GELESEN: Oliver Teutsch „Die Akte Klabautermann“Erschienen 2022 bei Axel Dielmann-Verlag309 SeitenOliver Teutsch beschäftigt sich in diesem Roman mit den letzten Lebensmonaten des großen Erzählers Hans Fallada. Noch deutlicher, wenn auch lockerer als Michael Töteberg, dessen Roman „Falladas letzte Liebe“ fast zeitgleich veröffentlicht wurde, schildert er den Alltag, den Fallada mit seiner jungen Frau Ulla meist im Bett verbrachte. In einer ärmlichen Behausung leben sie in den Tag hinein, der vom Rausch bestimmt wurde. Für Morphium, Alkohol und Zigaretten geben sie ihr immer knappes Geld aus.Schauplatz ist das zerbombte Berlin, welches kaum wiederzuerkennen ist. Erst nach und nach kommt wieder Leben in diese tote Stadt.Als Fallada den Ullstein Verlag aufsucht, steigt er, da er den bereits frei geräumten Eingang nicht kannte, zusammen mit seiner jungen Frau Ulla noch über Schuttberge. Dort erfährt er, dass der Lyriker Johannes R. Becher verzweifelt nach ihm sucht. Der Kommunist Becher ist Vorsitzender des neuen Kulturbundes. Er möchte Fallada um jeden Preis gewinnen. Schriftsteller werden händeringend gesucht. Viele sind noch im Exil, einige haben sich dort das Leben genommen und Becher braucht einen Roman, der das Ansehen im Ausland wiederherstellt. In Fallada sieht er dafür den richtigen Mann.Becher hat alles von Fallada gelesen. Fallada lernt Becher erst bei seinem Besuch kennen. Für Lyrik hat er sich nie interessiert. Ab sofort kümmert sich Becher fast um alle Belange des vollkommen „Abgebrannten“. Er bekommt eine bessere Unterkunft, Lebensmittelmarken und Papier. Becher fährt mit Fallada nach Schwerin. Sein Fahrer Rosenberg lenkt den Wagen und hört während der langen Fahrt, was er eigentlich nicht hören will. In Schwerin muss Fallada einen Vortrag halten, der ihm nur gelingt, indem er sich zwischendurch immer einmal eine Nadel setzt.Fallada bekommt die Strafakte der Eheleute Hampel. Diese ist allerdings nicht vollständig. Dass sich die Hampels am Ende gegenseitig beschuldigten, wird Fallada vorenthalten. Diese Tatsache würde die Geschichte beeinträchtigen, die man von ihm erwartet. Fallada möchte aber diesen Roman nicht schreiben. Es braucht eine lange Zeit, bis er es schafft, sich endlich an die Arbeit zu machen. Dass er es dann doch tut, war seiner ewigen Geldnot geschuldet. Dieser Vertrag des Aufbauverlages würde ihn retten, und er wäre endlich einmal wieder schuldenfrei. So macht er sich an die Arbeit, und wie alles in seinem Leben betreibt er es extensiv.Veröffentlicht wurde „Jeder stirbt für sich allein“ erst nach seinem Tod. Den Roman schrieb Fallada in 24 Tagen, und er wurde ein Meisterwerk.Mit einer tollen Beschreibung des Gymnasiasten Rudolf steigen wir ein. Der durch einen schweren Fahrradunfall mit noch nicht einmal 16 Jahren beeinträchtigte junge Mann verändert sich. Der ehemals unternehmungslustige Junge wird nachdenklich und zieht sich zurück. Seine Mutter ist beängstigt.Dieser Roman hat mir sehr gefallen. Er wäre ein guter Einstieg für Leser, die Fallada bislang nicht kannten. Er macht in jedem Fall neugierig auf diesen Mann, der ein ganz großer Erzähler war.Außerdem erfahren wir auch viel über seinen „Mentor“, den Kommunisten Johannes R. Becher, der unter anderem den Text der DDR-Nationalhymne schrieb und der eine ähnliche Jugend wie Fallada (Rudolf Ditzen) hatte. Auch er nahm Morphium, auch er wollte sich das Leben nehmen, und dies gab sicherlich auch den Ausschlag, dass er sich so um Fallada kümmerte, denn ihm geht es gut. Er hat eine Frau gefunden, die ihn stärkt. Dazu ist Ulla, die zweite Frau Falladas, nicht in der Lage. Selbst hochgradig von Morphium abhängig, kann sie ihren Mann nicht retten.
