Jede/r der sich für Transaktionsanalyse als tiefenpsychologisches Modell interessiert und die Theorienwelt ein wenig kennt wird in dieser Biographie ein hervorragendes Werk entdecken und Fanita English schnell ins Herz schließen.Dabei erlebe ich mich als Leser mitten hinein genommen in die Entwicklungsphase dieses damals neuen Beratungsansatzes. Fanita English gibt dabei tiefe Einblicke in Begegnungen und auch Auseinandersetzungen mit Eric Berne und spricht auch offen über eigene Katastrophen in ihrem Unternehmerleben, in dem sie von einer Mitarbeiterin umfassend betrogen wurde und alles verloren hat, was sie über Jahre aufgebaut hatte. Auch der Tod ihres Sohnes berührt in der Erzählung von Anita English sehr!Da sie finanziell komplett gestrandet war, hat sie sehr viel länger arbeiten müssen, als vielleicht geplant. Wie schön, dass ihr Weg sie dabei nach Europa und auch Deutschland führte und sie dort über Jahrzehnte sehr aktiv als Transaktionsanalytikerin gearbeitet hat.Drei Jahre lang hat Sigrid Röhl als Autorin dieser Biografie Fanita English über ihr Leben und ihre Arbeit befragt und in 200 Seiten Buch gebracht.Etwa die Hälfte des Buches ist dabei der Biografie von Fanita English gewidmet, bevor sie Eric Berne als Begründer der Transaktionsanalyse und Fritz Perls als Begründer der Gestalttherapie begegnet ist.In Rumänien geboren, im Elternhaus französisch sprechend, eine österreichische Kinderfrau, ein englischsprachiges Gymnasium in Istanbul. Studium in Paris, dort ebenso die wichtigen Persönlichkeiten der Psychoanalyse erlebt, wie auch Piaget.Schnell wird deutlich, wie viel verschiedene Sprachen und Kulturen Fanita English bereits in jungen Jahren kennengelernt hat. Und wie oft sie in neue Länder und in neue Städte gezogen ist.Ihre späte aber unbefriedigende Ehe spricht sie ebenso offen an, wie das Thema der Beziehungen zu ihren Eltern oder auch das eigene Erleben von Sexualität.Mitten im 2. Weltkrieg entkommt sie mit ihrre Mutter den deutschen Truppen in Frankreich, von Lissabon aus reist sie in die USA, eigentlich um von dort weiter nach Argentinien zu ihrem Verlobten zu reisen, was nicht passieren wird. Es wird es das letzte Schiff sein, das Europa mit jüdischen Reisenden verlassen kann, die Jüdin Fanita English wird dies erst hinterher erfahren.Sie beginnt als Therapeutin tätig zu werden, wird später Eric Berne kennenlernen, den sie leider nur auf wenigen Seiten beschreibt, auf denen aber ebenso wie bei der Beschreibung von Fritz Perls deutlich wird, dass beide dieser großen Therapeuten menschlich schwer auszuhalten waren. Virigina Satir kommt ebenfalls kurz vor, Bruno Bettelheim begegnet ihr ebenfalls, aber auch er mit einer sehr zwiespältigen Erfahrung seiner Persönlichkeit.Sie ist unendlich viel gereist, umgezogen, erlebte schwere Ehejahre, die auch finanziell eng waren. Die unglückliche Ehe zu ihrem Mann beschreibt sie ebenso offen, wie die zwiespältigen Erfahrungen mit den großen Personen wie Berne und Perls, der ihr sogar einmal in einer Veranstaltung einen Stuhl hinterher geworfen hat. Dabei zeigt sie offene ihre eigenen Anteile und Schwierigkeiten.Die bedeutende Phase ihres Wirkens in eigenem Institut in Philadelphia in der sie konsequent ihre eigenen Theorien entwickelte kommt leider sehr kurz davon.Deutlich wird aber durchgehend wie schwer es Gründergestalten wie Berne, Perls oder Bettelheim fiel, Kritik oder die Zusammenschau ihres therapeutischen Ansatzes mit anderen Ansätzen zu kombinieren.Der relativ lange Teil der Beschreibung ihres Lebens bis in die 60er ist spannend zu lesen, aber ich hätte mir noch mehr Beschreibung der Begegnungen mit Berne und Perls gewünscht, ebenso noch mehr Raum, um von ihren eigenen Weiterentwicklungen zu erfahren.Immer wieder finden sich eingestreut Theoriekonzepte, die in verständlicher Sprache als Einschub erläutert werden.Um wirklich Transaktionsanalyse (TA) auch nur ansatzweise zu verstehen, reicht dies nicht, kann aber einen ersten Zugang wichtiger Begriffe erleichtern. Dabei begegnen auch dem Leser mit TA-Kenntnissen Begriffe, die sonst nicht in der Mitte der TA zu finden sind, z.B. Überlebensschlussfolgerung, die zwei Persönlichkeitstypen Untersicher und Übersicher, Episcript, die „heiße Kartoffel“, ihre Trieb-Motivationstheorie mit Überlebens-, Ausdrucks- und Ruhetrieb und andere mehr.Spannend ist in der Auseinandersetzung mit Theorie ihre kritische Reflexion in Bezug auf Berne, so am Beispiel des von Berne benutzten Begriffs „racket“, deutsch meist als „Maschengefühl“ benannt, wo sie den sehr viel neutraleren Begriff des „Ersatzgefühls“ benutzt.Fanita English hat die Entstehungsgeschichte der humanistischen Psychologie in den USA live erlebt und zeigt dabei auch auf, wie sehr der eigene Erfahrungshintergrund ob bei Freud, Berne oder anderen auch Einfluss auf ihre therapeutischen Modelle gefunden hat. Und auch eine kritische Reflexion zu der Arbeit des Ehepaar Schiffs als einer der Schulen der TA fehlt nicht.Dabei erlebt der Leser durchgängig eine sehr reflektierende Fanita English.Am Ende erlebe ich großen Respekt vor der Lebensgeschichte dieser mutigen Kosmopolitin, die Zeit ihres Lebens äußerlich und auch innerlich beweglich geblieben ist.Im Jahre 2019 ist Fanita English 103 Jahre alt und… „still alive“.Es ist ein großartiges Buch, dass ich kaum zur Seite legen konnte!Für jeden Transaktionsanalytiker ein absolutes MUSS!