Wie so oft, ist auch in diesem Fall der englische Untertitel genauer, was nicht etwa an einer Unzulänglichkeit der deutschen Sprache liegt (von der man in der sehr sachkundigen Übersetzung auch nichts merkt): Rainbow Body. A History of the Western Chakra System from Blavatsky to Brennan. Es handelt sich um eine großartige Geschichte des Chakra-Systems, wie es sich bis heute in einer östlich-westlichen Wechselwirkung herausgebildet hat. Der Autor, ein Gelehrter und Künstler, was seine Diktion seriös und locker zugleich macht, kämpft gegen die „Quellen-Amnesie“, also Herkunftsvergessenheit, die besonders in der esoterischen Szene herrscht. „So wird endlich nachvollziehbar, welches Wissen am Anfang stand und wie es über anderthalb Jahrhunderte hinweg weitergereicht wurde. Ein Werk, das Jahrzehnte an Arbeit und ein ungeheures Wissen erforderte! Eine meisterhafte Studie.“ Diese Sätze aus dem Klappentext des Verlegers sind keineswegs übertrieben. Im Gegenteil, da sich die „anderthalb Jahrhunderte“ nur auf die neuere westliche Rezeption und Weiterbildung des alten indischen Wissens beziehen. Der amerikanische Autor und Musiker (mit anscheinend deutschen Wurzeln) fasst seinen Gedankengang schon in der Einführung besser zusammen, als es dem Rezensenten möglich wäre:„Teil Eins ‚Osten ist Osten und Westen ist Westen‘ handelt von der frühen Evolution des Chakrasystems. Ich untersuche den indischen Hintergrund dieses Systems und entwickle nützliche Übersetzungen von wichtigen Sanskrit-Begriffen wie Tantra, Yoga, Nadi und Kundlini. (…) In Teil Zwei ‚Esoterische Matrix: Die Chakra-Lehren von H.P. Blavatsky (1879-1891) und der Theosophischen Gesellschaft bei der Übermittlung östlicher Lehren in den Westen – und deren radikale Veränderung auf diesem Wege. – Teil Drei ‚Wirbelnde Räder: Theosophische Hellsicht (1980er – 1920er Jahre) beschreibt ausführlich die Beiträge von Theosophen wie Annie Besant und Charles W. Leadbeater zum westlichen Chakra-System sowie jene von Rudolf Steiner und weniger bekannten Gestalten (…) Teil Vier ‚Chromotherapie: die Lehre von den Strahlen,Farben und Drüsen (1920er – 1950er Jahre)‘ präsentiert die Ergebnisse meiner Recherchen darüber, wie die Regenbogenfarben und die endokrinen Drüsen mit dem westlichen Chakrasystem assoziiert wurden. Außer Alice Bailey und Edgar Cayce sind die hier behandelten Gestalten größtenteils unbekannt. – In Teil Fünf ‚Gelehrte, Swamis und Seelenklempner (1930er – 1970er Jahre)‘ stelle ich die Beiträge zur Evolution des westlichen Chakrasystems von europäischen und amerikanischen Gelehrten wie C.G. Jung und Joseph Campbell vor sowie die Arbeiten von mehreren indischen spirituellen Lehrern wie Ramakrishna und Sri Aurobindo bis Swami Rama. Insbesondere konzentriere ich mich auf das Human Potential Movement des Esalen-Instituts. (…) In diesem Teil gebe ich die Geburt des westlichen Chakrasystems in der uns bekannten Gestalt im Juni 1977 bekannt; sie ist ein Resultat von Esalens einzigartiger Kombination von östlicher Mystik, westlicher Esoterik und europäisch-amerikanischer Psychologie. – Teil Sechs ‚Licht-Räder rollen weiter‘ (1980er Jahre und darüber hinaus) handelt von den Spätfolgen dieser Geburt, darunter einer Reihe von heute vergessenen konkurrierenden Systemen sowie Kontroversen aufgrund unterschiedlicher Zahlen, Namen, Positionen, Farben und Funktionen zwischen diesen Systemen. (…) Dies war auch das Jahrzehnt, als innovative Praktiker auf dem sich neu entwickelnden Gebiet der Energiemedizin