Oskar Maria Grafs Biografie "Gelächter von außen", erschienen 1966, beschreibt u.a. den Übergang zum Nationalsozialismus und erklärt aus seiner Sicht, wie es dazu kommen konnte. Diese Zeit hatte er bereits in seinem Werk "Wir sind Gefangene" 1927 beschrieben und es ist erstaunlich, wie er bereits damals, fast 40 Jahre vorher, zu den gleichen Ergebnissen gekommen war.
Wer bereits "Wir sind Gefangene" von Oskar Maria Graf gelesen oder sich insgesamt in seine Schriften eingelesen hat, wird in dieser Fortführung seiner Biographie einigen Wiederholungen, bzw. Varianten seiner Erlebnissen begegnen; was ich als sehr bereichernd erlebt habe. Ich kann das Buch jedem nahe legen, wer mehr über diesen ungewöhnlichen Menschen und der Zeit nach dem 1. Weltkrieg bis zur Machtergreiffung der Nationalsozialisten in schonungslos persönlichen und ausserordentlich spannend lebendigen Beschreibungen erfahren möchte. Begegnungen mit anderen Zeitgenossen, bis hin zu Hitler können wir, in diesem viel zu wenig beachteten Buch, gemeinsam mit Oskar erleben, sich mit ihm empören, leiden und vor allem auch herzhaft lachen. Wunderbar! Oskar at his best...
Diese anekdotischen Erinnerungen schrieb Oskar Maria Graf (1894-1967) im verlängerten New Yorker Exil, sein letztes Buch.Fazit:Graf mischt etwas heterogen politische Abrisse, eigenes Erleben und Anekdoten über andere und schreibt dabei über 500 Seiten hinweg sehr flüssig, robust und mitunter etwas stilisiert schlicht. Er stellt sich unentwegt als Kauz und Provokateur dar und verrät wenig über sein Inneres (das hat ja auch sein Gutes), noch weniger über seine Partnerin.Mit rund 520 eng bedruckten Seiten wirkt die dtv-Taschenbuchausgabe sehr massiv. Das Buch lässt sich jedoch flüssig lesen. Oskar Maria Graf erreicht stilistisch zwar nicht die Geschlossenheit seiner Romane wie Die Chronik von Flechting, Bolwieser oder Leben meiner Mutter. Er schreibt aber stets ansprechend, reduziert und uneitel – manchmal fast schon selbstgefällig uneitel mit einer etwas aufdringlichen Außenseiterpose, die er nicht nur mit Fleiß gegen seine Zeitgenossen, sondern auch gegen den Leser herauskehrt.Mitunter wirkt Graf zu episodisch, lässt Handlungsstränge offen, wie ein begabter Erzähler am Küchentisch, der indes kein geschlossenes, klar chronologisches und vollständiges Werk anstrebt. Die oberbayerische wörtliche Rede klingt allerliebst, und einmal beweist Graf auch Talent fürs Rheinländische.Bohème und bekannte Namen:Graf verspottet sich, sein Künstlertum und seinen Geldmangel der frühen Jahre unentwegt selbst. Anekdotenselig lässt Graf zunächst einen Kauz nach dem andern auftreten; die prekär lebenden Münchner Dichter und Maler erinnern unwillkürlich an Spitzwegs "armen Poeten".Graf erklärt die Münchner Bohème für tot, doch die Beschreibungen der frühen 1920er klingen wie Bohème. Flüchtig trifft Graf in München und Berlin Prominente wie Thomas Mann, Bert Brecht, Heinrich George, Ricarda Huch, Willy Seidel, Rilke (ausführlicher), Oswald Spengler oder Eduard Keyserling und spätere Nazigrößen wie Hitler und Göring.Neben den lesenswerten Kurzportraits und Erlebnissen liefert Graf immer wieder lange geschichtliche Abrisse im anklagenden Ton eines enttäuschten Antikapitalisten, u.a. zu Räterepublik, Hitlerputsch und Hitlers Machtübernahme. Die lese ich lieber in einem Geschichtsbuch als von einem dezidiert politisch schlagseitigen Exilautor.Politik, Käuze und Streiche:Graf schreibt zu gern über Politik, über Käuze und Streiche und zu ungern über sein Innenleben: von seinem Schaffensprozess erfahren wir fast nichts, außer ein bisschen Selbstspott, ebensowenig über seine kurze erste Ehe, seine Tochter und die anschließende lange Beziehung mit Mirjam Sachs.Einmal berichtet er äußerst kritisch über die Lebensläufe seiner