Im Bewusstsein, dass die Thematik die Fachkompetenzen der beiden Autorinnen übersteigt ist ein Buch entstanden, in das verschiedene Autoren und Autorinnen eigene Beiträge geschrieben haben. Seidl und Zahrnt haben dieses Buch herausgegeben mit der Intention, einen gesellschaftlichen Diskurs in Gang zu setzen bzw. anzuregen, sicherlich aus der Überzeugung heraus, dass die Wirtschaftsentwicklung in der jetzigen Form nicht weiter Bestehen (im doppelten Sinne) kann. Für Menschen die Fragezeichen setzen ist es ein gutes, vertiefendes Buch, und für Wachstumsüberzeugte ist es eine Herausforderung.Einigermaßen überrascht hat mich ein Vorwort von Bundespräsident a.D. ... Horst Köhler! Es wird klar, dass er schon lange Probleme mit dem Wachstumsdogma hat. War es vielleicht eine unüberbrückbare Differenz mit einer Bundesregierung des "Wachstumsbeschleunigungsgesetzes" gewesen, die für seinen Rücktritt mitentscheidend war?InhaltlichDas Buch richtet sich dem Inhalt nach leider auf der etwas besser gebildeten Leserschaft. Der Stil mit den vielen Referenzen, Fußnoten und manche (Fremd)begriffe wie Rebound-Effekt, Expertokratie (Lächelfaktor) intendiert und intergenerationell tragen dazu bei. Dennoch ist der Text gut zu lesen.Das Buch folgt eine gute und sinnvolle Gliederung mit den Hauptteilen "Einblick" und dann "Gesellschaftsbereiche" mit den Beiträgen der Fachleute, während alle diese Bereiche bereits im Einblick übersichtsmäßig angesprochen werden. Ergänzt wird das Buch durch Interviews mit Repräsentanten der Wachstumskritiker aus den USA, Frankreich, Österreich und Großbrittanien. Hauptaugenmerk: wie wird die Thematik in diesen Ländern betrachtet? Das war der Buchteil "Internationaler Blick". Fast zwangsläufig heißt der letzte Buchabschnitt "Ausblick", in der im Wesentlichen zusammengefasst wird, was von den diversen Autoren geschrieben wurde und in der Verbindungslinien und Widersprüche gesucht werden. Schließlich werden Forschungsthemen in Dienste des Gesamtthemas ausgemacht, wobei ich mich nicht des Eindruckes erwehren kann, dass zuviel auf Forschung "gesetzt" wird.Kurz und gut: gut durchdachte Buchkonzeption! Erwähnt werden muss auch, dass in den Beiträgen hier und da auch auf die anderen Beiträgen verwiesen wird. Eine abgestimmte Arbeit.Zu den einzelnen ThemenbereichenIn dem Buch wird klar, dass die Wachstumskritik nicht nur schon lange existiert, sondern mittlerweile bereits durch die Entwicklung in der letzten Zeit (sagen wir, Dekaden) empirisch untermauert wird. Ein Beispiel der frühen "Kritiker": Ludwig Erhard hatte bereits gefragt, ob rein materieller Wohlstand nicht ergänzt werden sollte durch mehr Freizeit, Besinnung, Muße und Erholung - unter Verzichtleistung. Wie aktuell in unserer Beschleunigungsgesellschaft! (aus einem geschichtlichen Beitrag von Joachim Radkau).Dem Leser des Buches wird sich bewusst, wie schwer es ist, von der Droge Wachstum ab zu kommen, schon anhand der simplen Feststellung einer doppelten demographischen Alterung (weniger Geburten; höhere Lebenserwartung) und die sich daraus ergebenden Finanzierungsprobleme.In zwei Beiträgen wird auf je eigener Weise betrachtet, wie Hoffnungen aus der Vergangenheit, beispielsweise dass das Wachstum des Dienstleistungssektors ohne materielle Ressourcenausnutzung weitergehen kann, mit dazu geführt haben, dass an das Wachstumsdogma festgehalten wurde. Es steht so nicht im Buch, aber man kann schlussfolgeren, dass die Politik als Richtungsgeber zu einem großen Teil mitverantwortlich dafür ist, nicht nur wegen der Deregulierungen der letzten Jahre. Man denke u.a. an Privatisierungen, weil man geglaubt habe, so zum Wachstum beitragen zu können - denn darum ging es.Interessant ist die Bezugnahme auf frühere Aussagen von Keynes, wonach er "am Horizont deutlich die Umrisse einer Postwachstumsgesellschaft mit hohem Zeitwohlstand sah". Anschließend wird festgestellt, dass es in der Praxis v.a. durch die sehr ungleiche Verteilung von Vermögen (noch) nicht soweit gekommen ist.Interessant ist auch ein Aufsatz über den Zusammenhang von Verteilung(sgerechtigkeit) und Wirtschaftswachstum, und wie liberale wie sozialdemokratische Ansichten eine vernünftige Verteilung zu erreichen gedenken.Betrachtet wird auch hier und da, und insbesondere in dem Beitrag "Unternehmen ohne Wachstumszwang" (Gerhard Scherhorn) die sog. Externalisierung von Kosten (z.B. Umweltbeeinflüssung bei der Rohstoffgewinnung). Erfolgreiche Unternehmen sind auch meist erfolgreich in eben dieser Externalisierung, zu der mittelständische Unternehmen so auch gezwungen werden. Weitergesponnen kann man dies auch auf die Finanzwirtschaft übertragen. Der genannte Beitrag ist übrigens von vielen Vorschlägen in Richtung Postwachstumsgesellschaft gespickt, allesamt so realistische Vorschläge, dass dies das Gefühl bestärkt, dass die Gesamtheit der Großkonzerne stärker geworden sind als der Staat (die Staaten) und so erfolgreich Blockierarbeit leisten, à la Einschuchterung eines Momo durch Grauen Herren (M. Ende).bottom lineDem Buch ganz leicht abträglich wirkt die m.E. übertriebene Schreibung in maskuline und feminine Form. Musterbeispiel: Konsumentinnen und Konsumenten, wobei "Konsumenten" es auch getan hätte (in diesem Fall hat der Übersetzer ein ursprüngliches "consumer" gar erweitert).
Der vorherige umfassende Rezension möchte ich nur um ein Zitat aus dem Fazit des Buchs ergänzen: "Abrupte Transformationsprozesse [...] haben gezeigt, mit welchen Schwierigkeiten, Unsicherheiten und Schäden solche Prozesse verbunden sein können. [...] Dagegen ist die Notwendigkeit einer Transformation zu einer Postwachstumsgesellschaft absehbar. Dies macht sie gestaltbar; die Einleitung dieser Transformation sollte klugerweise möglichst bald begonnen werden." Ich finde, das fasst das Buch sehr gut zusammen.