Man sollte das Buch sehr aufmerksam und wiederholt lesen. Die oftmals verlorengegangene Gesprächskultur wird lebendig. Der welterfahrene Theologe, Fernsehjournalist und Schriftsteller Professor Dr. Michael Albus hatte Gelegenheit mit dem altersmilden und altersweisen international ausgezeichneten Literaten Martin Walser in dessen Haus am Bodensee vielleicht eines der letzten bedeutungsvollen Gespräche zu führen.Martin Walser hatte am 27. März 2022 seinen 95. Geburtstag gefeiert, Michael Albus wurde wenige Tage zuvor 80.Martin Johannes Walser kam in Wasserburg zur Welt, wo seine Eltern ein Bahnhofsrestaurant und eine Kohlehandlung betrieben. Er ist 10 Jahre jung, als sein Vater starb. Das Milieu seiner Kindheit wird in seinem Roman „Ein springender Brunnen“ geschildert.Der legendäre „Papst der Musikkritik“ Joachim Kaiser (1928 – 2017) schrieb:„Es ist eines der großen Erinnerungs-Bücher unserer Literatur und unseres Jahrhunderts, ein Erinnerungsroman, der Wasserburg samt seinen schwäbisch-alemannisch redenden Bewohnern so zu retten vermag wie einst Thomas Manns Buddenbrooks Lübeck“.Seit vielen Jahren lebt der treue Katholik Martin Walser in Nußdorf am Bodensee, in der Nähe von Überlingen.Er ist Vater von vier Töchtern und Vater des unehelichen Sohns Jakob Augstein, der vom SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein adoptiert wurde.Martin Walser gehört mit weit über 100 Publikationen zu den erfolg-reichsten deutschen Schriftstellern der Nachkriegszeit. Viele große Aus-zeichnungen, u.a. der „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ – Walsers Rede in der Frankfurter Paulskirche am 11. Oktober 1998 hatte zu einem Skandal und einem Zerwürfnis mit den Juden in Deutschland gesorgt.Der Suhrkamp-Verlag hat Martin Walser groß und berühmt gemacht. Der legendäre Verleger Siegfried Unseld (1924 – 2002) war sein treuer Wegbegleiter.Im Herbst 2002 sollte Walsers Buch „Tod eines Kritikers“ im Suhrkamp Verlag Frankfurt erscheinen. Siegfried Unseld – damals bereits schwer krank – war nur noch im Hintergrund „tätig“ und riet von der Publikation des Buches dringend ab.Der Roman „Tod eines Kritikers“, den Walser selbst als satirischen Blick auf den Kulturbetrieb versteht, löste bereits vor seinem Erscheinen einen Skandal aus: Die zentrale Figur des Romans zeigt starke Ähnlichkeiten mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher verweigert den Vorabdruck des Romans und hält ihm die Verwendung anti-semitischer Klischees vor. Auch Reich-Ranicki unterstellt Walser Antisemitismus. Walser betrachtet die Kritik als „Hinrichtung“, räumt aber „geschmacklose“ Passagen ein. Trotz der zahlreichen kritischen Stimmen verlegte der Suhrkamp Verlag das Buch bereits zwei Monate vor dem geplanten Erscheinungstermin.Trotz seines hohen Alters verfolgt Martin Walser nach wie vor das Weltgeschehen.Er ist Erstunterzeichner des „Offenen Briefs an Bundeskanzler Olaf Scholz“ vom 29. April 2022, der sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ausspricht, aus Sorge vor einem Dritten Weltkrieg.In seinem Einführungskapitel schreibt Michael Albus:„Die meisten der Bücher von Martin Walser hatte ich gelesen. Ihr Ton war mir vertraut. Ich sah ihn zum ersten Mal in Meßkirch im Jahr 2019 bei einer Lesung zum 65. Geburtstag von Arnold Stadler. Alt und gebrechlich. Er musste geführt und gestützt werden, war gerade 92 Jahre alt geworden. Klar im Kopf. Eine gute Stimme. Dann besuchte ich ihn mit Arnold Stadler zusammen zu Hause, in Nußdorf am Ufer des Bodensees. Ein schönes Haus. Direkt am Seeufer. Wechselnde Wolken am Himmel. Wechselndes Licht auf der Landschaft und auf dem silbrig glänzenden Wasser. Ein Sommertag. Welchen Walser kannte ich bisher? Den Streitbaren, den nach der Paulskirchenrede 1998 massiv und verletztend Angegriffene, den vermeintlichen Kommunisten, den Johann im „springenden Brunnen“, der aufwächst im Nationalsozialismus, den Wortesucher, den Wortefinder, den Worterfinder und Sprachvirtuosen, den Erzähler der Umwege und Seitenstraßen, des Gelingens und Scheiterns, der Liebe, der Nüchternen, den Leidenschaftlichen. Den Vergegenwärtiger. Ich hatte ein Bild von ihm. Aber: du sollst dir kein Bild machen! Jetzt saß ich ihm gegenüber. Schaute in sein Gesicht. Sah den Glanz seiner Augen durch die buschigen Brauen. Ich erlebte ihn, wie er nach Worten suchte, nach Tagen und Jahren der Vergangenheit. Wie er sich durch die weiten Räume seiner Erinnerungen tastete. Sie waren spannend die zwei Nußdorfer Tage. Am Tisch. Mit Blick auf den See. Ab und zu glitten Schiffe vorbei. Und ein Zeppelin war immer wieder in der Luft. Friedrichshafen liegt in der Nähe. Das Leben Martin Walsers ein Traum? Der Traum ein Leben? Jetzt sitzt er da. In seiner Welt. Mit Käthe Walser, seiner liebenswürdigen, zugewandten und wachen, zum Zeitpunkt des Gesprächs neunzigjährigen Frau. Und lebt. Und schreibt und lebt. In den Tagen und Nächten. Unterbrochen von Phasen des Schlafs. Wir kamen ganz langsam ins Gespräch. Ich war ganz Ohr.“In dem Buch zitiert Michael Albus immer wieder größere Passagen aus diversen Büchern von Martin Walser. Und darum ranken sich dann ihre sehr berührenden Gespräche. Man gewinnt den Eindruck, dass der Besuch von Michael Albus den hochbetagten Schriftsteller glücklich gemacht hat.Roland R. RopersKultur- und Sprachphilosoph