Dieses Buch ist ein Musterbeispiel dafür, wie wichtig die Diskussionen über das Gendern sind. Weil zum Zeitpunkt des Erscheinens zufällig gerade Frau Merkel Bundeskanzlerin war, wird im Text zu diesem Amt vorbildlich gegendert. Auf der nächsten Seite zum Bundespräsidenten ist das allerdings offenbar nicht nötig, da es ja bislang noch keine Frau in diesem Amt gab. Immerhin wird erwähnt, dass das Amt auch eine Frau übernehmen "könnte" (wohlgemerkt "könnte" und nicht "kann"). Wenn auf einer anderen Seite von "Ärzten" und "Lehrern" und zugleich aber von "Erzieherinnen" die Rede ist, werden Rollenbilder sehr eindrucksvoll zementiert. Ebenso aus der Zeit gefallen sind die Formulierungen zum Thema Kinderbetreuung. Warum erwähnenswert ist, dass Väter meist mehr verdienen, erschließt sich mir nicht. Es wirkt zudem so, als gingen Mütter nur dann arbeiten, wenn die Familie das Geld braucht und das Einkommen des Vaters alleine nicht ausreichend ist. Es wird postuliert, dass Mütter genauso einen Beruf haben dürfen wie Väter - ernsthaft?! Die Personen auf Fotos und Grafiken auf der Titelseite sowie auf den Seiten, auf denen es um die Repräsentanten des Volkes geht, sind ausschließlich Männer.Wenig überraschend ist, dass die Vielfalt von kulturellen Hintergründen von Bürger:innen und Politiker:innen in diesem Werk keine Rolle spielt. Selbst die Namen der potenziellen Klassensprecher:innen spiegeln dies wider. Auch die Tatsache, dass nicht alle Familien aus Vater, Mutter und Kind(ern) bestehen, findet keinerlei Erwähnung und Abbildung.Ein weiterer Punkt, der für Irritationen sorgen könnte (insbesondere, wenn das Buch nicht mit Erwachsenen gemeinsam angeschaut wird, sondern ausschließlich mit der mitgelieferten CD) ist, dass es in Zusammenhang mit Obdachlosigkeit heißt, Kinder müssten hilfsbedürftigen Eltern helfen, bevor der Staat dies tue. Gemeint ist natürlich, dass ERWACHSENE Kinder dies tun müssen. Das steht dort aber nicht und insbesondere Kinder von beispielsweise suchtkranken Eltern, könnten dies leicht missverstehen. Eine Kleinigkeit, die aber sehr ernste Folgen mit sich bringen kann.Fazit: Ich konnte kaum glauben, dass das Buch, das ich mit meinem Kind gelesen habe, im Jahr 2020 erschienen ist!