"Deine Augen, Mädchen, sind braun wie ein Celloton-schrieb Frau Ruth an Bettina-", so wird man überraschtallüberall in diesem Buch, in diesem Lebenswerk von Hans Wollschläger, dem Musiker, Orgelspieler, der dieTheologie aufs Korn nahm (über Kimme und Korn) und der doch - laut Karlheinz Deschner - sich nach christlichemRitus zur ewigen Ruhe begleiten ließ (siehe wikipedia!). -"Herzgewächse oder der Fall Adams", so der Titel dieses Werkes. Und was beinhaltet es?Was wird da nicht alles erzählt in ganz kleinen Satzteilen oftmals, abbruchartigen Gebilden, in Sätzen, indenen man sich wiederfindet. Wenn man in Bamberg eine Zeit lang gelebt hat etwa, dann kann man mitreden.Bamberg ist es, die mittelalterliche, die barocke Stadt, in der man gerne die Orgel anstimmte, wenn das derErbischof nur zuließe, ja wenn. -Und es ist doch traurig immer wieder, wenn man etwas abseits steht in dieser Stadt, die sich noch immer selbst findet: imBiertrinken und Rauchbierdunst kultiviert und diese ominöse und herrliche Fronleichnamsprozession alljährlich durchführt.Hans Wollschläger begleitet sich und uns durch die fünfziger und sechziger Jahre, wo alles anfing und weiterging imTrott der Zeit. Und er findet sich, spaltet sich und findet seine Sinne wieder zusammen, wie E.Th. A. Hoffmann seinerzeit,der auch in Bamberg einst weilte und heutzutage gerne hergezeigt wird wohlverstanden, nicht verstanden?Es sind diese in der Luft zerfließenden herzzerreißenden Flattergebilde, die also um Bamberg kreisen, innerhalb und außerhalbdieser Stadt und auch etwas Bodenständiges gibt es und (vor allem) Musik, schwer und schön. -Dieses opus magnum von Hans Wollschläger, er hat es bestimmt oftmals überarbeitet, wie seine 3 Sinfonien auch, die erleider vernichtet haben soll. Dieses unglaublich verdichtete Werk ist ein Buch, ein Hinweis für Kenner (!).Vorsicht also bei jedem, der sich erstmals mit diesem völlig autarken Autor beschäftigt. Das erfordert fast einlebenslanges Lesen dieser Satzgebilde, immer wieder, damit man versteht. Denn Hans Wollschläger ist ein "Rufer in derWüste" wie weiland Arno Schmidt, Sartre oder Camus, wie heutztage etwa Karlheinz Deschner oder Eugen Drewermann.Doch wer hört da schon hin?
Was denkt man sich eigentlich beim Wallsteinverlag, frage ich unverblümt, wie es der Autor wohl selbst auch getan haben würde? So sehr ich das Ansinnen verstehe; eine Werkausgabe und eine so edle und wichtige noch dazu, Buch für Buch im gleichen Format herauszubringen; so sehr widerrät doch die Vernunft einer solchen Praxis! Man wird sich seinerzeit bei der Erstausgabe im Haffmansverlag schon etwas dabei gedacht haben, den einzigen Roman Wollschlägers großformatiger herauszubringen; um so trotz bzw. wegen der unterschiedlichen Schriftgrade und -typen und sonstigen formalen Besonderheiten der rein physischen Rezeption keine Steine in den Weg zu legen und natürlich verweist schon die bloße Form auf jenen, der hier selbstverständlich mit Pate stand, Arno Schmidt nämlich; dessen Werke ab ZT doch ebensfalls in Typoskriptform erschienen, was die Bargfelder Ausgabe zumindest im Format klugerweise so übernommen hat! Nicht auszudenken, man müsste "Die Schule der Atheisten" im heute üblichen Durchschnittsformat lesen! An welchen Leserkreis denkt man bei Wallstein, angesichts eines Buches; das neben "Abend mit Goldrand" seines Mentors wahrscheinlich die Höhe bundesdeutscher Literatur nach 1945 markiert?!? Nicht etwa an solche, die schon auf eine längere Lektüre und daher auf eine zuweilen beträchtliche Anzahl an Jahren blicken; an solche also, die auch den zweiten Faust mögen oder eben AS und Joyce etc., die polyphone und auch experimentelle Literatur schätzen!? Ohne jegliche Arrroganz sind die "Herzgewächse" ganz entschieden kein Buch für noch junge Menschen, die am Anfang ihres Leselebens stehen und noch Vieles und Vielfältiges zu denken vor sich haben! Und so sind es in der Regel nicht idealische Jünglingen mit noch guten Augen, die hier gutes Geld für ganz große Literatur ausgeben; sondern ältere Semester und da ist die Schriftgröße einiger Passagen schlicht eine Zumutung und ohne Lupe kaum noch zu bewältigen! Da entschädigt auch die Dreingabe des einzig überlieferten Fragments des zweitens Teils nur wenig und so werde ich mir wohl, da mein Exemplar von 1982 zerlesen und zerfleddert ist, antiquarisch ein neues altes besorgen müssen!