Michael Hartung lebt mehr schlecht als recht von den Einnahmen seiner Videothek. Das ändert sich, als ein Reporter bei ihm anfragt, ob er seine Geschichte als Fluchthelfer zum Jahrestag des Mauerfalls veröffentlichen darf. Hartung, eigentlich eher bescheiden, ziert sich erst und gibt dann doch freiwillig Auskunft auf die Fragen des Journalisten. Aber was er dann in der Zeitung liest, entspricht so gar nicht dem, was vorgefallen ist. Es scheint niemand zu interessieren, dass der Artikel von vorne bis hinten erlogen ist, denn plötzlich ist Hartung ein Held....Maxim Leo erzählt vor dem Hintergrund des dreißigsten Jahrestages des Mauerfalls eine Geschichte, die die Macht der Lüge zeigt und wie sich die Sichtweise der Menschen verändert, wenn aus einem scheinbar unsichtbaren Mann ein Held des Alltags wird, der sogar Zeitgeschichte schreibt.Mit Michael Hartung ist ein echter Anti-Held in denn Seiten unterwegs, dessen Leben eher auf Scheitern als auf Erfolg gepolt ist. Beziehung im Eimer, kein Kontakt zur bereits erwachsenen Tochter, beruflich läuft es auch eher mau, aber Freunde, die hat Hartung.Erst als die große Lüge veröffentlicht wird, wendet sich das Blatt und Hartung wird zum Star. Von den Medien geliebt und hochgejubelt, lernt der bescheidene Mann die Sonnenseite des Lebens kennen. Wie oft habe ich mich gefragt, wann ihm die Lüge um die Ohren fliegt und dem Ganzen ein Ende setzt.Die Erzählung befasst sich mit der fiktiven Geschichte um eine gelungene Flucht aus der DDR und dem immer noch vorhandenen Schubladendenken zwischen Ost und West, auch wenn die Wiedervereinigung mehr als 30 Jahre her ist. Vorurteile lassen sich neben nicht einfach mal bei Seite wischen, erst recht nicht, wenn sie immer wieder von den Medien befeuert werden. Auch wird hier deutlich, wie sehr wir uns nach "Helden" sehnen, zu denen wir aufblicken und sie verehren können.Der Einblick in das Machtgefüge der Medienwelt gelingt Leo sehr gut, zeigt er doch seinen Leser:innen, wie einfach es ist, die Wahrheit sich so zurechtzubiegen, dass aus wenigen Worten einer Lüge ein großer Held geboren werden kann. Die Botschaft kommt an, denn wie oft lesen wir Schlagzeilen und hinterfragen sie nicht.Der Autor demonstriert sehr anschaulich,, wie leicht sich ein Mensch "lenken" lässt, wenn im Hintergrund Personen agieren, die die Fäden der Macht in den Händen halten.Aus dem Mann von nebenan wird im Handumdrehen ein Star, aber Hartung fühlt sich als Hochstapler nicht wohl und merkt, dass er so nicht weitermachen kann. Mit Wortwitz und Charme lässt der Autor seine Figur auf dem rutschigen Parkett von Politik und Medien auftreten, hält den Leser.innen einen gesellschaftskritischen Spiegel vor und zeigt, wie einfach es ist, mit den richtigen Mitteln Menschen zu manipulieren.Der Roman galoppiert leider am Ende etwas davon und es wirkt so, als ginge dem Schreibenden auf den letzten Metern die Puste aus, da sich hier die Ereignisse überschlagen. Ansonsten ein kurzweiliges Lesevergnügen.