anfingen, das Chakrasystem in verschiedenen Formen der Körpertherapie anzuwenden, darunter Akupunktur, Polarity und Reiki. Gegen Ende der Dekade bot die Bestseller-Autorin und Schauspielerin Shirley MacLaine öffentliche Workshops über die Chakras an – und ihren Auftritt in der Tonight-Show am 4. Oktober 1990 könnte man als die Coming-Out-Party des westlichen Chakra-Systems bezeichnen. Dieses war nun nicht länger eine esoterische Yoga-Lehre, sondern Teil einer Pop-Kultur geworden“ (19 f). Der Autor schließt sein mutig vorweggenommenes Resümee, worin man viel Ironie versteckt sehen könnte, mit den optimistischen Worten: „ Ich betrachte die Entwicklung des westlichen Chakrasystems als die Verkörperung eines zutiefst bedeutungsvollen Archetyps der Erleuchtung, dem Osten und dem Westen gemeinsam – dem Archetyp des geistig vollendeten Wesens, das wir so oft auf den Umschlägen von Büchern über die Chakras sehen: Eine strahlende, meditierende menschliche Gestalt, hell im regenbogenfarbigen Licht, die unser spirituelles Potenzial ganz verwirklicht hat, so dass jedes Chakra eine Stufe der Evolution auf dieser heiligen Entwicklungsreise repräsentiert“ (22). Es fehlen – erstaunlicherweise - nur noch die Spiral Dynamics des Don Beck als neueste Entwicklung auf dem farbigen Jahrmarkt der spirituellen Selbstbestätigung und Fremdbewertung!Mit diesen Bemerkungen kündigt sich meine Kritik an, mit der ich die Leistung dieser so kenntnisreichen Geschichtsschreibung nicht schmälern will. Gerade das Hin und Her der theoretischen wie praktisch-heilerischen Deutungen der Chakren macht anschaulich, dass ein systematischer Gesichtspunkt, ja eine Herleitung der Chakren nicht einmal durch die (von den Mahatmas genährte) Hellhörigkeit der H.P. Blavatsky noch durch die geschulte Hellsichtigkeit ihrer unmittelbaren Nachfolger Annie Besant und Charles W. Leadbeater ersetzt werden kann, sondern offenbar für unsere gegenwärtigen Bedürfnisse in einer wissenschaftlich geprägten Welt dazu gehören muss. Schon zwischen H.P.B. und Besant/Leadbeater besteht eine erhebliche Differenz, m.E. eine positive Klärung, in der Benennung und Deutung der Chakren 2 bis 4, die der sonst so sorgfältige Chronist nicht hervorhebt: Aus Sicht des ontologischen Systematikers, der den Zusammenhang der wurzelhaften Körper-Seele-Geist-Dreiheit der menschlichen Wesenskomponenten mit der resultierenden Siebenfachheit der „Körper“ oder Seinsebenen des Menschen in einem Drei-Kreise-Modell more geometrico aufgezeigt hat (seit 1988 in „Öko-Logik“), fühle ich mich darin bestätigt, dass selbst jene hohen Gaben der Hellhörigkeit und Hellsichtigkeit der denkenden Systematik nicht entbehren können – und dies offenbar auch nach dem Willen der Mahatmas nicht sollen. Sonst würden diese das relative Durcheinander jener divergierenden Deutungen im Gefolge des mächtigen Anstoßes von H.P.B. nicht zulassen. Dieses Durcheinander und die damit verbundene Unsicherheit in der Lebensbedeutung der Chakras verstehe ich als ihre Herausforderung zum eigenen, gewissenhaften, rekonstruktiv hinschauenden Denken. Gleich ob jene systematische Herleitung nun im Sinne des Rasters von Leland (79-81) eher innovativ-formativen oder konsolidierend-interpretativen Charakter hat, möchte ich sie ihm in aller Bescheidenheit unterbreiten. Das Drei-Kreise-Modell von Körper-Seele-Geist würde manche Verkürzungen wie z.B. die einfache Parallelisierung mit der Bedürfnispyramide A. Maslows (345) sowie andere fragwürdige Listen, etwa der von