Wer einen "intellektuellen Lockdown" aufgrund der sich langsam einstellenden Müdigkeit über das Thema Corona befürchtet, dem sei dieses Buch wärmstens zu empfehlen. Allen anderen natürlich ebenso!Nachdem ich als "Frischling" der Systemtheorie das moderierte "Streitgespräch" zwischen Fritz B. Simon und Steffen Roth gründlich durchgearbeitet habe, kann ich sagen, dass sich in diesem Buch sicherlich jeder wiederfinden kann, und keiner ungeschoren davonkommt! Ja, als Leserin wird man förmlich elektrisiert von der Spannung, die sich aus den kollidierenden Ansichten der Autoren/-innen ergibt. Wo man sonst eher mal eine Seite überspringt, blättert man hier eher nochmal eine Seite zurück. Ist man gerade dabei aufzuatmen, kommt ein nächstes Kontra oder ein unerwarteter Zwischenruf, der das eigene System merklich irritiert.Was erfrischt, ist nicht nur die "Widerspruchssättigung". Während man als Laien-Leserin zwischendurch befürchtet, zurückgelassen zu werden, wenn die Autoren/-innen den Diskurs auf eine theoretischere Ebene erheben, bleibt es lediglich bei der Befürchtung. Im Gegenteil! Es eröffnet sich dem Leser ein guter Einblick in die Systemtheorie, und ihren, durch die unterschiedlichen Standpunkte der Autoren/-innen besonders deutlich werdenden, breiten Interpretationsspielraum. Der Bezug zur Praxis, zum aktuellen Zeitgeschehen, bleibt Programm. Auch die Thematisierung von Verschwörungstheorien, moralischen Werten, Umweltproblemen und der "neuen Normalität" kommt nicht zu kurz.Dabei nehmen die Autoren/-innen kein Blatt vor den Mund. Und das erfrischt am meisten. Scheint der Mut zur eigenen Meinung doch zunehmend ein rares Gut zu sein.Verschiedenste Weltansichten, und es scheint kaum zu weit zu greifen an dieser Stelle von solchen zu sprechen, prallen hier aufeinander. Zeitweise erinnert das Format des Buches an ein Zwiegespräch, notwendig, anstrengend und doch zuletzt - kathartisch.Nur ein kurzes Auszug:Laut Steffen Roth "dürfen wir unseren Gefühlen getrost trauen, wenn unsere repräsentative Wahrnehmung anzeigt, dass sich die Strukturen der Gesellschaft verändern (...). Man wird abwarten müssen, bevor man sehen kann, worauf dieses Manöver uns vorbereitet haben wird." Doch wenn "unterschiedsgesättigte Kommunikationen" (Heiko Kleve) gewünscht sind, so Roth, "dann erfordert das auch und gerade in Krisenzeiten den Mut zum Abstand von der sich gerade wieder ausbreitenden Moralisierungskultur. (...) Dann ist Skepsis definitiv die Hauptspielregel (...)."Die Steffen Roths Statement vorangegangene Einleitung von Heiko Kleve betont, dass "die kritische Reflexion der Lockdown-Maßnahmen mindestens das ist, was hätte beginnen müssen, als diese Interventionen beschlossen wurden." Heiko Kleve sieht somit die Notwendigkeit, "bereits jetzt ein Denken und Kommunizieren zu kultivieren, das die Kontingenz wieder ernsthaft einführt, die alle komplexen Prozesse kennzeichnet, zweifelsfrei auch eine Pandemie und die gesellschaftlichen Reaktionen darauf." Seine Einleitung mündet in der "systemischen Minimalethik": "Steigere Alternativität!".Fritz B. Simon setzt ein ganz anderes Statement als sein Vorredner Steffen Roth. Für ihn wird das "häufige Händewaschen (...) zu weniger Infektionen (...) führen. Die Digitalisierung der Verwaltung dürfte einen Schub erhalten, (...) und nicht wenige Kleinunternehmen und Kneipen werden Pleite gehen (was in Städten wie Berlin schon immer der Fall war) usw."Heiko Kleve kitzelt die Autoren/-innen, versucht sie geschickt aus ihren Komfortzonen herauszulocken. In diesem Spannungsfeld wird der Leser in einen lebhaften Diskurs geworfen und dazu aufgefordert, selber Alternativität zu steigern.Kritik finde ich persönlich an dem Schlusswort von Bernhard Pörksen, das zwar anerkennend aber wenig demütig ein Fazit zieht, das dem Diskurs meiner Meinung nach nicht gerecht wird.Vielen Dank an die Autoren!
Und so wird auch diskutiert. Das mag man mögen, da die Protagonisten klare Positionen vertreten. Ein Vorzug bei der Lektüre. Zu oft bleiben Sie aber im „Klein-Klein“ der Theorien ohne Handlungsüberlegungen abzuleiten. Und zu oft in den Rückschaufehler. Die Idee die Pandemie und deren Entwicklung auf gesellschaftlicher und politischer Ebene sytemtheoretisch zu betrachten ist lobenswert und gut. Nur bleibt es eben bei der Theorie und wenig „handhaftbar“.Trotzdem eine lehrreiche und auch interessante Lektüre, gerade weil so unterschiedliche Sichtweisen zu Worte kommen, nicht ohne Polemik bei dem Ein- oder Anderen, aber doch lesenswert!