„Edinburgh“ von Alexander Chee ist ausgelesen und es bleibt ein seltsames Gefühl zurück.Die Lebensgeschichte von Phi nimmt den Leser mit wie ein Wirbelsturm, er zerrt und reißt, lässt den Leser nicht mehr los, nur um ihn ganz am Ende zerrupft und auf eine ganz eigenwillige Art getröstet an einem friedlichen Ort wieder abzusetzen, fast geborgen, in einer zersprungenen Welt.Das Besondere an „Edinburgh“ ist nicht nur die ergreifende Geschichte von Missbrauch und Verlust des über alles geliebten Menschen, dem Kampf mit der eigenen Schuld, es ist die poetische Sprache, die dem Grauen, dem entsetzlichen seelischen Leid von Phi, Ausdruck verleiht, die nur andeutet und dabei mehr Schärfe erzeugt als jedwede Beschreibung.Der Autor lässt Phi berichten, von seiner Familie, seiner Abstammung, seinem Alltag in einer Kleinstadt in Maine und dem fatalen Beitritt zum Knabenchor, der sein Leben verändern, ihm aber auch Peter begegnen lässt, der leuchtenden Fackel seines jungen Lebens.Es ist mir unmöglich gewesen, das Buch aus der Hand zu legen. Eine beklemmende Reise durch Kindheit und Jugend, Befreiung durch Studium und Beruf und dann, dann wechselt der Autor den Erzähler und nimmt dem Leser den Atem ….Ein forderndes und extrem fesselndes, atemberaubendes Buch über eine menschliche Tragödie, den Versuch, schier unmögliche Verluste zu kompensieren, das „Überleben“ gelingen zu lassen.„Edinburgh“ – ein Buch das sich einbrennt und noch lange, sehr lange mitgetragen werden will - unbedingt lesen!
Chee’s Buch lebt von Fülle. Der erste Teil des Romans berichtet aus der Ich-Perspektive von Phi, dem Protagonisten, im Wesentlichen über dessen Zeit im Chor bei Big Eric, dem breit gebauten Chorleiter, der sich an all seinen Lieblingen jahrelang vergeht. Es ist das erste Drittel des Buches, und dieser Teil hat mir am besten gefallen: Die Perspektive des Kindes, das sich in einer unauflösbaren Verbindung aus Scham, Schuld, Abhängigkeit und Liebe im pädophilen Kosmos des Chorleiters bewegt, trägt diesen Teil inhaltlich und sprachlich stark.Danach wird es mir deutlich zu bunt: Für den weiteren Verlauf der Geschichte, die zugleich die Lebensgeschichte von Phi bis zu seinem dritten Lebensjahrzehnt ist, meint Chee alles auffahren zu müssen, was Spannung, Dramatik und schwules Liebesspiel zugleich verspricht. Das Ganze gipfelt darin, dass der Sohn von Big Eric, Warden, der in einer Privatschule in Maine ist, in die die Wendungen des Lebens auch Phi als Lehrer verschlagen haben, sich in diesen wie magnetisch angezogen verliebt und schließlich seinen aus dem Gefängnis entlassenen Vater umbringt, als er die Fotos der früheren Chorjungen (einschließlich Phi) bei ihm findet und sein Haus in Brand setzt. Dies ist ultimativ zu viel des Guten, und es macht leider auch die Intensität des ersten Romanteils in nicht geringem Maße wieder kaputt.