Das Inhaltsverzeichnis des Übungsbuchs ist als pdf im Internet zu finden. Das Buch umfasst 413 Seiten, davon 87 Seiten Lösungen zu den Übungen, also mehr als 21%. Der Titel „Übungsbuch“ ist Programm.Inhaltlich behandeln die Autorinnen Akkusativsätze, d. h. z. B. von bilmek, yazmak, anlatmak, söylemek, etc. abhängige Nebensätze (Hasan, Ali’nin hastanede ҫalıştığını biliyor.). Es schließen sich Subjektsätze an (Katil’in mavi bir arabayla kaҫtığı kesin). Nach weiteren Objektsätzen und „Komplexere(n) Konstruktionen“ schließen sich auf 123 Seiten die Relativsätze an.Strukturell leiten die Autorinnen von der deutschen Grammatik in kontrastiver Betrachtung zur türkischen Grammatik über. Die Erklärungen sind mit Beispielssätzen unterlegt, es schließen sich zahlreiche Übungen an. Die Übungen verwenden ein Vokabular aus allen Lebensbereichen. Im Hinblick auf frustfreies Grammatikstudium werden dabei viele Vokabeln in jedem Kapitel in einer „Vokabelhilfe“ erklärt. Die Beispielssätze sind leider nicht alle übersetzt – das Buch setzt eben Kenntnisse voraus. Sowie ein gewisses Alter oder eine gewisse Toleranz der Leser: “Kocanız hiҫ geneleve gitti mi diye sordu./Kocamın hiҫ geneleve gidip gitmediğini sordu." (S. 61 und 335 als Übungssätze (!) – mir gefällt‘s).Die Erklärungen zu den einzelnen Kapiteln sind sehr gründlich. Die Autoren legen fast ständig Schrittfolgen vor (Schritt 1 … Schritt x), wie ein türkischer Haupt- plus Nebensatz enkodiert wird. Als Muster wird die Relativsatzenkodierung (der Begriff findet sich nicht im Übungsbuch) geliefert. „1. Identifizieren der referenzidentischen NP in den beiden Ausgangssätzen und Umstellung des zukünftigen Relativsatzes vor seine Bezugs-NP im Hauptsatz. 2. Feststellen, ob es sich bei der referenzidentischen NP um das Subjekt oder einen anderen Satzteil des zukünftigen Relativsatzes handelt. 3. Streichen der referenzidentischen NP im Relativsatz. 4. Reduzierung des Relativsatzverbs auf seinen Stamm. 5. Anfügen der Endung –En/-EcEk an das Relativsatzverb, wenn der referenzidentische Satzteil das Subjekt ist bzw. Anfügen der Endung –DİK-/EcEK- an das Nebensatzverb, wenn der referenzidentische Satzteil nicht das Subjekt ist. 6. Anfügen der Genitivendung an das Subjekt und der entsprechenden Possessivendung an das Relativsatzverb, wenn –DİK-/EcEK- ausgewählt worden ist und damit Herstellung einer Genitiv-Possessiv-Konstruktion zwischen Subjekt und Verb des Relativsatzes. (Dieser Schritt entfällt, wenn –En ausgewählt worden ist.) 7. Integration des Relativsatzes in den Hauptsatz“ – S. 219 - Solch ein Muster klingt schwerfällig und schreckt ab, doch wenn man einige Male damit gearbeitet hat, automatisiert sich der Prozess.Den Autorinnen ist zuzustimmen, wenn sie bemängeln: „Aber auch in Lehrwerken, die das Thema Nebensätze aufgreifen, ist die Zahl der Übungen viel zu gering, die Erklärungen sind häufig nicht gut verständlich.“ (S. V) Leider fehlen in dem Buch Fußnoten sowie eine Bibliographie, dass ersichtlich wird, wer angesprochen sein könnte.Ob das streng kontrastive Vorgehen bei Neumann/Şahin-Schmidt nicht zugunsten einer anderen, aus den Strukturen des Türkischen abgeleiteten Erklärung vorzuziehen ist, sollte durchaus diskutiert werden. Jedenfalls wirkt der Satz „Sınavı kazanmayan öğrencilere gelecek hafta haber verilecek. - Die Schüler, die die Prüfung nicht bestanden haben, werden nächste Woche benachrichtigt." (S. 227/378) verwirrend. "öğrencilere“ ist eine Dativform, allerdings gemäß Schritt 2 Subjekt des zukünftigen Relativsatzes ... im deutschen Satz! –yan-Partizip im Türkischen also nachvollziehbar. Ähnlich verwirrend fand ich: „Ayfer doktorda iyi Almanca bilmeyen Hanife iҫin tercümanlık yaptı. – Ayfer hat beim Arzt für Hanife, die nicht gut Deutsch kann, übersetzt. (S. 220) Es dauerte, bis der Groschen/Cent fiel, dass die Präpositionalphrase „Hanife iҫin“ als Subjekt des Relativsatzes das –(y)en-Partizip auslöst. (Und es durfte dauern, ich bin Autodidakt!)Ersichtlich ist die lateinische linguistische Kategorie "Relativsatz", die bei der Analyse germanischer oder romanischer Sprachen nützlich ist, dem Türkischen übergestülpt - ein "Relativsatz" findet sich im Türkischen nicht, sondern nur die Verbalkonstruktion mit -en/dik. Hier ist also fraglich, ob der kontrastive fachdidaktische Ansatz, der mit der türkischen Sprache fremden grammatischen Kategorien arbeitet, nicht durch einen Ansatz aus dem Türkischen heraus ersetzt werden kann.Obgleich ich mich oben für die "Schrittfolgen" offen gezeigt habe uns selber bei meinem Lernen von dem Vorgehen deutlich profitiere, ist fraglich, ob die satzbasierte generative Transformationsgrammatik als Theorie für eine Sprachlerngrammatik verwendet werden kann. Aber das war eine Diskussion u. a. der 70er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts, bespw. Eddy Roulet, Théories grammaticales et pédagogie des langues, abrufbar unter "cambridge.org/core". Das Problem lösen die Wissenschaftler nicht; jeder Leser wird selbst entscheiden, ob er das Buch weglegt oder Honig aus ihm saugen kann.Wer sich von den erforderlichen Vorkenntnissen und der linguistischen Terminologie (sie ist im Buch immer erklärt und sofort verständlich) nicht abgeschreckt fühlt und die Anstrengung einer Arbeit mit dem Buch auf sich nimmt, wird beginnen, türkische Buch- und Zeitungstexte zu verstehen. Das ist auf der Basis von parataktischen Wortverkettungen (will sagen: Bildung von Hauptsätzen durch Aneinanderreihen von Vokabeln), wie es noch nach 10 oder 12 Lektionen der üblichen Standardlehrbücher erfolgt, überhaupt nicht der Fall. Allerdings: Das Buch erfordert Sitzfleisch.