Swami Rama (357) durchschauen lassen. Allgemein wird durch die bloße Linearität der Schichtung der Chakren die eigentliche Problematik ihrer Integration, besonders der von Kopf und Herz, nicht erkennbar und thematisierbar. Zugrunde liegt eben die (logisch mehrwertige) „Durchdringung“ jener drei Wurzelprinzipien, und diese ist mit einer zweiwertigen Linearität allein nicht aufweisbar. An Oshos "In Search of the Miraculous" kritisiert der sonst überaus neutrale Chronist: „Er gab kein Anzeichen dafür, dass sich die Körper in Schichten der Aura befinden oder jeder Körper sein eigenes Chakrasystem besitzt“ (410). Diesen Gedanken „mehrdimensionaler Chakras“, den Leland nicht erst bei Brennan, sondern schon bei Leadbeater zu finden meint (425), halte ich, so modisch verlockend er klingt, im Sinne einer Multiplikation für abwegig: Die Chakren sind gerade für die „Körper“, also die resultierenden Seinsebenen des Menschen, spezifisch. Denn sie haben denselben Ursprung aus der Körper-Seele-Geist-Dreiheit, sind in einem Zuge aus dieser herzuleiten. Das schließt ein, dass jedes Chakra die Ganzheit der Aura durchdringt oder mitprägt. Dies ist jedoch etwas anderes als die angebliche Multiplikation der Chakren in jedem „Körper“, jeder Auraschicht.Diese kontroversen Anmerkungen resultieren sämtlich aus dem Fehlen einer systematischen Herleitung (genauer: Rekonstruktion) des Chakrasystems. Es ist eben falsch, im Sinne einer gedankenscheuen Populäresoterik der philosophischen Systematik eine bloß exoterische Bedeutung zuzuschreiben. Dies galt nie für den Osten und gilt nicht mehr für eine fortgeschrittene, integrale Auffassung von westlicher Philosophie. Wenn Leland im Vorübergehen das Esoterische auf das „innere Universum“, das Exoterische auf das „äußere Universum“ bezogen deklariert (92), sehe ich auch dies als einen Schwachpunkt, allerdings einen leichter vermeidbaren. Wenn die Unterscheidung für eine integrale Philosophie bzw. eine denkende Esoterik überhaupt noch einen Sinn hat, ist dieser nicht materialer, sondern methodischer Art: Es geht bei dieser Unterscheidung einzig um die Frage, welche seelischen Vermögen oder auch Botschaften die Philosophie bei ihrer begrifflichen Rekonstruktionsarbeit berücksichtigen soll, darf und will. Der eigentlich verbleibende Unterschied ist der zwischen einer im Prinzip denkenden und einer bloß gläubig-konsumistischen und gefühlsseligen Populäresoterik.Wie gesagt, mindern diese kritischen Anmerkungen nicht den hervorragenden Wert des Buches. Es sollte jedoch nicht als Abschluss, sondern als Ermöglichung einer neuen Ebene und neuen Phase des Verständnisses der Chakras verstanden werden.
Zugegeben - nach nur einmaligem Lesen des Buches hätte diese Rezension weniger positiv ausgesehen. Den Wert des Buches und auch die Aufteilungen des Verfassers, wer auf welche Weise zur Verbreitung des Chakrawissens beigetragen hat, konnte ich erst beim zweiten Durchgang sehen.Was mir beim Lesen am deutlichsten wird, ist, dass ich mit einer Selbstverständlichkeit die heute überall abgebildeten Chakras, ihre Anzahl und Zuordnungen, angenommen habe. Es ist allerdings eine Einigung des Westens auf ein allgemein akzeptiertes System, denn Anschauungen über die Anzahl der Chakras und zugeordnete Entsprechungen, wie Drüsen oder Farben, gibt es viele verschiedene. Wie diese schrittweise hinzugefügt worden sind, ist ein wesentlicher Bestandteil des Buches. Der Autor verfolgt also die Evolution dessen, was er das westliche Chakrasystem nennt.