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In sieben Kapiteln beschäftigt sich Marcus Rediker mit verschiedenen Gesichtspunkten des rebellischen Atlantiks und den „Gesetzlosen“.Rediker beschreibt den Atlantik und die auf ihm verkehrenden Schiffe als Orte der Knechtschaft, aber auch als Orte des Widerstands dagegen. Er beschreibt den Atlantik als vielfältigen Fluchtort, als Ort der Rebellion, als „Schauplatz des Aufbaus einer alternativen Sozialordnung“ (S. 10). Formen des Widerstandes wie Ausreißen, Meutereien, Piraterie, Sklavenaufstände, städtische Krawalle und Insurrektionen, etc. werden sämtlich in diesem Buch be- und verhandelt. Wir erfahren aber auch von den Umständen, den Lebens- und Arbeitsverhältnissen an Bord der Schiffe, welche von den Seeleuten erfahren, erlitten und von einem Teil von ihnen entsprechend beantwortet wurden.Aus dem Leben und der Feder des „armen Seefahrers“ Edward Barlow erfahren wir einiges über das Leben der Seeleute des 17. Jahrhunderts. „Seine Worte sind nicht vermittelt oder verzerrt durch Autoritäten - die Händler, Marineoffiziere, Richter und königliche Amtspersonen, auf die wir so oft angewiesen sind, wenn wir Informationen über arbeitende Menschen erhalten wollen. Wir müssen uns also ausnahmsweise einmal nicht an die Unterdrücker wenden, um von ihnen die Geschichte der Unterdrückten erzählt zu bekommen.“ (S. 56). Barlow berichtet davon, daß „das Leben der Seeleute ein laufendes Duell mit der Angst war.“ (S. 60) und daß die Kriegsmarine gesetzeswidrig Löhne zurückhielt, um die maritimen Arbeiter zu kontrollieren und Desertionen aufgrund der miserablen Bedingungen an Bord zu verhindern. Barlow berichtet über den harten Arbeitsalltag, die dürftige Verpflegung an Bord, an der die Händler und Schiffseigentümer verdienten, sowie über die gewalttätige Disziplinierung der Seeleute durch die Kapitäne und Offiziere. Barlow berichtet auch über die Zwangsrekrutierungen von Seeleuten durch den englischen Staat. Seine Erfahrungen brachten ihn zu dem Wunsch, „die Welt auf den Kopf zu stellen, indem er Reiche und Arme die Plätze tauschen ließ“ (S. 68). Seine Einsicht war, „dass eine der Hauptfunktionen des Staates im Schutz der Reichen und ihres Eigentums bestand“ (S. 68). „Tatsächlich schien ihm seine Lage manchmal derart misslich, dass er die Leiden der Seeleute mit denen der SklavInnen verglich. Er merkt an, dass ‚alle Männer auf dem Schiff bis auf den Meister kaum mehr als Sklaven sind, da sie unter der Führung anderer stehen.‘“ (S. 76) In der hölzernen Maschinerie des Schiffs waren die Seeleute nicht mehr als Rädchen in einer großen Maschine.Wir erfahren aber auch etwas über das Schicksal von Henry Pitman. Pitman wurde als Ware verkauft und als „Schuldknecht“ nach Übersee gebracht. Pitman war weißer Sklave. Von der Existenz weißer Sklaven wissen nur die wenigsten. Pitman gelang die „Flucht aus der Knechtschaft“ (S. 80). Eben diese Flucht und das weitere Leben von Pitman sollte sich „im Schatten des Galgens“ (S. 87) abspielen und ist sehr aufschlußreich.Über Piraten erfahren wir im Kapitel „Unter dem Banner von König Tod: Piraterie“ eine Menge Interessantes. „Piraterie bedeutete ‚Kriminalität‘ (...) eine Lebensweise, die frei gewählt wurde (meistens jedenfalls) von einer großen Anzahl Männer, die die Gepflogenheiten der Gesellschaft, von der sie sich ausnahmen, unmittelbar in Frage stellten.