In diesem Buch haben wir es mit 4 Wissenschaftlern zu tun, die brillantes auf die Beine gestellt haben. Jeder von ihnen studierte unter anderem auf Gebieten der Philosophie, Ökonomie, Pädagogik, Physik, Mathematik und Geographie und vergessen dabei nicht das Wunder des Lebens zu erwähnen. Das Design dieser Lektüre gefällt mir besonders gut, da mit der (liegenden) Acht das Unendlichkeitssymbol präsentiert wird und fantastisch zu diesem Buch passt. Zeit stellt etwas sinnlich Wahrnehmbares dar und wird des öfteren mit der Uhrzeit gleichgesetzt. So halten wir sie auch für die Wirklichkeit ohne genauer zu hinterfragen. Seit wann wird eigentlich die Zeit gemessen, was bewirkt sie kulturhistorisch, und wie hat sich die Wirtschaft die Zeit zu Nutze gemacht und mit welchen Folgen? Wer sich nun mit dem Begriff „Zeit“ viel mehr Gedanken machen will, hat mit dem neuen Werk vom Patmos Verlag das absolut Richtige in der Hand. Zeit ist Dauer und jeder Ablauf in der Welt braucht eine gewisse Phase. Das waren auch die Thesen von Whitehead, der 1861 in Südengland geboren wurde. Er stellte schon damals die Gegensätze zwischen Laborforschung und der Wirklichkeit dar, nämlich die Teile der Realität die sich nicht messen lassen. Der Metaphysiker verbreitete eine mutige Lehre, die hinter der sinnlich erfahrbaren, natürlichen Welt, auch das Dahinterliegende, die Gründe und Zusammenhänge des Seins behandelte. Das sind auch die Anliegen vom Autor Harald Lech, der sich nicht nur mit Naturphilosophie sondern auch mit kosmischer Plasmaphysik intensiv befasst, welche mit „Schwarzen Löchern und Neutronensternen zu tun haben. Außerdem versteht der Fachgutachter es meisterlich in seinen Sendereihen wie „Abenteuer Forschung“ usw., jenes faszinierende Feld der Öffentlichkeit vorzustellen. Wie es auch seine Bestseller - Bücher mit komplexen, naturwissenschaftlichen Sachverhalten tun. Whitehead und Ursula Forstner führen in diesem Werk den fiktiven Dialog, welcher modern und beeindruckend ist. Der Zeitforscher Karlheinz A. Geissler stellt in seinem Vorwort fest, dass Zeit als gewöhnlich oder normal und sogar verharmlost wird. Er selbst lebt ohne Führerschein und ohne Uhr. Zeit ist für uns Menschen, was das Wasser für die Fische ist, ohne sich Gedanken zu machen, in was sie sich bewegen. Sie ist eben da und doch entgleitet sie uns immer mehr, wie das Vertrauen und die Liebe. Zu Gunsten verschiedener Mächte, wie der Kirche oder den einflussreichen Personen der Wirtschaft führt sie uns aktuell zu Zeitproblemen. Mir gefällt besonders die Aussage der sechsjährigen Lou, die zu ihrem Opa Harald sagte: „Zeit gibt es gar nicht, die gibt es nur im Gehirn - gleich neben den Träumen“ oder wie Aristoteles preis gab: „Das Zeit das ist, was nicht gedacht werden kann, aber zu denken gibt“. Noch einige dieser Sätze kommen in diesem Sachbuch vor, die brillant gedacht sind. Für mich sind solche Aussagen von Kindern und alten Weisen realitätsnäher, als alles andere dieser Welt. Auch an einem Beispiel von der Existenz der Zeit und Engeln bleibt der Beweis in unserer Moderne immer noch offen. Trotzdem haben wir den Globus zur Genüge beschleunigt, jetzt kommt es darauf an ihn zu begreifen und zu lieben. Wir haben immer die Wahl, ob wir weiterhin dressiert werden wollen oder sich ganz anders zu beschäftigen, wie mit diesen überwältigenden Dialogen. Schon lange habe ich nicht mehr so interessanten Gesprächen gelauscht.
Was ist Zeit? Dieses Buch geht dieser Frage mit Hilfe eines echten und eines fiktiven Dialogs nach, wobei der fiktive Dialog den echten aus einer philosophischen Sichtweise heraus aufgreift, kommentiert und kontrastiert.Der emeritierte Wirtschaftspädagoge und Zeitberater Karlheinz Geißler sowie der Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch führen den echten Dialog. Im fiktiven Dialog besucht die Philosophin Ursula Forstner den verstorbenen Mathematiker und Philosophen Alfred N. Whitehead (1861 - 1947).Ausgangspunkt beider Dialoge ist Geißlers Einsicht, dass wir zwei grundlegend verschiedene Zeitbegriffe kennen: einerseits die elastische und konkrete „rhythmisierte“ Zeit, wie sie in den Zyklen der Natur und im sinnlichen Erleben