Engagierte Nüchternheit, Gott sei Dank keine fanatische Ökoreligion. Solide informiert, rational hilfreich. In umweltpolitischen Debatten herrscht eine große Angst davor, dass ein medial aufgeschäumter Ökofundamentalismus diktatorische Züge annimmt und damit alles Porzellan zerschlägt, was eine freiheitlich-demokratische Grundordnung ausmacht, inklusive der bereits erreichten Umweltschutzmaßnahmen. Dessen ist sich Hetzel bewusst, er schreibt, dass seine Ethik es „vermeidet, einen moralischen Status der nichtmenschlichen Natur einfach zu unterstellen“ (S.23). Dabei ist Hetzel nicht nur professioneller Philosoph an der Universität Hildesheim, sondern auch Koleopterologe, Experte in Sachen Insektensterben. Acht Jahre lang hat er am Buch gearbeitet, dabei auf Expeditionen quer durch die Welt, mit Vorliebe für Nepal, mit Biologen sein Wissen auf einen Stand gebracht, dass das eines gewöhnlichen Laien weit übersteigt. Mit Präzision stellt er Wissen über die interaktiven Muster der diversen Ökosysteme dar, mit Präzision kritisiert er, dass herkömmliche ethische Ansätze selbst der Umweltethik gewissermaßen aus dem Sessel heraus distanziert die Natur betrachten, als ob sie eine zweite mal eben bestellen könnten. Mit klarem Blick spricht er über die Grenzen unseres Wissens und mit klarem Blick betont er, dass die Lebensvielfalt in ihrer Verwobenheit die Basis ihrer selbst ist, also auch für menschliches Leben. Seine Argumentation verläuft auf zwei Hauptgleisen – aristotelisch-naturalistisch und, mit Respekt vor den Leistungen Kants und Levinas‘, alteritätsethisch, was bedeutet, dass die Unverfügbarkeit und das Nichthergestelltsein der Natur, deren Teil wir sind, zu Staunen und Achtung vor dem ganz Anderen, dem Geheimnis allen Seins nötigt. Und so kann eine achtsame Haltung uns vielleicht offen machen für das Ethos, dass Hetzel bewegt, wenn er schreibt: „Keine Geschichten sind wunderbarer, abenteuerlicher und unwahrscheinlicher, als die Verflechtungs- und Kooperationsgeschichten, die die Evolution geschrieben hat.“ (S. 13) Das Wissen um die Bedingungen der Möglichkeit von Leben und die Achtung vor ihm – vielleicht ist das die Gelingensbedingung für die globale Gemeinschaft Leben. Hetzel macht Mut.
Dieses Buch hat mit dem Fokus auf die Biodiversität einen Zugang zum aktuellen Diskurs, der meiner Meinung nach der Komplexität des Lebens in seinem gegenseitigen Ineinandergreifen angemessen ist! Neben den wichtigen Debatten um die Klimakrise fällt das Thema Artenvielfalt leider oft hinten runter. Hier ist aber genau dieser Komplex Schwerpunkt, was in meinen Augen einen wirklich wichtigen Beitrag darstellt! Was gerade an dieser unglaublich komplexen Vielfalt verloren geht, jeder Faden, der in diesem Netz reißt, hat Auswirkungen auf die ganze Dynamik und ist nicht reversibel. Die Biodiversität ins Zentrum einer Ethik zu stellen, verschiebt den Fokus vom Schutz einzelner Arten hin zu den Prozessen und relationalen Gefügen ganzer Ökosysteme, die stabiler sind, je diverser das Leben in ihnen ist.Besonders, wenn es um Insekten geht, wird die Wertschätzung dem Leben gegenüber deutlich, die das Buch durchzieht und sich immer wieder mit biologisch fundierten Beschreibungen kreuzt!