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Ich habe mich zum Fan gemausert. Diese Autorin kann schreiben, Menschenbegegnungen splittern sich auf in ihrer letzten Unsicherheit. Armes Schottland, armes Glasgow. Was macht wer und wie ist es im Dialog gemeint? Was sagt sie oder er über sich und was erscheint an der Oberfläche und was liegt in der Tiefe? Jede Szene (bis auf eine) ist gelungen.Der Plot: Adoptiverwachsene Ärztin gründelt im Sumpf von Drogen und Prostitution ihrer jung ermordeten biologischen Mutter und wird unheimlich hitchkockmäßig bedroht.In einem einzigen Dialog (nur einer Szene) entgleitet das ein wenig. Sie spricht dabei mit einer ihr unbekannten Hure um zu erfragen und erfühlen was immer sie selbst beschäftigt an der Lage der Anderen und eigentlich ihrer toten Mutter. Das ist aber nur ein Detail, dieses genialen Textes.Die Geschichte, der Plot selbst, tritt in den Hintergrund der gut gesetzten Worte, der treffenden Sätze. Allein die Beschreibung eines Restaurants in das Viele nahezu pilgern, trotz des mäßigen Angebotes als Ort der alkoholgewängerten Annäherung, wunderbar. Im schlechten Segment spricht jeder gut von ihm erpicht auf Kontakt mit dem anderen Geschlecht am Nachbartisch.So bleiben alle Personen gebrochen, Beziehungen trüb und voller Hoffnung. Es gibt Lichtstrahlen in der Düsternis, die manchmal aufscheinen. Die Tante Nikki zunächst leicht verrückt, ja etwas irre wirkend, stellet zu zunehmend als taff heraus. Das tut beim Lesen richtig gut.Wie im Text selbst, wer die Geschichte, die erzählt wird, beschreibt, bleibt an der Oberfläche, in die Tiefe der Sprache von Denis Mina (übersetzt von Karen Gerwig) muß man hinabsteigen. Der ist weder solide, noch Qualität. Der ist genial!
Bei Margo läuft es momentan nicht rund. Ihre Adoptivmutter ist gestorben und ihre Beziehung steht vor dem Aus. Sie ist schwanger, möchte wissen, wo sie herkommt und sucht deshalb nach ihrer leiblichen Mutter. Die Adoptionsagentur vermittelt ihr den Kontakt zu deren Schwester Nikki, und was diese ihr erzählt, ist für sie mehr als schockierend. Susan war eine drogenabhängige Prostituierte und wurde wenige Monate nach Margos Geburt brutal ermordet. Die Ermittlungen der Polizei? Oberflächlich und ergebnislos. Kein Wunder, ist Susan doch ein „Totstück“, deren Tod niemand kümmert. Ausgegrenzt nicht nur während ihres Lebens, sondern auch noch im Tod.Nikki bringt es auf den Punkt: „Früher in New York, wenn da Obdachlose umgebracht wurden, haben die Cops die Akte mit dem Vermerk NHI abgelegt: No Humans Involved. Nicht mal menschlich. Wenn unsereins umgebracht wird, nennen sie uns „Totstücke“, als ob wir von vornherein nie wirklich lebendig gewesen wären“. (S. 143).Margo hingegen, so Nikkis Überlegung, sei schon aufgrund ihres Berufs als Ärztin ein respektiertes Mitglied der Gesellschaft und könnte so dafür sorgen, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden und der Mörder seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Aber sie zwingt sie auch dazu, ihre Weltsicht zu hinterfragen: „.. wahrscheinlich macht man so einen Job doch nur, wenn man irgendwie traumatisiert ist.“ Nikki schließt die Augen. „ARM“ sagt sie entnervt. „Sie war arm...Deshalb haben wir es gemacht.“ (S.142)Es ist nicht die Suche nach dem Täter, die im Zentrum dieses Romans steht, es ist vielmehr die Frage, wie eine Gesellschaft mit Menschen umgeht, die weder Prestige noch Macht und vor allem keine Lobby haben. Basierend auf einer realen Mordserie unter Glasgows Prostituierten in den Achtzigern stellt Mina die Frage, ob wir es zulassen sollten, dass Status und Privilegien den Wert eines Todesopfers bestimmen, denn „jede/r Tote zählt“. Nachdrücklich empfohlen.
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Letzte Aktualisierung: 15.10.2026 14:16 Uhr.