„Mein Name sei...“ Mit dieser beschwörenden Formel verwandelt sich der Erzähler in Frischs Roman in andere Persönlichkeiten, wechselt seine Identität und beginnt ein neues Leben. Oder beginnt hier nur eine neue Geschichte, eine neue Vorstellung des Erzählers von sich selbst? Der Leser kann nur schwer unterscheiden, ob die geschilderten Erlebnisse wirkliches Geschehen oder erdachte Handlung eingebildeter Charaktere sind. Es gibt keine Grenzen zwischen Realität und Phantasie, alles geht aus einander hervor und in einander über. Und überhaupt: Was ist Realität, die Welt, wie sie ist, wie wir sie erleben oder doch nur wie wir sie zu erleben meinen?Auf den ersten Blick scheint Frisch ein undurchschaubares Verwirrspiel zu betreiben. Aber bei näherem Hinsehen wird man erkennen, dass ihm eine außergewöhnliche Abbildung der menschlichen Subjektivität gelungen ist. Nie sind wir nur eine Persönlichkeit, immer sind wir ganz unterschiedliche Wesen, die verschiedenste Facetten unserer Individualität wiedergeben, die wir inszenieren oder verbergen, die wir pflegen oder kritisieren, die wir lieben oder hassen. Unmerklich schlüpfen wir von einer Identität in die andere, wobei manche dieser Wesen doch nur in unseren Gedanken vorkommen. Frisch stellt diese gedachten Identitäten gleichberechtigt neben die gelebte Identität, in dem er den erdachten Wesen Namen gibt.Frischs Spiel mit den vielen Wesenheiten eines Menschen entwickelt sich aus einer feinen Wahrnehmung des Alltäglichen. Vor dem Leser wird ein Mikrokosmos banaler Ereignisse und flüchtiger Beobachtungen ausgebreitet. Daraus entwickelt sich die Gedankenwelt des Erzählers, die wiederum die verschiedenen Wesen seiner Persönlichkeit zu ihren erdachten Erlebnissen ausschickt. „Ich probiere Geschichten an wie Kleider!“ Dabei bedient sich Frisch einer unaufgeregten Sprache und eines beiläufigen Stils. Es wird nur angedeutet, angestoßen, angeregt: Das Bild im Ganzen entsteht erst im Kopf des Lesers, bestimmt von seinen Erfahrungen, Gefühlen und Stimmungen. Und immer irgendwie anders.Dieses Buch fasziniert durch die Einsicht, dass Leben ein beständiges Selbst-Experiment ist, was wir uns jedoch nur selten selber eingestehen. "Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält." Was real ist an unserem Er-Leben können wir kaum noch erkennen, weil wir viel zu verstrickt sind in der eigenen Fiktion. Wie Frisch dies herausarbeitet ist meisterlich, anregend und überraschend. Und manchmal ist man über sich selbst erschreckt.
Wahnsinnsidee:Der Romanheld spielt, er sei blind. Sein Name sei Gantenbein. So denken seine ihn umgebenden Menschen (und an allererster Stelle seine wunderschöne Frau) sie können v o r s e i n e n Augen tun und lassen, was sie wollen. Moral spielt keine Rolle mehr in ihrem Verhalten. Denn sie glauben, er sieht nicht, was sie tun.Eine faszinierende Analyse der menschlichen Abgründe. Max Frischs vorgeschlagene Antwort, um nach der Erkenntnis der Verderbtheit menschlicher Charaktere halbwegs ohne emotionalen Schaden in seinem Umfeld, der Gesellschaft fortzubestehen: Nichts sehen.Zwar dadurch ein bischen behindert wirken, aber Darüberstehen. Und weil man sich nicht aufregen muss (für die Mitmenschen, weil die ja gar nicht wissen, dass man weiß), kann man ruhig und gelassen daneben stehen und sein Leben leben.Max Frisch lässt seine Hauptfigur in 2 Rollen erzählen, im unwillkürlichen Wechsel zwischen Wirklichkeit und Imagination.Dies ist kein belletristischer Roman, der sich einfach so herunterliest. Aber wenn man sich erst einmal eingelesen und an die besondere Stilistik gewöhnt hat, ist man gebannt und kann nicht mehr aufhören.