Das Ehepaar Hesley hat schon vor zwanzig Jahren erkannt, dass es oft sinnvoll ist, Filme in den psychotherapeutischen Prozess einfliessen zu lassen. Schade, dass auch die 2. Auflage von «Rent Two Films and Let’s Talk in the Morning” nur noch antiquarisch erhältlich ist. Erhältlich, weil 2021 erschienen, ist dafür das Buch von Niklas Gebele, der in Karlsruhe eine eigene psychotherapeutische Praxis führt und auch als Dozent wirkt. Sein Aha-Erlebnis war die Lektüre von Irvin D. Yaloms Bestseller «Die rote Couch». Ihn faszinierte wie viele andere, dass man überhaupt auf die Art des amerikanischen Psychiaters Psychotherapie machen kann. Yaloms darf am 12. Juni 2021 seinen neunzigsten Geburtstag feiern, falls bis dahin nicht Corona dazwischenkommt. Aber zurück zu Gebele.Die konstruktive und salutogene Kraft von Geschichten einmal entdeckt, entwickelte Niklas Gebele seinen eigenen Stil, um klassische, moderne, reale und fiktive Geschichten in den Therapieprozess einzubinden und nun darüber zu berichten. Er betont allerdings im Vorwort, dass er kein Standardwerk einer eigenständigen Therapie vorlegen will. Er möchte einfach «zeigen, was alles gehen kann, und damit zum Ausprobieren und Erfahren anregen.» Diesem Anspruch wird er auf den folgenden 130 Seiten auch gerecht.Damit neugierig Leser wissen, worauf sie sich einlassen, zähle ich im Folgenden die Filme und Serien auf, von denen die Rede ist. Im Inhaltsverzeichnis weist Gebele bereits darauf hin, um welche therapeutischen Themenbereiche es in der jeweiligen Geschichte gehen wird. Die Titel lauten: Alles steht Kopf – Game of Thrones – Chester Bennington – Sissi – Dogs of Berlin – My little Pony – Aufräumen mit Marie Kondo – Das Schicksal ist ein mieser Verräter – Overwatch. Im vierten und fünften Kapitel ist dann noch die Rege von: Harry Potter – Star Wars – The Walking Dead – Germany’s Next Topmodell, und Tote Mädchen lügen nicht. Ich finde diese Auswahl überaus geglückt, obschon mein Anwendungsgebiet nicht therapeutischer Natur ist. Doch Prototypisches lässt sich ja grenzüberschreitend einsetzen.Das neunseitige Literaturverzeichnis lässt erahnen, dass Niklas Gebele kein populärwissenschaftliches Buch schreiben wollte, das ohne Verweise, Zitate und Klammerausdrücke auskommt. Aber er schlägt zum Glück auch keinen Fachjargon an, der nach einem Übersetzertool schreit oder Zeichen besonderer Gelehrsamkeit sein will. Ich hätte mir höchstens überlegt, ob die unzähligen Verweise auf typische Filme wirklich in den Lauftext eingebunden werden müssen. Denn es gibt ja auch leserfreundlichere Möglichkeiten. An die Gender-Sternchen möchte ich mich eigentlich gar nicht gewöhnen.Mein Fazit: Obwohl der Autor beim Schreiben Berufskolleginnen und -kollegen vor Augen hatte, sind Niklas Gebeles Ausführungen und Erfahrungsberichte auch für alle interessant, die sich beruflich mit dem Finden und Erfinden von Geschichten beschäftigen. Denn spätestens seit «Sopranos» sind eindimensionale und flache Drehbücher out. Das Publikum will heutzutage wissen, was die Figuren leitet, mit denen sie sich identifizieren.