“ (S. 105) Auch hier erfahren wir wieder eine Menge über die Bedingungen auf den Schiffen: „Epidemien, Schwindsucht und Skorbut tobten auf den königlichen Schiffen, und die Männer sahen sich ‚gefangen in einer Maschine, aus der es kein Entrinnen gab, abgesehen von Desertion, Invalidität, Tod.‘ Oder Piraterie.“ (S. 111) „Piraten entwarfen ihre eigene soziale Welt als trotzigen Gegensatz zu den Gebräuchen jener Welt, der sie den Rücken gekehrt hatten.“ (S. 124) Ihr Ziel war ein „Leben in Freiheit“ (S. 263) - jenseits der gesellschaftlichen Zwänge und jenseits von Lohnarbeit, Zwangsarbeit und Sklaverei. Dabei erliegt Rediker nicht einer Sozialromantik und verklärt die Piraten. Das Lebensgefühl vieler Piraten wird im Trinkspruch „Fluch dem König und allen höheren Mächten!“ (S. 133) zum Ausdruck gebracht.Über die Bedeutung des „Seemannsgarns“ als „ausschlaggebend für die Gemeinschaftsbildung von unten“ (S. 45) erfahren wir: im „Seemannsgarn“ kam die „Kombination aus Erfahrung, Wissen, Widerstand und Fantasie (...) zum Ausdruck“ (S. 41). Dies war wiederum „entscheidend für das Selbstverständnis eines umherschweifenden maritimen Proletariats“ (S. 41).Über die „buntscheckigen Haufen in der amerikanischen Revolution“ (S. 152) weiß ein weiteres Kapitel zu berichten.Wir erfahren etwas über „schwarze Piraten“ (S. 290) und schwarze SklavInnen, die sich gegen ihre Versklavung und ihren Transport in die Kolonien und auf die Plantagen in Nord- und Südamerika wehrten. Für manche der rebellierenden Sklaven war die Piraterie eine mögliche Alternative zu einem Überleben als Sklave und Plantagenarbeiter. Auch die SklavInnenrevolte auf Haiti 1791, welche zum Albtraum der herrschenden Klasse in sämtlichen Sklavenhaltergesellschaften wurde, ist Thema. Viele SklavInnen auf den Schiffen des Atlantiks widersetzten sich aus dem Entschluss heraus, „eher zu ertrinken als weiter unter solchen Umständen zu leben oder als Sklaven in die Fremde verkauft zu werden.“ (S. 218) So überschnitten sich die Geschichten von (Lohn)Sklaverei und Piraterie.Das Buch „Die vielköpfige Hydra“, verfasst von Marcus Rediker und Peter Linebaugh, befasst sich weitergehend mit der Entstehung des atlantischen Kapitalismus, der Rolle der buntscheckigen und rebellischen Haufen und sei zur weiteren Lektüre empfohlen.„Gesetzlose des Atlantiks. Piraten und rebellische Seeleute in der frühen Neuzeit“ von Marcus Rediker ist ein wirklich interessantes Buch, das eine spannende Reise durch die rebellische Welt des Atlantiks liefert. Es ist eine Geschichte von „lebendigen, atmenden, handelnden Rebellen“ (S. 293).
Rolf Ständeke & Ingrid Ständeke Echo Nord29.08.2024amazon.de
Man nannte sie Gesetzlose des Atlantiks. Der Autor Marcus Rediker hat in seiner gesamten Historikerkarriere über Gesetzlose geschrieben. In diesem Buch erkundet er die See als Schauplatz menschlichen Handelns und historischen Wandels. Es geht um Seefahrer, Schuldknechte und versklavte Afrikaner als Meuterer, Ausreißer und Piraten, maritime Rebellen aller Art, zwischen dem späten 17. und dem frühen 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der Schiffe aus Holz und der Männer aus Eisen. Untersucht wird auch das Leben des Seefahrers Edward Barlow, die Laufbahn Henry Pitmans. Beschrieben wird auch, wie Seefahrer, Sklavinnen, Piraten und buntscheckige Haufen eine Geschichte prägten.Erschienen Mandelbaum Verlag
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Letzte Aktualisierung: 10.10.2026 14:14 Uhr.