„Zum Zwecke dieses Buches werde ich jene Abhandlung (Woodroffs Buch ,Die Schlangenkraft’) als den Endpunkt der Entwicklung des östlichen Systems und den Ausgangspunkt für die Entwicklung des westlichen Systems erwägen.“ (S. 49)“Seine Evolution (das westliche Chakrasystem) begann in den 1880er Jahren in den Schriften von Madame Helena Petrovna Blavatsky, der Gründerin der Theosophischen Gesellschaft, und war im Jahr 1990 mehr oder weniger abgeschlossen, als die Schauspielerin Shirley MacLaine in der Tonight-Show (amerikanische TV-Show) auftrat.“ (S.18)In dieser Zeitspanne nimmt uns Leland auf eine Reise durch theosophische und okkulte Gefilde, stellt hellsichtige Medien vor, stellt Bezüge zu C.G.Jung und Joseph Campbell her und vergisst nicht zuletzt das Esalen Institut und einige indische Yogis zu erwähnen. Leland schickt vorweg, dass die beiden wichtigsten Strömungen - das Schema der Regenbogenfarben und die Liste der Chakra-Eigenschaften erst 1977 in gedruckter Form zusammen fanden. (S.18) Er fasst zusammen, dass „die Reihe der Chakraeigenschaften, die wir heute gewöhnlich sehen - die ersten drei Chakras von Ramakrishna/Campbell und die übrigen vier von Aurobindo/Esalen“ stammen. ( S.354)Zudem beschreibt Leland sehr klar, was in seinem Buch zu erwarten ist und was nicht.„…beschränke ich meine Untersuchungen auf Material mit unmittelbarer Relevanz für die Entwicklung des westlichen Chakrasystems. Deshalb befasse ich mich nicht mit Techniken des Kundalini Yogas oder mit Übungen zur Ausbildung der Chakras.“ (S.21) Wer konkrete Übungen und Anleitungen zur Erweckung der Chakras sucht, ist mit diesem Buch also nicht an der rechten Adresse. Hier ist immer noch das beste Mittel der Wahl, einen kompetenten Yogalehrer aufzusuchen UND sich mittels eines Buches gleichzeitig anzunähern.In Kürze möchte ich einige Etappen benennen, durch die Leland im Buch führt. Es beginnt mit den von dem Inder Bipin Behari Shom veröffentlichten Zeichnungen in der Zeitschrift Calcutta Review, wo bereits 1849 sechs innere Hauptorgane als Chakras benannt werden. Es ist die erste Veröffentlichung eines Inders, wo das Wort Chakra in eine englisch sprechende Welt eingeführt wurde.Was unterscheidet nun eigentlich das östliche vom westlichen Verständnis des Chakrasystems? Man könnte sagen, dass der Osten es eher als spirituelles System versteht, das durchdrungen und aufgelöst werden will und der Westen es in seiner Habenkultur (OM C. Parkin) als Potential zu gesteigerten Wohlbefinden ansieht. Der indische Schriftsteller Sudhir Kakar wird hierzu zitiert:„Menschliche Freiheit scheint… im traditionellen indischen Kontext eine Zunahme der Möglichkeiten zu bedeuten, unterschiedliche innere Zustände zu erfahren, während sie gleichzeitig das Handeln in der äußeren Welt auf stereotype und fraglos Anpassung beschränkt. In Indien betont man das Streben nach innerer Differenzierung, während die Außenwelt konstant gehalten wird.Im Gegensatz hierzu hängt die Vorstellung von Freiheit im Westen mit einer Zunahme des Handlungspotentials in der Außenwelt und einer Erweiterung der Auswahlmöglichkeiten zusammen, während der innere Zustand des Menschen konstant gehalten wird, nämlich im Zustand eines rationalen Wachbewusstseins, von dem andere Weisen inneren Erlebens als Abweichungen ausgeschlossen sind.“ (S.43)Leland dazu: „…es in der östliche Version darum geht, innerlich erlebte Zustände des Bewusstseins zu durchschreiten… bis die letztliche ,Freiheit’ erreicht ist, die Befreiung von den Begrenzungen des Selbst. In der westlichen Version hingegen geht es darum, das menschliche Potential für Glück in der äußeren Welt durch Taten zu entfalten.