der Menschen vorkommt; diese Zeit ist physikalisch nicht exakt messbar und lebt von ihrer Qualität. Wie lang solche Zeit ist, hängt davon ab, was in ihr passiert und wie sie erlebt wird. Andererseits gibt es die exakte und abstrakte „getaktete“ Zeit, wie die Uhr sie uns seit einigen Jahrhunderten immer genauer anzeigt; diese Zeit ist rein quantitativ und hat keinen konkreten Bezug zu Ereignissen und Erlebnissen.Geißlers Einsicht an sich ist - vor dem Hintergrund unserer Alltagserfahrungen - banal, worauf auch bereits der Klappentext hinweist, der sie in einem Satz abhandelt. Im Dialog zwischen Geißler und Lesch geht es dann auch hauptsächlich darum, dem Leser zu erklären, welcher der beiden Zeitbegriffe der wertvollere ist, und warum.Geißler, der seit 25 Jahren ohne Uhr lebt, lässt dabei von Anfang an auch gar keine Zweifel an seiner Meinung aufkommen. Bereits im Vorwort sagt er: „Wir haben die Welt inzwischen zur Genüge beschleunigt. Es kommt jetzt darauf an, sie zu begreifen und zu lieben.“ Die getaktete Zeit ist also künstlich und schlecht, die rhythmisierte ist natürlich und gut. Unklar bleibt, warum eine solche wertende Gegenüberstellung überhaupt notwendig ist. Von einem Sachbuch könnte erwartet werden, dass die beiden Zeitbegriffe hauptsächlich inhaltlich diskutiert werden, dass erklärt wird, warum beide Zeitbegriffe in ihren jeweiligen Kontexten sehr sinnvoll sind, und welche Grenzen sie haben.Lesch kommt im Dialog die unglückliche Rolle zu, Geißlers negative Wertung der getakteten Zeit auch aus physikalischer Sicht zu bestätigen und zuzugeben, dass die Physik dem schlechten Zeitbegriff nachjagt. Er tut dies leider völlig kritiklos. Als er Geißler zum ersten Mal gehört habe, sei er begeistert gewesen von dessen „Wahnsinnserkenntnis, dass es einen Unterschied gibt zwischen Rhythmus und Takt“. An keiner Stelle verteidigt Lesch die getaktete Zeit als eine, die sich schlicht als nützlich und sogar wesentlich für den ökonomischen und wissenschaftlichen Fortschritt erwiesen hat. Im Kapitel „Zeit im Hochstapelregal der Physik“ widerspricht Lesch nicht, wenn Geißler die Uhr als eine „irrsinnige Vorstellung“ bezeichnet, und er unterstützt Geißler sogar dabei, Physiker in die Nähe von Hochstaplern zu rücken, die sich eigentlich zu Unrecht als Naturwissenschaftler bezeichnen.Leider unterlaufen Geißler bei seinen saloppen Argumentationen (mit Absicht?) Fehler, die Lesch unwidersprochen lässt; hier hätte das Lektorat eingreifen müssen. Im Kapitel „Die Zeit ist grau geworden“ behauptet Geißler etwa, das Datum sei erst mit der Uhr erfunden worden. Auf den Einwand Leschs hin, die Römer hätten doch bereits die Iden des März gekannt und damit den 15. März gemeint, sagt Geißler wörtlich: „Nein, das waren eben die Iden des März und nicht der 15. Das ist der Unterschied.“ Das ist aber falsch; je nach Monat bezeichneten die Iden tatsächlich den 13. oder den 15. Tag. Der römische Kalender hatte die Tage eines Monats zwar nicht durchnummeriert, aber durch Angabe des Abstands zu definierten Spezialtagen wie den Iden konnten bereits die Römer jeden Tag des Monats exakt benennen.Ein weiteres Beispiel: Im Kapitel „Takt und Rhythmus“ behauptet Geißler, der Begriff der Torschlusspanik sei entstanden, als Stadttore nicht mehr bei Sonnenuntergang geschlossen wurden, sondern täglich zur gleichen Uhrzeit; für die Bauern bei der Arbeit ausserhalb der Stadt sei es dadurch schwieriger geworden, den Torschluss nicht zu verpassen, weil sie sich dafür nicht mehr am Sonnenstand orientieren konnten. Das ist aber auch falsch, denn in Wirklichkeit hatten die meisten Stadttore auch nach der Erfindung der Uhr sinnvollerweise Schliesszeiten, die sich nach der Jahreszeit richteten. Torschlusspanik bekam man einfach (unabhängig von der Erfindung der Uhr), wenn man kurz vor Sonnenuntergang noch draussen war.Insgesamt hat man an einigen Stellen im Buch das Gefühl, die Wirklichkeit wurde hier an Geißlers Narrativ angepasst und nicht umgekehrt.Im Kapitel „Irgendetwas passiert immer! “ wird es dann nebulös. Auf Leschs einleitende Frage, ob man die ganze Auseinandersetzung über Zeit in den Satz „Irgendetwas passiert immer“ packen könnte, antwortet Geißler lapidar mit „Natürlich.