REZENSION – Vor 75 Jahren erschien die zensierte Erstausgabe des Romans „Jeder stirbt für sich allein“ - nur wenige Wochen nach dem frühen Tod seines Autors, des deutschen Schriftstellers Hans Fallada (1893-1947), der eigentlich Rudolf Ditzen hieß. In seiner unzensierten Originalfassung wurde Falladas letztes, inzwischen in 30 Sprachen übersetztes Werk erstmals 2011 im Aufbau Verlag veröffentlicht. Von der Wiederentdeckung dieses zwischen 1962 bis 2016 fünf Mal verfilmten Bestsellers war der Frankfurter Journalist Oliver Teutsch (52) nach eigener Aussage so fasziniert, dass er schon 2014 begann, über die „Entstehung eines Weltbestsellers“ zu recherchieren, wie der Untertitel seines im Januar beim Axel Dielmann Verlag veröffentlichten Debütromans „Die Akte Klabautermann“ heißt.Eigentlich hatte Rudolf Ditzen alias Hans Fallada den Roman „Jeder stirbt für sich allein“ gar nicht schreiben wollen. Oliver Teutsch schildert in lockerem Sprachstil die Zwänge und Nöte der letzte Monate im Leben des alkoholkranken und morphiumsüchtigen Schriftstellers, der gerade zum zweiten Mal verheiratet mit seiner wesentlich jüngeren Ehefrau Ulla im September 1945 aus der Mecklenburgischen Provinz ins zerbombte Berlin umgezogen ist. Der Vorsitzende des neuen Kulturbundes, der kommunistische Lyriker Johannes R. Becher, umwirbt den bekannten Schriftsteller, obwohl andere dem in Deutschland gebliebenen Fallada der Nähe zum Nazi-Regime bezichtigen. Er besorgt ihm ausgerechnet in dem nur sowjetischen Offizieren und wenigen deutschen Funktionären vorbehaltenen „Städtchen“ ein Haus, verschafft ihm Lebensmittelkarten und für die Arbeit notwendiges Schreibpapier. Becher ist es schließlich auch, der Ditzen im November 1945 die Gestapo-Akte „Klabautermann“ über ein Berliner Ehepaar gibt, das gemeinsam zwischen 1940 und 1942 Postkarten mit Aufrufen gegen Hitler verteilte, dann aber denunziert und hingerichtet worden war. Ditzen solle daraus bis Januar einen Roman für den neuen Aufbau Verlag machen. „Es geht hier um den Alleingang zweier kleiner Individuen gegen das große System. … So was interessiert sie doch.“ Mit diesen Worten versucht man Ditzen zu ködern. Doch der Schriftsteller schiebt die Arbeit vor sich her, obwohl er das Honorar dringend benötigt: „Ich bin ein Menschensammler. Politik hingegen hat mich nie interessiert.“ Erst ein finanziell verlockenderer Vertrag Ende September 1946 mit der Filmgesellschaft DEFA gibt ihm den Anstoß.In einem „Schaffensrausch“ schrieb Ditzen den Roman „Im Namen des Deutschen Volkes – Streng geheim“ in nur 24 Tagen nieder, änderte dann den Titel in „Jeder stirbt für sich allein“ und lieferte das Manuskript Ende November beim Aufbau-Verlag ab. Nur sechs Wochen später, am 13. Januar 1947, wurde er ins städtische Krankenhaus Pankow eingeliefert, wo er am 5. Februar 1947 „für sich allein“ im Einzelzimmer ganz am Ende eines Krankenhausflures starb.Mit seinem Romandebüt „Die Akte Klabautermann“ ist Oliver Teutsch ein literaturhistorisch interessantes und durchaus lesenswertes Buch gelungen, um mehr über den Menschen Hans Fallada, den Teutsch im Buch konsequent nur Rudolf Ditzen nennt, zu erfahren, rollt doch Teutsch in Rückblicken und einzelnen Szenen dessen ganzes Leben auf. Für Teutsch ist es deshalb überaus bedauerlich, dass nur wenige Wochen zuvor ausgerechnet der Vorsitzende der Hans-Fallada-Gesellschaft, der Publizist Michael Töteberg, mit „Falladas letzte Liebe“ im November ein Buch über genau dasselbe Thema und Falladas letzten Lebensabschnitt in Berlin veröffentlicht hat. So bleibt es nicht aus, dass sich bestimmte Szenen und gelegentlich sogar Dialoge in beiden Büchern gleichen. Doch es gibt bei Teutsch auch manch eigene Szene wie das Gespräch über die Gründung der DEFA, die Fahrt Bechers mit Fallada nach Schwerin mit einem eindrucksvollen Gespräch über ihre Jugendjahre oder die höchst interessante Debatte im Hause Wilhelm Piecks über Unterschied und Wertigkeit innerer und äußerer Emigration deutscher Schriftsteller.Kritisch mag man vielleicht anführen, dass Teutsch, dem Untertitel seines Romans, „Entstehung eines Weltbestsellers“ entsprechend, mehr Hintergrundfakten zu Falladas Roman hätte einbringen können. Gerade nach „Wiederentdeckung“ des Romans wären doch Hinweise auf Unterschiede zwischen der von den Kommunisten zensierten Erstfassung und dem von Fallada verfassten Original-Manuskript wichtig gewesen. Aber auch so bleibt „Die Akte Klabautermann“ ein literaturhistorisch interessanter, auch für Anhänger reiner Unterhaltungsliteratur gut lesbarer Roman. Er könnte jüngere Leser, denen der Name Hans Fallada nichts sagt, sogar motivieren, dessen gerade in vergangenen Jahren im Aufbau Verlag wieder neu erschienenen und thematisch zeitlosen Bücher zu lesen.