Geschwister, bezeichnet diesen Abschnitt aber als "Einschaltung" – also als Abweichung vom Hauptthema – und danach macht er mit dem Hitlerputsch weiter, den er aus einer Hitler-Biografie nacherzählt. Verzichtbar.Um 1918/19 hatte Graf Hitler ein paarmal auf der Straße getroffen und ordentlich düpiert. Das schildert Graf sehr unterhaltsam, und man wüsste gern, ob solche und andere Anekdoten über Prominente stimmen. Doch darauf geht Peter Kritzer in seinem wolkigen, gut fünfseitigen Nachwort nicht ein. Graf selbst scheint die Auftritte der Zwischenkriegsprominenz nicht so ernst zu nehmen, denn ein Personenregister gibt es in dieser Autobiografie nicht.Von Grafs Familie hätte ich dagegen gern mehr gehört, die "Einschaltung" über seine so unterschiedlichen und meist verfeindeten Brüder und Schwestern klingt unterhaltsam. Zwar schreibt er, dass nur sein lebenslustiger älterer Bruder Laurenz einen ganzen Roman rechtfertigen würde; doch tatsächlich erscheinen andere Geschwister - der Konditor Maurus und die mit ihm verfeindete Therese – ausführlich in Grafs Roman Die Chronik von Flechting (1927).Zulukaffer aus Berg am Starnberger See:Ab Mitte der Zwanziger wird Graf erfolgreicher und hat mehr Geld. Zähneknirschend gesteht er, dass ihm bourgoise Finanzkraft behagt. Er wird dann in den PEN-Club eingeladen, quasi als Chinua Achebe Oberbayerns (oder als bayerischer Boccaccio?), und sieht sich auch selbst im Kreis der erlauchten Berliner Schriftstellerkollegen als "Zulukaffer" vom Dienst.Allgemein über seinen Schreibprozess redet Graf nicht, er lässt sich nicht in die Werkstatt blicken. Wir hören aber die Entstehungsgeschichte des bayerischen Dekamorone und der Heimsuchung. Nach Grafs Darstellung trieben ihn in erster Linie Verlage und Geldsucht zur Niederschrift. Dazu ein paar heterogene Bruchstücke zur Entstehung von Wir sind Gefangene.Mit Gelächter von außen schließt Graf an seine gefeierte erste Autobiografie an, Wir sind Gefangene, die bereits 1927 erschien und Grafs Jugend und Kriegserlebnisse sehr hart schildert. In beiden Büchern bespricht Graf die Novemberrevolution und die Münchner Räterepublik von 1919 sowie seine Arbeit als Schwarzmarktschieber. Graf wollte sein Leben ab 1933 in einer weiteren Autobiografie beschreiben, kam aber nicht mehr dazu."Anekdotisches Material, in Häppchen zu genießen..." – die Kritiker:Der Spiegel:In seiner neuen Autobiographie rekapituliert Graf, nun 71, was das Leben ihm an Suff und Sex gebracht hat - ein Voralpen-Gorki und kernig-radikaler Bürgerschreck.Versalia.de:Dabei griff Graf auf die anekdotische, lakonische Reminiszenz zurück, ohne jemals ins Triviale abzugleiten... Graf gelingt es, die historische Dichte wie etwas Unvermeidliches dahin gleiten zu lassen, ohne sich parteiliche Zwischenverweise zu verweigern. Passagen wie die über den Hitlerputsch können grotesker nicht sein... Wie in Wir sind Gefangene erregt die Courage zur Wahrheit und Selbstoffenbarung.Norberto42:Wenn Graf nach 40 Jahren die alten Geschichten erzählt, darf man natürlich nicht meinen, das seien Protokolle der damaligen Gespräche und Ereignisse – es sind gut erzählte Geschichten, ohne genaue Datierung, oft thematisch geordnet.Giesbert Damaschke im Klassikerforum:Anekdotisches Material, in Häppchen zu genießen, mitunter informativ, als Quelle fragwürdig, atmosphärisch wichtig und schon wegen seines "Nachad machma halt a Revolution, damit a Ruh is" wichtig zum Verständnis der Münchner Mentalität. Trotzdem - 500 Seiten? Dazu ist dann doch ein zu formloser Brei.Gerhard Polt im Interview:Schaun’s, es gibt so eine wunderbare Szene in Oskar Maria Grafs „Gelächter von außen“. Da schreibt er, wie er mit dem Hitler in München sitzt und Schmalznudeln isst und einen Kaffee trinkt. Wenn ich das vorlese, lachen sich die Leute kaputt.