Alfred Adler ist der Gründer der Individualpsychologie. Seine Erkenntnisse hat Adler bereits 1933 in seinem Werk "Der Sinn des Lebens" festgehalten, eines Buches, das 2008 im Anaconda Verlag 2008 wieder veröffentlicht worden ist. Nach Adler verfügt der Lebensstil über alle Ausdrucksformen, das Ganze über die Teile. Nur an einem einzigen Maß können wir nach Adler einen Menschen messen: an seiner Bewegung gegenüber den drei unausweichlichen Fragen der Menschheit: die Stellungnahme zu den Mitmenschen, dem Beruf und der Liebe.Alle drei Fragen erwachsen aus der Bezogenheit des Menschen zur menschlichen Gesellschaft, zu den kosmischen Faktoren und zum anderen Geschlecht. Ihre Lösung bedeutet das Schicksal der Menschheit und ihrer Wohlfahrt. Die Kernfrage der Aufgabe des Lebens ist, ob das Individuum mitgeht, zögert, halt macht, sie zu umschleichen trachtet, Vorwände sucht und schafft, ob es die Aufgabe teilweise löst, über sie hinauswächst, oder sie ungelöst lässt, um auf gemeinschaftsschädlichem Wege den Schein einer persönlichen Überlegenheit zu gewinnen.Adler holt weit aus und konstatiert, dass es im Strom der Evolution keinen Ruhezustand gibt. Das Ziel der Vollkommenheit zieht uns hinan. Dem gegenüber sieht Adler die Menschen, die sich stets nach Verwöhnung sehnen, nach persönlichen Erleichterungen, die durch andere bewerkstelligt sein sollen. Seine Rivalität mit Sigmund Freud, den er sehr schätzte, zieht sich über sein ganzes Werk. Entgegen Freud sieht Adler die Verantwortung beim einzelnen Menschen, der jederzeit sein Verhältnis zur Gemeinschaft definieren und danach leben kann. Eine zentrale Rolle spielt die Erziehung des jungen Menschen durch die Eltern. Hierin zeigt sich das Schicksal und die Fähigkeit jedes Individuums mit der Gemeinschaft zu kooperieren, ihre Position einzunehmen um der Gemeinschaft zur Vollkommenheit, die nie erreicht werden wird, näher zu kommen.Da kein Mensch vollkommen ist hadert der Mensch mit seiner Minderwertigkeit. Das Streben nach Überlegenheit im Sinne des Endziels entreißt nach Adler das Individuum dem Druck des Minderwertigkeitsgefühls. Das Ich holt sich Stärkung aus der Phantasie, um zu einer Lösung vorliegender Probleme zu gelangen. Die Entwicklung der Menschheit war nur möglich, weil die Menschheit eine Gemeinschaft war und im Streben nach Vollkommenheit nach einer idealen Gemeinschaft gestrebt hat. Ob Menschen diese positive Richtung gefunden haben oder nicht drückt sich in allen Bewegungen, allen Funktionen eines Menschen aus. Hier entscheidet sich, ob der Beitrag eines Menschen zur Gemeinschaft vorhanden ist oder nicht. Der Mensch wird durch das Gemeinschaftsideal charakterisiert, gelenkt, gehindert, gestraft, gelobt, gefördert. Jeder Einzelne hat jede Abweichung nicht nur zu verantworten sondern auch zu büßen. Jeder Mensch muss seinen Beitrag leisten. Diese Sichtweise widerspricht nicht zufällig dem Mainstream, wonach viele Menschen versuchen mit möglichst wenig Aufwand von anderen zu leben.
GrundmodellAdler geht von der Grundannahme aus, dass jeden Menschen, der von der Natur „stiefmütterlich bedacht“ (S. 68) und somit ein Mängelwesen ist, ein „Minderwertigkeitsgefühl“ beherrscht; dies gehöre zur „tieferen seelischen Struktur als Teil der menschlichen Evolution“ (23). „DAS GRUNDGESETZ DES LEBENS IST DEMNACH ÜBERWINDUNG“ (48) dieser ursprünglichen Unzulänglichkeit. Schon früh, als Kind, sieht der Mensch sich vor die Aufgabe gestellt, jenes Gefühl zu kompensieren. Das Ergebnis der Art, wie er sie löst – im Idealfall früh, mit der positiv gerichteten „schöpferischen Kraft des Kindes“ (9) -, nennt Adler den „Lebensstil“, in dem sich das „Bewegungsgesetz“ des Menschen ausdrückt. Das Maß der Beurteilung, ob der Mensch seinen als evolutionären Auftrag zu verstehenden Grundkonflikt bewältigt, ist die Frage, wie er sich zu den „unausweichlichen Fragen der Menschheit“ verhält, sich ihnen gegenüber „bewegt“: „die Stellungnahme zum Mitmenschen, der Beruf, die Liebe“ (8) Der titelgebende „Sinn des Lebens“ liegt darin, sich im Umgang mit diesen