Giorgio Scerbanenco schrieb in seinem viel zu kurzen, schaffensreichen Leben vier Romane mit dem Arzt und Polizisten Duca Lamberti als Hauptfigur. Alle Krimis spielen in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre im wirtschaftlich aufstrebenden Mailand.Bereits die erste Geschichte „Das Mädchen aus Mailand“ wußte mir sehr gut gefallen und eine Bewertung findet sich ebenfalls auf dieser Seite. Der. Zweite Band „Verräter und Verratene“ gefiel mir ebenfalls gut.Das hier beschriebene Buch, der dritte Band der Tetralogie, hat nur eine Schwäche und das ist der deutsche Titel. Das Original heißt (i ragazzi del massacro) „die Jungens des Massakers“ und trifft den Inhalt dieses Kriminalromans sehr viel besser. Das war es aber auch mit den Schwächen, schreibe ich doch hier über einen der für mich besten Kriminalromane, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.An einer Abend-Schule für benachteiligte Jugendliche wird eine Lehrerin massakriert. Als Täter kommen nur die Schüler in Betracht. Duca Lamberti, der Arzt, der seine Zulassung verlor, befragt die Schüler einem nach dem anderen aber jeder sagt, er wäre es nicht gewesen, eine sichere Strategie, die eine Verurteilung eines jeden Schülers unmöglich machte. Schließlich nimmt Lamberti einen der Schüler bei sich zu Hause auf und die Geschichte nimmt eine überraschende Wendung. Parallel entwickelt sich ein Drama im privaten Umfeld des Helden.Ein Buch, das zum Ende rasend spannend wird, dass nach Erklärungen für nicht erklärbares sucht und in einer gewissen Weise zeitlos ist. Ein Kriminalroman, 50 Jahre alt und dennoch aktuell. Unbedingt lesen.
Da liegt sie, Matilde Crescenzaghi, gerade mal zweiundzwanzig Jahre alt, Lehrerin an einer Abendschule, die versucht schwer erziehbaren Kindern aus zerrütteten Familienverhältnissen ein bisschen Anstand und Lebenshilfe zu geben. Da liegt sie, geschändet, brutal verprügelt, entwürdigt, tot. Von ihren eigenen Schülern gedemütigt und ermordet.Duca Lamberti hat, als er noch als Arzt praktizieren durfte, viel gesehen und erlebt. Aber solch eine Raserei hat er noch nicht erlebt. Elf Jungens waren in der Klasse von Signorina Matilde Crescenzaghi. Elf Jungens sind die Täter. Elf Jungens nimmt er sich nun einzeln im Polizeirevier vor. In ihm brodelt es. Doch nach außen hin gibt er sich gelassen und ruhig. Nur, wenn er meint, dass ein Ausraster der Lösung des Falles dienlich sei, rastet er aus. Eine Flasche Anisschnaps, von der sizilianischen Sorte, 78 Prozent, ist sein einziger Helfer. So lässt er einen der Schüler in einer Pfütze des Getränkes sitzen, lässt ihn an der Flasche schnuppern. Lamberti droht mit dem Jugendarrest. Er schreit, ist väterlicher Freund. Doch die squadra infernale (elf Freunde müsst Ihr sein, kommt einem da nicht in den Sinn) schweigt. Aus Angst, in dem Wissen, dass ihnen nichts Schlimmeres passieren kann als das ohnehin perspektivlose Leben.Doch ein, zwei Bengel kann er knacken. Leider ist einer von ihnen nicht die ganz große Hilfe. Er war bei der Vergewaltigung bestimmt nicht aktiv dabei. Frauen sind nicht sein Fall. Bei dem anderen, einem der Jüngsten, hat Lamberti allerdings Hoffnung, dass der ihm tatsächlich helfen kann. Die Flasche Schnaps ist mehr als nur ein Helfer in der Not. Sie scheint der Schlüssel zur Lösung zu sein. Denn Jungens in diesem Alter vertragen das Gesöff nicht. Bei ihnen bewirkt es eine Art wütende Sinneswandlung. Was, wenn jemand mit einem Motiv die Jungens (immerhin elf an der Zahl!) dazu benutzte die unliebsam gewordene Signora Matilde Crescenzaghi aus dem Weg zu schaffen? Zuerst nur ein Gedankenspiel, bald schon bittere Realität.„Der lombardische Kurier“ besticht durch seine Reinheit in den Gedankengängen. Giorgio Scerbanenco beschreibt die widerliche Tat sehr detailreich. Das schreckt ab, ist aber unerlässlich, um die Tragweite des Falles einschätzen zu können. Da sind elf Jungens, die schon in frühen Jahren lernen müssen, dass ihr Leben vorbei ist, bevor es auch nur ansatzweise beginnen kann. Da ist eine Person, die vom Hass getrieben ist. Und die weiß wie man manipuliert. Der Roman spielt in den 60er Jahren. Er könnte aber genauso vor wenigen Tagen und Monaten spielen. Armut ist keine Ausrede für Gewalt. Wohl aber ein Nährboden für Rattenfänger jeder Art. Werden die Ursachen nicht bekämpft, greift Justitia gern selbst zum Messer. Fall Nummer Drei um den außergewöhnlichen Ermittler Duca Lamberti fordert von Leser und Spürnase alles ab.