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Eduard von Keyserling (1855-1918) veröffentlichte diesen Roman 1917 in dem er noch einmal die niedergehende Welt des Hochadels melancholisch beschwört: Nach dem Tod ihres Gatten zieht sich Fürstin Adelheid mit ihren drei Töchtern auf die Herrschaft Gutheiden im Osten des Deutschen Reichs zurück. Bei zwei ihrer Töchter gelingt die angestrebte standesgemäße Hochzeit jeweils mit einem russischen Großfürsten und einem deutschen Erbprinzen. Beide Ehen bleiben unglücklich. Marie die jüngste Tochter verliebt sich in den jungen Offizier Felix. Doch der steckt in schwerster Geldnot und ist nur an ei ner guten Partie interessiert. Marie droht in dem goldenen Käfig Gutheiden einsam zurückzubleiben.
Bewertungen & Erfahrungen
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4 Bewertungen
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Viele haben hier schon geschwärmt. Ich kann mich dem anschließen. Ein Meister des Stils, der keine dicken und weitschweifigen Wälzer braucht, um seine Welt zu zeigen, die die Welt aller ist, eine Welt voller Gerüche, Farben und Klänge, und wahrnehmungsfähiger Figuren, die sich sehnen und die letztlich immerscheitern.
Ach, man kann ihn förmlich spüren, riechen und schmecken, den baltischen Sommer auf einem abgelegenen Gut in Ostpreußen, wo die verwitwete Fürstin samt ihrem Hofstaat, ihren Verehrern und ihren drei jungen Töchtern residiert. Herrlich zeitlos erscheint das Leben, gefangen in der ewigen Kontinuität des adligen Lebens in der Zeit vor 1914. Das Auftauchen von Autos, die ab und zu über die Landstraße rumpeln wird achselzuckend hingenommen, man selbst nimmt lieber wie gewohnt die Kutsche oder reitet in den Morgenstunden aus. Sommerlicher Müßiggang in der die einzige beherrschende Sorge die Vermählung aller dreien Töchter ist. So erscheint der Lebensweg der drei Prinzessinnen fest vorgezeichnet. Oder wie es die Fürstin im Dialog mit Graf Streith erfasst, die Prinzessinnen seien wie Lokomotiven die auf dem Gleise ihres Lebens dahinfahren, mit dem Ziel der standesgemäßen Eheschließung und sollten Sie vom Gleise abkommen, so seien sie verloren.Unbedingt vom Gleise abkommen will die jüngste Tochter Marie, die bei unerlaubten und "ungehörigen" Abenteuern mit den drei Söhnen des benachbarten Grafen auf den Geschmack kommt und sich dann zunehmend selbst verwirklich will. Sie will das Leben in seiner ganzen Pracht erfassen, sie will einen Beruf erlernen und sie will unabhängig sein...Das Aufbegehren der Jugend wird zwar mit Verwunderung hingenommen, doch obsiegt die apathische Haltung den hergebrachten Konventionen gegenüber; es wird schon alles so bleiben wie es immer war. Wird es nicht. Aber das wissen die Protagonisten noch nicht, sie ahnen vielleicht manches und verdrängen vieles. Die Kinder im Buch wissen nicht, dass sie die Generation sein werden, die den Ersten Weltkrieg mitmacht, den Untergang ihrer Welt betrauert, sich in die Reaktion flüchtet, Hitler den Steigbügelhalter macht oder gleich in SA und SS eintritt und den nächsten Weltkrieg heraufbeschwört in ihrem Furor. All dies ist noch wie hinter einem Vorhang verborgen. Man ahnt die Katastrophen noch nicht einmal und hierin, in ihrer melancholischen Unbeschwertheit, liegt die Kraft dieser Erzählung.Eduard von Keyserling war mir als Autor bislang nicht bekannt, obwohl der Name Keyserling an sich mir durchaus nicht unbekannt war. Letztlich war es dann die reine Neugier, die mich dazu bewogen hat, mir diese Erzählung als Erste vorzunehmen, um einen Eindruck von diesem Autor zu erhalten.Ich sollte nicht enttäuscht werden. Der Autor selbst entstammt ja dem baltendeutschen Adel und kennt die Welt die er beschreibt sehr genau. Und wie er sie beschreibt! In dieser ältlichen, betulichen Sprache, die einen manchmal bei der Lektüre grinsen lässt, die einen aber auch gefangen nimmt, förmlich in die Handlung zieht und einem einen nahe gehenden Eindruck von dem aus der Welt gefallenen, entschleunigten hochadligen Leben vor 1914 vermittelt.
Eine verwitwete Fürstin fortgeschrittenen Alters mit drei Töchtern und ihrer Entourage auf einem baltischen Landsitz - und die Anfechtungen, die das Leben ringsum in die anaerobe Gesellschaft auf Schloss Birkenstein sendet: das ist der Stoff des 1917 erschienenen kurzen Romans von den „Fürstinnen“. Roxane und Eleonore, die beiden älteren Prinzessinnen, nehmen das Schicksal standesgemäßer Fürstenhochzeiten und die darin liegende Selbstverleugnung in glücklosen Ehen noch an; das Nesthäkchen, die tatsächlich oder nur vermeintlich kränkliche Marie hingegen bleibt übervorsichtig umhegt und eingeschlossen in den Grenzen von Birkenstein. Ihre romantischen, aber unbeholfenen und unentschlossenen Versuche, etwas von dem wirklichen „Leben“ draußen mitzunehmen, bleiben in Ansätzen stecken und scheitern am Ende; folgerichtig, denn, wie ihr an einer Stelle entgegengehalten wird: "Prinzessinnen entwickeln sich nicht". Die Fürstin selbst muss ihre späten Träume über eine neue, aber nicht standesgemäße Verbindung mit einem Freund des Hauses, dem Grafen Streith, begraben, weil dieser, noch der aufgeklärteste Kopf der abgehobenen Gesellschaft, trotzig einer momentanen, aber nicht wirklich überzeugend wirkenden Faszination für ein unverhältnismäßig junges, „wie ein Pilz aufgewachsenes“ Mädchen aus herabgesunkenem Adelsstande nachgibt und dabei bereits über dem Verlöbnis mit der ungestümen Britta stirbt.Die Gesellschaft des höheren Adels im Baltikum zu v. Keyserlings Zeit hat offensichtlich unheilbare Zerfallserscheinungen, und hiervon handelt „Fürstinnen“. Weder der Verbleib in der hermetischen Schneekugel des standes- und formenorientierten Lebens noch die Absetzbewegungen an den Rändern der Adelsgesellschaft führen zu glaubhaften und erfolgreichen Lebensentwürfen. Das alles läuft in wunderbarer heller Sprache ab, angefüllt mit verführerisch schönen Bildern und Metaphern, - selten habe ich mich gerade wegen der kultivierten Form so sehr auf den Griff zu einem neuen Buch so gefreut - aber hinter jedem Absatz lauert eben auch eine ironische Brechung, mit der v. Keyserling dem Leser bedeutet: diese Gesellschaft, die früher so sicher und in schönen Formen in sich ruhte, hatte es zu ihrer Zeit nicht mehr anders verdient.
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