“Als Referenz für das östliche System wird immer wieder das Buch ,Die Schlangenkraft’ von Sir John Woodroffe genommen, der selbiges Buch unter dem Namen Arthur Avalon veröffentlichte. In diesem Zusammenhang schneidet Leland kurz einige wesentlichen Züge von Tantra und einigen Yogarichtungen an. Auch werden Begriffe wie esoterische und exoterische Wissenschaft abgehandelt und es ist zu spüren, dass Leland seine verwendeten Begriffe möglichst genau definiert, um Missverständnissen vorzubeugen.So steigt die esoterische Richtung mit Madame Blavatsky ein, der Gründerin der Theosophische Gesellschaft. Sie legte zuerst das sieben Prinzipien System für das Chakrasystem fest und gilt somit als Innovatorin in der Evolution des westlichen Chakrasystems. (S.121) Blavatskys wichtigste Schülerin, Annie Besant, führte Blavatskys Arbeit weiter und arbeitete an der Synthese des Werkes. Sie brachte die Anschauung ins Spiel, dass jeder feinstoffliche Körper des Menschen seine eigenen Chakras besitzt (S.146). Dies greift Leland zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal auf und dies ist vielleicht eines seiner wichtigsten Feststellungen. Er merkt an, dass dies ein Grund für die scheinbar widersprüchlichen Aussagen verschiedener hellsichtiger Menschen gewesen sein kann, dass sie eben in verschiedenen Körpern Chakras wahrnahmen und dies dann zu unterschiedlichen Systemen geführt haben könnte.Rudolf Steiner, der Gründer der Anthroposophischen Gesellschaft, verbreitete ebenfalls die Chakralehre und erwähnte 5 Chakras, ohne das Wurzel und Kronenchakra einzubeziehen. Insgesamt schätzt Leland sein Beitrag zur Entwicklung der Chakralehre als eher gering ein. Er war dennoch der erste theosophische Autor, der hellsichtige Visionen der Chakras im Detail beschrieb. (S.150)Das erste Handbuch zur Chakra-Entwicklung erschien hingegen von einem Inder - Yogi Swami Vivekananda, unter dem Titel ,Raja-Yoga’. So pendeln die Einflüsse auf das westliche Chakrasystem dennoch zwischen östlichen und westlichen Lehrern und machten auch nicht vor magischen und okkulten Einflüssen halt. Beispielsweise wird Aleister Crowley erwähnt, der das Chakrensystem zudem mit dem kabbalistischen Lebensbaum in Beziehung setzte. Überhaupt zeigt Lelands Buch auf, dass es im Prinzip nichts gibt, mit dem nicht der Versuch angestellt wurde, die Chakren und Drüsen zu verknüpfen.„Antike und moderne Autoren zum Thema Chakras, im Osten ebenso wie im Westen, haben anscheinend eine Manie gemeinsam - Entsprechungen zu ersinnen zwischen den sieben Chakras und Siebenergruppen von so ungefähr allem.“ (S.56)So gibt es beispielsweise im Kapitel 16 einen Part, in dem das Gebet ,Das Vaterunser’ mit Chakras und Drüsen verknüpft wird. Beim Lesen habe ich zumindest den Versuch aufgegeben, die verschiedenen Systeme im Kopf zu behalten.Eine weitere wichtige Person im Buch ist Charles W. Leadbeater. Seine Vision der Chakras als farbige, wirbelnde Räder sollten das westliche Bild der Chakras fortan prägen. (S.224) Er führte auch das Milzchakra ein und polarisierte damit die Chakrawelt. Später verdrängte Alice Bailey Leadbeaters Milzchakra aus dem Chakrasystem (S.235), ordnete die ersten drei Chakras und postulierte ein Zentrum in Höhe des Solarplexus. (S.236) Die Verknüpfung der Chakras mit den endokrinen Drüsen stammt ebenfalls von ihr. Bailey war eine Schülerin von Annie Besant, also der Linie von Madame Blavatsky. Auch stammen von ihr erste Vorstellungen von blockierten Chakras und die Möglichkeit, Chakras auszugleichen. Laut Leland versuchte Bailey ,alles in Blavatskys Werk bis ins Letzte zu erklären’ (S. 240). Später im Buch wird erwähnt, ,dass die endokrinen Drüsen das körperliche Gegenstück zu diesen psychischen Zentren (Chakras) bilden.