Fragen zu bewähren. A und O der Problemlösung ist das „Gemeinschaftsgefühl“, die „Angeschlossenheit an das Ganze des Lebens, eine Fähigkeit zu Mitarbeit und Mitmenschlichkeit“ (26). Fehlt dieses Gefühl, mangelt es an der „Fähigkeit zum Mitleben“, entsteht ein „fehlerhafter Lebensstil“ (9): aus dem MinderwertigkeitsGEFÜHL ist ein davon wohl zu unterscheidender, im Gegensatz zu Ersterem pathologisch aufzufassender „MinderwertigkeitsKOMPLEX“ (66 ff.) geworden. Der Weg zu dessen Korrektur, etwa in der Psychoanalyse individualpsychologischer Prägung, ist deshalb in jedem Fall „die Steigerung der Mitarbeit und des Interesses an den anderen“ (10), die Stärkung des verkümmerten Gemeinschaftsgefühls. Freilich bleibt dies eine nicht abzuschließende Aufgabe und der Mensch immer in „Bewegung“, die ihn dem „Ziel der Überlegenheit, der Vollkommenheit, der Sicherheit“ (47) immerhin näher bringt. „Im steten Vergleich mit der unerreichbaren idealen Vollkommenheit ist das Individuum ständig von einem Minderwertigkeitsgefühl erfüllt und von diesem angetrieben.“ (24) „MENSCHSEIN HEISST, EIN MINDERWERTIGKEITSGEFÜHL ZU BESITZEN, DAS STÄNDIG NACH SEINER ÜBERWINDUNG DRÄNGT.“ (49) Die „Hauptfrage der Individualpsychologie“ ist „die Frage, wo will dieses Individuum hinaus, welche Meinung hat dieses Individuum von sich und vom Leben.“ (145)Fehlerhafter Lebensstil und Frage der Veränderbarkeit, der HeilungDen MinderwertigkeitsKOMPLEX (auf den sich, ihn verdeckend, ein „Überlegenheitskomplex auflagern kann) definiert Adler als „die dauernde Erscheinung der Folgen des Minderwertigkeitsgefühls, das Festhalten an demselben“. (79) Pathologische Abweichungen, das heißt schädliche Abweichungen von Gemeinschaftsgefühl, ergeben sich zum Beispiel aus übermäßiger Verwöhnung oder Vernachlässigung in der Kindheit; ein weiteres, besonderes Augenmerk Adlers gilt der “Organminderwertigkeit“, mit der er selber zu tun hatte. Die Fehlentwicklung ist ein „stiller, unverstandener Kampf gegen das Ideal der Gemeinschaft“; an die Stelle des „Common sense“ trete bei den Betroffenen eine „,private Intelligenz‘, die sie zur Sicherung ihrer Abwegigkeit klug benutzen“ (82) - was zumal für diejenigen gelten dürfte, die Adler in einer beiläufig eingeführten Typologie als solche Menschen charakterisiert, „bei denen die Denksphäre die Ausdrucksformen beherrscht“, also der Intellekt ein hypertrophes Ausmaß angenommen hat.Es liegt an der kreativen Freiheit des Kindes (132), welchen Lebensstil es sich unter den gegebenen Verhältnissen zulegt, an seiner „schöpferischen Aneignung und Ausnützung aller dieser Einflüsse“ (102). Die Möglichkeit einer Korrektur scheint erheblich eingeschränkt, trotz allem Optimismus, der Adlers Sicht bestimmt, auch gesamtgesellschaftlich: „Der evolutionär wachsende, unaufhaltsame Fortschritt des Gemeinschaftsgefühls berechtigt zur Annahme, dass der Bestand der Menschheit mit dem ,Gutsein‘ untrennbar verknüpft ist“ (32); oder (72): künftigen Geschlechtern werde das Gemeinschaftsgefühl so selbstverständlich sein wie das Atmen. Die Einschränkung ergibt sich daraus, dass der „Lebensstil, im schlechten Fall durch „Training in die falsche Richtung“ (44), ja sehr früh festgelegt wird, somit in einer Zeit, die lange vor dem bewussten Sich-Verhalten eines Erwachsenen liegt. So selbstkritisch dieser, erfüllt von Veränderungswillen, sich auch zu sich stellen mag – das Wesentliche ist schon geschehen, die Grundprägung unabänderlich vorhanden, das „Bewegungsgesetz“ tief verankert. „Es hängt die ganze Entwicklung eines Menschen davon ab, wie viel Kontaktgefühl in seinem dritten, vierten, fünften Lebensjahr entwickelt ist.“ (133) „So kommt das Kind zu seinem Bewegungsgesetz, das ihm nach einigem Training zu jenem Lebensstil verhilft, in dem wir das Individuum SEIN GANZES LEBEN HINDURCH (Hervorhebung durch mich) denken, fühlen und handeln sehen.