Heinrich Heines „Loreley“ dürfte zu den bekanntesten Volksliedern in Deutschland, in Europa und wohl auch weltweit gehören. Fährt man einmal mit einem der weißen Dampfer der Köln-Düsseldorfer Reederei an dem Felsen im Oberen Mittelrheintal vorbei, erlebt man recht häufig, dass ein Chor spontan angesichts der markanten Kulisse „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ anstimmt nach der Melodie von Friedrich Silcher. Oft sind es ausländische Gruppen, die dieses Lied vortragen: etwa aus Japan, Korea oder anderen Staaten, in denen Kultur, auch auswärtige, hingebungsvoll gepflegt wird.Das Lied gehörte traditionell zum festen Repertoire singender deutscher Herren-Kränzchen, Liedertafeln, Chöre, Sängerschaften und wie die Gruppen alle hießen, war so bekannt und beliebt auch während der Nazizeit, dass die neuen Herrscher gar nicht erst versuchten, es zu verbieten, sondern schlicht mit der ihnen eigenen Ehrlichkeit in den Lieder-Büchern drucken ließen, der Verfasser sei „unbekannt“. Als Wilhelm II. auf Korfu das Schloss der legendären Kaiserin Sissi erwarb, ließ er als erstes dort die von ihr errichtete Heine-Statue entfernen. Der Verleger Julius Campe kaufte die Skulptur dem hohenzollernschen Hofmarschallamt im Jahre 1909 ab und ließ sie in Hamburg aufstellen. Dort rettete sie Olivia Bouchard geb. Campe vor dem Furor der Nazis und brachte sie ins Exil nach Toulon. Das andere Hamburger Heine-Denkmal wurde nach 1933 zerstört.Als hierzulande Bücher verbrannt wurden und am Ende auch Menschen, wie Heine in seiner Tragödie „Almansor“ 1823 formuliert hatte, weil er die Praktiken der Kirche kannte, konnte er nicht ahnen, dass ausgerechnet sein Poem „Loreley“ überdauern würde, ohne Hinweis auf ihn als Verfasser freilich, der damit dem Vergessen anheimfallen sollte. Klassiker, nicht nur Heine, geraten heutzutage leicht aus dem Blickfeld. Zu Zeiten von Kurz- und Kürzest-Texten in Form von Tweets haben es Autoren nicht leicht, die differenziert und nuancenreich Überlegungen anstellen oder Charaktere zeichnen, statt ihren Lesern im Stakkato Thesen einzuhämmern.Solch verkürzender Informationsflut kann man begegnen, indem man versucht, selbst knapp und präzise zu formulieren, aber eben auch pointiert mit literarischen Mitteln Werbung für Autoren zu machen, die ihre Gedanken breit und nachdenklich präsentierten, wie eben Heine. Genau das ist das Konzept der Reihe „Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“, in der Dagmar Gaßdorf und Bertold Heizmann nach ihren Bänden über Goethe und Schiller jetzt bei Lesern Interesse an Heine zu wecken versuchen. Auf 120 Seiten haben sie 58 Stichworte und Aspekte gesammelt, die der traditionellen Germanistik nicht so leicht in den Sinn kommen, wie „Muse mit Maulkorb“ oder „Ein Groupie namens ‚Mouche‘“. Mit – salopp gesagt – Heinescher Ironie treiben sie Leseförderung und belegen mit zahlreichen Zitaten, warum ein „Wiederbelesungsversuch“ dieses verkannten und verbrannten, ins Exil verbannten und verachteten Dichters Vergnügen und Erbauung verschaffen kann.
Dieses kompakte Büchlein einer tollen Reihe hat mich in den letzten Tagen gefangen genommen zum einen und informiert zum anderen.Heinrich Heine wird in diesem Buch rundherum beleuchtet, sein Leben und Wirken und alles, was ihm irgendwie in Zusammenhang steht wird in Wort und Bild dargestellt. Die kompetenten Texte sind locker und flüssig informativ zu lesen. Sie informieren, ohne trocken sachlich zu sein. Texte und Bildmaterial ergeben eine perfekt Einheit. Die Gliederung ist gut gewählt, dass man sich schrittweise in die Thematik einlesen kann. Von Heine und seiner Zeit über Harry und die Esel, Schlammschlacht mit Folgen bis hin zu Philosphie für Nähmamsells und Wo Bücher brennen zum obligatorischen Quiz und den abschließenden Zitaten lernt man sehr viel zur Biografie, zu seinen Werken und zu seinen Wirkungs- und Lebensstätten.