“ (S.266).Im weiteren Verlauf werden auch für mich weniger bekannte Personen wie Cajzoran Ali, Edgar Cayce und Max Heidel - um nur einige zu nennen, vorgestellt. Vertrauter wird es für mich erst wieder im Kapitel 19, wo überraschenderweise C.G.Jung auftaucht, der klinische Symptome von Klienten mit der Schlangenkraft der Kundalini erstmals in Verbindung brachte und fortan in den Kreisen der schweizerischen Intelligenzia das Interesse an Kundalini und Chakras weckte. Sein Zusammentreffen mit dem Mythologien Joseph Campbell war in diesem Zusammenhang sicher kein Zufall und auch Campbell trug zur Verbreitung des Wissens über die Chakras bei und gab, in Berufung auf die Arbeiten Ramakrishnas, vor allem den ersten drei Chakras ihre allgemein anerkannten Zuordnungen (S.326).Richtig Schwung kam dann durch das von Michael Murphy gegründete Esalen Institut hinein. Hier erhielten Sri Aurobindos Lehren über das menschliche Potential Einzug und formten die Zuordnungen des vierten bis siebten Chakras. Es ist faszinierend zu lesen, in welchem experimentellen Feld diese Entwicklung vonstatten ging. Körpertherapeutische Einflüsse (Wilhelm Reich), spirituelle Freizügigkeit (Oshos Lehre), sozialpsychologische Konzepte (Abraham Maslow) und psychedelische Forschung (Ram Dass) gingen in einem vielleicht einmaligen Forschungsfeld Hand in Hand. Leland hält fest, dass „die ersten drei Chakras von Ramakrishna/Campbell und die übrigen vier von Aurobindo/Esalen“ stammen. (S.354)In die Welt gelangte das vereinte Wissen schließlich, so vermutet der Autor, durch Ken Dychtwalds populäres Buch ,Bodymind’, was 1977 veröffentlicht wurde. Da es nach dieser Veröffentlichung dennoch viele verschiedene Ansichten und Systeme gab, wurde ein weiteres Buch zur Vereinheitlichung und Klärung nötig. Dieses Buch erschien in Form von ,Wheels of life’ von Anode Judith, somit kann sich der interessierte Leser ein Großteil der vorherigen Bücher ersparen und auf dieses Werk zurückgreifen.Lelands Reise endet bei MacLaine’s TV Auftritt in Amerika am 4.Oktober 1990, der dem Chakrasystem den Zugang zum Mainstream verschaffte. (S.407)Der Rest des Buches gibt Einblicke zu in Vergessenheit geratenen Systemen und Leland wagt auch einen Ausblick dahin, wohin die Entwicklung des Chakrasystems gehen kann. Über die Grenze des umfassenden Buches heißt es: „Diese Entwicklungen zu verfolgen - besonders die Kreuzung und Vermischungen des westlichen Chakrasystems mit alternativen Behandlungsformen wie Akupunktur, Massage, Schematismus und anderen - liegt jenseits des Spektrums dieses Buches.“ (S.408)Von Leland kann ich lernen, was es heißt, der Quellenamnesie entgegenzuwirken und sorgfältig zu dokumentieren. Seine jahrelange, akribische Arbeit an diesem Werk ist absolut wertzuschätzen. Es ist ebenso spürbar, dass der Autor einfach Freude daran hat, Autoren einzuteilen und ihr Schaffen zu klassifizieren. Wer die Entwicklung des Chakrasystems nachvollziehen möchte, für den ist dieses Buch absolut wertvoll, wer sich praktisch damit auseinandersetzen möchte, für den ist dieses Buch allerdings ohne großen Wert.