“ (101) Zwar unterstreicht Adler, die Individualpsychologie interessiere weniger der “Besitz“ z. B. angeborener Eigenschaften als der “Gebrauch“, den das Individuum davon mache als Teil der “Stellungnahme eines Menschen zu den Lebensfragen (129), doch dies – siehe oben - geschieht so früh, dass von einer bewussten Wahl im Sinne der Entscheidung eines Erwachsenen keine Rede sein kann.Worin liegt nach Adler eine Chance zur Besserung? „Die Heilung und Umwandlung solcher Personen kann nur auf dem Wege des Geistes, durch die wachsende Überzeugung von den Fehlern im Aufbau des Lebensstiles gelingen.“ (106) Eklatant in sich widersprüchlich ist aber der folgende Satz: „Wir Individualpsychologen sind davon nicht überrascht, weil die Lebensform in den ersten Lebensjahren entwickelt und UNABÄNDERLICH ist und einer ÄNDERUNG nur ZUGÄNGLICH (Hervorhebungen durch mich) ist, wenn der Betreffende den Irrtum in der Entwicklung versteht und die Fähigkeit besitzt, sich der Allgemeinheit zum Zwecke der Wohlfahrt der gesamten Menschheit wieder anzuschließen.“ (110) Und der wichtige Anteil des Emotionalen kommt zu kurz, wenn Adler schreibt: „(Die Individualpsychologie) hat auch gezeigt, dass die mangelnde Vorbereitung aus der frühesten Kindheit stammt und sich weder durch Erlebnisse noch durch Emotionen, sondern nur durch Erkenntnisse bessern lässt“ (116) Oder: „Die Heilung kann nur auf intellektuellem Wege, durch die wachsende Einsicht des Patienten in seinen Irrtum und durch die Entwicklung seines Gemeinschaftsgefühls zustande kommen.“ (125)Adler zum Krankheitsgewinn, der auf ein Sich-Drücken hinausläuft: Die Beantwortung der Frage, was der Patient tun würde, wenn er gesund wäre, zeige deutlich, wovor er zurückschrecke (54). Bei einer Patientin, die er ins Spiel bringt, erhebe sich die Frage, ob sie sich mit der Überzeugung erfülle, „nie gesund werden zu können, um die Lösung ihrer Lebensprobleme, vor denen sie sich aus mangelhaftem Gemeinschaftsgefühl fürchtet, hinauszuschieben“. (56) „Perversionen“ im Liebesleben zeichne eine „verengerte Aufmarschbreite“ (131) aus. In Fällen von „Ängstlichkeit, Scheu, Verschlossenheit, Pessimismus“ zeige sich eine „auffallende Distanz zum vorliegenden Problem. Die Vorliebe für das Hinterland des Lebens ist durch die Denkweise und Argumentation des Individuums, gelegentlich durch Zwangsdenken oder durch unfruchtbare Schuldgefühle namhaft gesichert.“ (76 f.) Woanders spricht Adler vom „Gebanntsein hinter der Front des Lebens“, von einem „Entferntsein von der Mitarbeit oder (einem) Suchen nach Erleichterung und nach Ausreden für den Fall mangelnden Gelingens“. (90) Es ist ein „Fernbleiben von den Aufgaben des Lebens“: „Selbst wo sie (die vom Gemeinschaftsgefühl Abweichenden) leiden, wie in der Neurose, sind sie ganz in die Mittel ihrer Vorzugsstellung verwickelt, in ihr Leiden, ohne zu erkennen, wie (besser: dass) für sie der Leidensweg zur Befreiung von den Lebensaufgaben führen soll.“ (83). „In allen Fällen von Fehlschlägen ist die Sonderstellung, die sich das Individuum eingeräumt hat, klar zu sehen, eine Sonderstellung, die es auch mit Leiden, mit Klagen, mit Schuldgefühlen dann und wann bezahlt, ohne aber von dem Platze zu rücken, der ihm mangels seiner Vorbereitung zum Gemeinschaftsgefühl als gelungenes Alibi erscheint, wenn die Frage an (es) herantritt: ,Wo warst du denn, als ich die Welt verteilet.‘“ (84) „Es ist keine Frage, dass der Betreffende leidet, aber er zieht diese Leiden noch immer jenen größeren vor, um nicht bei der Lösung wertlos zu erscheinen“ (112) „Deshalb geht er auch zum Arzt. Was er aber nicht weiß, ist, dass er etwas noch mehr fürchtet: als etwas Wertloses dazustehen... Wir sehen nun, was eigentlich Nervosität ist: ein Versuch, dem größeren Übel auszuweichen, ein Versuch, den Schein des Wertes um jenen Preis aufrecht zu erhalten, alle Kosten zu zahlen, aber gleichzeitig zu wünschen, dieses Ziel zu erreichen, auch ohne Kosten zu zahlen.“ (113) Der Neurotiker „zieht sein Leiden dem Zusammenbruch seines persönlichen Hochgefühls vor“ (118). Also: Entwicklung einer Neurose zum Schutz des – nicht zuletzt vom Urteil der anderen - bedrohten Nimbus = Selbstbild, das einem „egoistischen Hochziel“ (119) entspricht.