Ich bin inzwischen ein großer Fan von Carofiglios Büchern, aber diese Geschichte ist mal wieder ein Highlight.Es ist keiner seiner Krimis, keine Milieu Studie der Mafia.Sondern eine Art Coming of Age Story.Erzählt wird die Geschichte von Vater und Sohn die zwei Tage zusammen verbringen müssen, ohne jedoch zu schlafen.Der Sohn leidet an Epilepsie und die Vorgabe des Arztes, zwei Nächte durchzuwachen, soll eine Kontrolle sein ob diese Epilepsie noch ein Problem darstellt oder sich verwachsen hat.Vater und Mutter leben getrennt, der Sohn ist dem Vater entfremdet, kennt ihn zu der Beginn der Geschichte nur als zerstreut und abwesend.Wie sich diese Entfremdung in den zwei schlaflosen Nächten in eine zauberhafte Vater-Sohn-Beziehung wandelt, hat dank des behutsamen Erzählstils etwas Magisches.Das Buch ist dünn, aber Carofiglio findet für diese Geschichte genau dir richtige Menge an Wörtern. Es ist eine Momentaufnahme, aber auch eine Sammlung an Bildern, die er vom Marseille der 1980er Jahre anklingen lässt.Vor allem das Ende ist so wunderbar passend, es gibt der Geschichte einen Schliff, der dieses kleine Büchlein zum Strahlen bringt.Ein Lob auch an die Übersetzung, sehr organisch, ich habe nichts gefunden über das ich irgendwie drüber gestolpert wäre.Leider kommt das nächste Werk Carofiglios erst im Frühjahr raus.Für mich einen Seelenbuch, etwas das sich einprägt in der Liebe zu den Figuren und den Dingen die sie erleben.
Sehr schöne Geschichte von der Annäherung von Vater und Sohn. Letzterer leidet unter juveniler Epilepsie und soll sich einem Stresstest unterziehen, um seine Medikament absetzen zu können. Der Test besteht darin 2 Tage und Nächte ohne Schlaf auszukommen. In diesen 48 Stunden geschieht eine sehr feine Entwicklung der sehr distanzierten Beziehung zwischen den beiden Protagonisten. Sehr sensibel und stimmig erzählt.
Der Anfang: «Ich bin jetzt fünfzig, genauso alt wie mein Vater damals. Deshalb dachte ich, über diese zwei Tage und Nächte zu schreiben.»Bei Antoino wird mit circa sieben Jahren erstmals eine leichte Form der Epilepsie diagnostiziert. Später muss er Medikamente nehmen, ist zwar symptomfrei, darf aber kein Fußball spielen usw. Der Spezialist, ein Professor aus Marseille, ist der Meinung, das alles könne ich in der Jugend «herauswachsen». Als der nun junge Mann 18 Jahre alt ist, fährt er mit seinen Vater nach Marseille zu einer neurologischen Untersuchung. Antoino scheint geheilt. Um das zu beweisen, muss er sich einem Stresstest unterziehen. Der Aufenthalt in Marseille wird verlängert: Zwei Tage und zwei Nächte muss er ohne Schlaf verbringen, alle alten Vorsichtsmaßnahmen und Tabletten sind nicht mehr nötig. Kohlensäurehaltige Getränke und Alkohol ist erlaubt.«Obwohl sie meist nicht den Mut haben, es offen zuzugeben, glauben viele Mathematiker gern, alles lasse sich auf Zeichen und Formeln reduzieren. Mehr oder weniger bewusst glaube ich das auch: Das Universum hat eine mathematische Struktur, man muss ihr nur auf die Spur kommen.»Antoino Vater, Mathematikprofessor, hatte früh die Familie verlassen, immer ein freundschaftliches Verhältnis zur Mutter beibehalten. Der Junge war hin und wieder bei ihm am Wochenende. Doch letztendlich sind sie sich fremd. Zwei Tage und zwei Nächte müssen sie sich nun in der fremden Stadt die Zeit totschlagen, ohne zu schlafen. Sie kommen sich näher, auch Marseille, einer Stadt mit vielen Facetten. Es wird für die beiden immer schwieriger, den Wachzustand aufrechtzuerhalten, Erschöpfung macht sich breit. Feine Dialoge zwischen Vater und Sohn schwingen durch den Roman, lassen sie sich gegenseitig entdecken. Marseille, 1983, der Vater setzt sich während einer Jam Session in einer Jazzbar ans Klavier – ein völlig anderer Vater, als der, den Antoino kennt – Jazz eine unbekannte Musikrichtung für den jungen Mann. Kneipen, Restaurants, Strandleben, eine Party in einem verruchten Stadtteil – ein intensives Miteinander. Ein eindrucksvoller Roman für ruhige Stunden zum Genießen.«Wer hätte gedacht, dass Marseille so schöne Ecken hat. Und das mitten in der Stadt›, sagte mein Vater nach einer halben Stunde Fahrt und betrachtete die weißen und ockerfarbenen Klippen, die schwindelerregend steil ins Meer abfielen.»Gianrico Carofiglio ist 1961 in Bari geboren, war viele Jahre Antimafia-Staatsanwalt in Bari, 2007 Berater des italienischen Parlaments im Bereich organisierte Kriminalität, 2008–2013 Senator. Autor zahlreicher preisgekrönter Krimis, die in 24 Sprachen übersetzt wurden.