, die hier eigentlich fehlen sollten. Übrigens liegt Mdina nicht dort, wo auf Seite 73 der rote Punkt in der Minikarte zu finden ist. Solche kleinen Fehler gibt es leider unerwartet häufig in diesem Buch, beispielsweise auch bei bestimmten Schreibweisen, wo man mehrere Varianten findet, etwa beim Gründer von Valletta."Malta ist eine großartige Filmkulisse", wird Steven Spielberg gleich zu Beginn dieses Buches zitiert. Das ist wohl wahr. Eine Reise dorthin ist ein Erlebnis. Insbesondere Valletta erscheint schon aus der Ferne oder aus der Luft als ein grandioser Ort. Aus der Nähe ergibt sich mancherorts ein anderes Bild. Es wird noch viel Zeit, Geld und Mühe kosten, die Bausubstanz überall in den historisch relevanten Orten zu retten oder zu erhalten. Das verschweigt dieser Reiseführer leider auch.Es fällt mir schwer einen Baedeker abzuwerten, denn auch dieses Buch hat viele gute Seiten, aber leider auch einige recht dürftige. Mit etwas mehr Aufmerksamkeit hätten sich die kleinen Fehler leicht finden lassen. Ein Reiseführer sollte selbstverständlich eine Dienstleistung für Reisende sein, was dazu führen sollte, niemanden von ihnen auszugrenzen.