“ Mit gutem Willen könnte man besagten Satz als plakative Version der These Whiteheads sehen, dass Zeit sich nicht unabhängig von Ereignissen verstehen lässt. Geißler erwähnt diese These bereits im Vorwort. Deswegen ist es aber noch lange nicht „natürlich“, sondern einfach falsch, dass der Satz „die ganze Auseinandersetzung über Zeit“ zusammenfasst. Hier geht schlicht Geißlers Eitelkeit mit ihm durch: Stellt ein anderer (im diesem Fall Lesch) eine eigene Idee zum Thema Zeit in den Raum, dann hat Geißler sie „natürlich“ bereits gekannt oder antizipiert.Geißler untermauert in diesem Kapitel auch seine These, die getaktete Zeit werde von den Mächtigen beherrscht. Wörtlich sagt er dort: „Oder auch in Italien, da kommt der Wetterbericht vom Militär“. Und nach einem zustimmenden Kommentar von Lesch sagt er weiter: „Und Wetter ist gleich Zeit, also die Zeit wird auch in Italien vom Militär beherrscht.“ In jedem anderen Kontext könnte man über eine so unsinnige Gleichsetzung von Wetter und Zeit stirnrunzelnd hinweggehen, hier - in einem Buch über das Wesen der Zeit - enthüllt sie einen deutlichen Mangel an gedanklicher Klarheit über das Thema.Insgesamt leidet der echte Dialog auch unter unzureichender Redigierung. Offenbar wurde versucht, die Lebendigkeit des Dialogs im Buch dadurch abzubilden, dass Übertreibungen („Das ist völlig wahnsinnig!“) und überflüssige Wiederholungen beibehalten wurden. Das ist für ein Sachbuch unpassend. Möglicherweise ist hier aber auch eine subversive Absicht im Spiel.Der sorgfältig geschriebene fiktive Dialog hebt sich nämlich sehr wohltuend vom echten Dialog ab und ist der eigentliche Beitrag dieses Buchs. Ursula Forstner besucht Alfred North Whitehead im Jenseits und spricht mit ihm über sein philosophisches Hauptwerk „Process and Reality“. Whitehead ist bekannter durch seine „Principia Mathematica“, die er zusammen mit Betrand Russell verfasst hat; sein philosophisches Spätwerk hingegen hat keine sehr grosse Verbreitung gefunden.Whitehead kommt hier ins Spiel, weil er in „Process and Reality“ versucht, die Wirklichkeit nicht über Materie, sondern über Ereignisse zu definieren. Laut Whitehead kann man über Materie nicht viel mehr sagen, als dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem bestimmten Raum ist. Ereignisse dagegen entstehen innerhalb von Zeiträumen und fliessen dabei von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. So entsteht Zeit. Ereignisse haben dabei nicht nur Ursache und Wirkung wie in der Physik, sondern auch Ziele. Bei Whitehead finden wir also bereits im Jahr 1929 eine philosophische Theorie der rhythmisierten Zeit.Forstner und Whitehead (interpretiert von Forstner) greifen im Dialog die Gespräche zwischen Geißler und Lesch auf. Sie führen dabei aber eine deutlich feinere Klinge und trauen sich auch, Geißler einmal (sanft) zu widersprechen. Für Leschs Unterwürfigkeit im „Hochstapelregal der Physik“ wird zumindest ein Erklärungsversuch (Humor) geliefert, der allerdings nicht überzeugt.Der fiktive Dialog bietet aber tatsächlich eine sehr lesbare und lebendige Einführung in das anspruchsvolle Werk Whiteheads. Dass Forstner an mehreren Stellen in die Rolle eines „faulen“ Lesers schlüpft und anmerkt, die Philosophie Whiteheads sei ihr zu kompliziert, ist unnötig und auch nicht glaubwürdig, weil sie als Autorin des Dialogs ja sehr genau versteht, was Whitehead sagt. Hier wird zu viel Rücksicht auf ein vermeintlich überfordertes Publikum genommen.Fazit: dieses Buch kann man auf zwei Weisen lesen. Vordergründig drückt Geißler - sekundiert von Lesch - dem Buch seinen Stempel auf, indem er dem Leser seine subjektive Sicht der Zeit erklärt, teilweise unter Verwendung falscher Tatsachen und suggestiver Rhetorik („Bürokratie ist umgesetzte Uhrzeit“). Im Hintergrund jedoch zieht Forstner die Fäden; indem Sie einen fundierten fiktiven Dialog abliefert, der dem echten auch von der sprachlichen Qualität her deutlich überlegen ist, überlässt sie es elegant Geißler und Lesch selbst, sich im Grunde als Dünnbrettbohrer zu entlarven, die heute weniger zum Thema Zeit zu sagen haben als Whitehead vor fast hundert Jahren.