Band I der Reihe „Mit den Augen eines Kindes sehen lernen“ („Zur Entstehung einer Frühtraumatisierung bei Pflege- und Adoptivkindern und den möglichen Folgen“) hat viel bewegt beim Publikum. Es gab hohe Resonanz; und dabei wurde klar, wie sehr die betrof-fenen Pflege- und Adoptiveltern, aber auch die Mitarbeiter der Jugendämter, die begleiten-den Psychotherapeuten und die betroffenen Lehrer von der alltäglichen Anstrengungsver-weigerung angesprochen waren. Daraufhin änderte Bettina Bonus ihre ursprüngliche Pla-nung und zog das Buch zur Anstrengungsverweigerung vor.Als „Anstrengungsverweigerung“ bezeichnet die Autorin die hartnäckige Verweigerung bestimmter Tätigkeiten, die aus bürgerlicher Sicht notwendig sind, durch ein körperlich völlig gesundes, frühtraumatisiertes Pflege- oder Adoptivkind. Mit der frühen Traumatisie-rung hatte sich die Autorin in Band I ausführlich auseinandergesetzt; es handelt sich um die psychischen Folgen von Erlebnissen in der frühen Kindheit, die das Kind nicht verar-beiten konnte. Es blieb ihm damals nur die Möglichkeit, das Trauma von seinem Bewuss-tsein abzuspalten und in die tiefsten Tiefen seiner Psyche zu verbannen - wo es fortan ru-mort. Denn es ist menschenunmöglich, das traumatische Ereignis dem Bewusstsein zu-gänglich zu halten, weil sonst die seelischen Schmerzen unerträglich, ja lebensgefährlich würden. Ein solcher Mensch muss unablässig dafür sorgen, dass die traumatischen Gefühle und Gedanken ihren Weg an die Oberfläche gar nicht erst finden. Das erfordert unendlich viel Kraft, die dem Menschen anschließend im Alltag fehlt.Für das sehr kleine Kind zerbricht das Universum in dem Moment, wo es sich entweder seelisch abtrennt oder räumlich von der leiblichen Mutter getrennt wird. Dies geschieht etwa, wenn die Mutter oder ihre Familie zerrüttet sind und dem Kind keinerlei Zuwendung entgegenbringen, oder wenn das Kind fort gegeben wird, zum Beispiel zwecks Adoption. Alles, was seine Welt, sein Leben bisher ausmachte, wird damit unwiederbringlich zerstört.Anders als nicht traumatisierte Erwachsene, die auch schon einmal ungeliebte Anstrengun-gen umgehen, handeln frühtraumatisierte Kinder in der Anstrengungsverweigerung nicht verstandesmäßig nach bürgerlichen Anschauungen, sondern bekämpfen ganz aktuell ihre aus den Tiefen der Seele aufsteigenden übermächtigen Gefühle der Angst und der Ohn-macht, die sie zu überwältigen drohen. Es geht buchstäblich ums Ganze. Deshalb kommt es häufig zum Konflikt, wenn Pflege- oder Adoptiveltern bestimmte Forderungen stellen, die an sich nichts Besonderes sind, aber traumatische Zwänge berühren. Solche Konflikte können schnell eskalieren und das Kind aufgrund von Nichtigkeiten dazu bewegen, aus dem bürgerlichen System auszusteigen.Wenn ein frühtraumatisiertes, anstrengungsverweigerndes Pflege- oder Adoptivkind bei-spielsweise zu einem schlechten Schüler wird (aus welchen Grund auch immer), so ist es - im Gegensatz zum normalen Kind - sofort aufs Höchste gefährdet. Das liegt daran, dass ein frühtraumatisches Kind sich selbst meist nicht mehr auffangen kann. Stattdessen wird es angesichts seines Versagens von uralten, übermächtigen Ängsten und von lähmender Ohnmacht überschwemmt, die das ganze verheerende Trauma ins Bewusstsein zu beför-dern drohen, so dass akute Lebensgefahr besteht und das Kind keinen Sinn mehr darin sieht, überhaupt noch etwas zu tun, die Anstrengungsverweigerung verstärkt sich. Bis alle Beteiligten die bislang schlummernde, schwere Störung bemerken, ist es oft zu spät, so dass bei Pflege- und Adoptivkindern schnelles Handeln oft notwendig ist, bevor Symptome zu sehen sind.Die Autorin bringt aufrüttelnde Fallbeispiele und erarbeitet in großem Detail pädagogisch heilende Vorgehensweisen. Sie macht die Leser mit den lauernden Gefahren unverblümt bekannt, arbeitet aber auch eine Fülle praktischer Möglichkeiten heraus, konsequent und liebevoll mit frühtraumatisierten , anstrengungsverweigernden Kindern so umzugehen, dass sie eine Chance haben, ihr Trauma behutsam aufzulösen. Für alle Betroffenen ein unverzichtbares Buch.
Dieses Buch habe ich zwei Tage und Nächte nicht aus der Hand gelegt und es in einem Stück verschlungen. Endlich verstehe ich, warum unsere kleinen "Teufelsbraten" es sich und uns immer so schwer machen und warum der gebräuchliche goldene "Pädagogenweg" nicht zum Erfolg führt. Der Zusammenhang zwischen Frühtraumatisierung und völligem Scheitern der Schullaufbahn trotz guter Intelligenz wird in diesem Buch deutlich gemacht. Dieses Buch sollten alle Pflege- und Adoptiveltern lesen, auch wenn ihr Kind bisher das Trauma unter Verschluss gehalten hat. Wenn man die Symptome der Anstrengungsverweigerung kennt, kann man gleich richtig reagieren und ein Abbruch des Pflegeverhältnisses könnte vermieden werden. Wenn das Kind aber schon "in den Brunnen gefallen" ist, so ist dieses neue Buch von Frau Dr. Bonus nicht nur Ratgeber, sondern auch Mutmacher und Motivation, das Kind auf diesem neuen Weg zu begleiten und zusammen mit ihm die Anstrengungsverweigerung zu überwinden.