Bis auf die Frühwerke liegen von Vita Sackville-West, die vielen vor allem als Virginia Woolfs Inspiration für die Hauptfigur ihres Romans „Orlando“ bekannt ist, die meisten ihrer Romane in deutscher Übersetzung vor. Von den früheren Arbeiten fehlen noch einige. Mit „Das Erbe“, von Irmela Erckenbrecht aus dem Englischen ins Deutsche übertragen, wird eine weitere Lücke gefüllt. Zum ersten Mal erschien dieser Kurzroman, knapp 130 Seiten, 1922 und fand eine von der Autorin einleitend und kritisch kommentierte Wiederauflage 1949:„Trotz [der Gefahr der Selbsttäuschung] kam ich [auf die Anfrage zur Neuveröffentlichung] zu dem Schluss, dass ‚Die Erbschaft des Peregrinus Chase‘ eine Stimmung widerspiegelt, die ich damals empfand und mit wachsender Melancholie seitdem immer wieder empfunden habe.“Die klare Distanzierung bezieht sich auf den sehr rührseligen Ton von „Das Erbe“, das von der Schwierigkeit des jungen Angestellten Peregrinus Chase handelt, das Erbe seiner verstorbenen Tante Phillida, das Anwesen, das Haus und die Ländereien namens Blackboys, anzutreten, das sogar noch mit Schulden belastet ist. Was ihm aber zuerst nichts bedeutet, wächst ihm nach und nach ans Herz:„Jede kaum merkbare Veränderung des Lichts hatte er [am Anwesen] beobachtet: ob es am Morgen kühl und klar über die Dächer strich oder am Abend gesättigt und golden auf die rubinroten Backsteine, den bläulich-grünen Wassergraben und die Brüste der Pfauen sank. Das ätherische Morgenlicht war ein Geheimnis, das er in den unzugänglichen Tiefen seiner Seele fast vor sich selbst verbarg.“Thema von „Das Erbe“ entwickelt sich zwischen den beiden Polen: das Haus verkaufen oder nicht. Peregrinus besitzt nicht viel. Der Verkauf würde ihn besser stellen, zumal sich ein Mr. Nutley von ‚Nutely, Farebrother und Co., Grundstücksmakler und Anwälte‘ aus Eigeninteresse darum bemüht, einen möglichst hohen Verkaufspreis zu erzielen. Gegen den Verkauf spricht das gute Gefühl, das Peregrinus überkommt, sobald er sich durch die Zimmer, den Park, auf den Ländereien bewegt, und die Bediensteten, wie auch Farebrother eher darauf hoffen, dass er die Tradition der Chase-Familie fortsetzt und sei’s nur der lieben Pfauen willen, die auf dem Anwesen herumstolzieren:„»Es gibt wenige im Dorf, die sich vorstellen können, dass Blackboys nicht mehr der Familie Chase gehören soll«, sagte die Frau. »Und die armen Pfauen – lieber Gott!«»Die Pfauen?«»Die Leute sagen, die Pfauen werden sterben, wenn Blackboys nicht mehr den Chases gehört«, sagt er Mann. »Trotzdem, sie richten im Park viel Schaden an.«“Tradition und Neuerung, Sentimentalität und Profit, Langsamkeit und Hektik, Ländlichkeit und das Städtische spielt Sackville-West in „Das Erbe“ gegeneinander aus und malt freundliche Bilder einer verträumt tiefenglischen Idylle, in der Vögel zwitschern, Blumen blühen, Pfauen stolz ihr Rad schlagen und zur festen Zeit der Tee serviert wird. 27 Jahre später wird ihr bei der Sentimentalität selbst etwas mulmig zumute, aber gibt das Buch dennoch zur Veröffentlichung frei. „Das Erbe“ vereint eine ironisch-distanzierte Form der Utopie mit einem sachlich-interessierten Blick auf zwischenmenschliche Interessen. Peregrinus muss seinen ganzen Mut zusammennehmen, um nicht kleinbeizugeben.„Arm? Ja, aber er konnte arbeiten, er würde es schaffen. Seine Armut würde nicht bitter sein, sondern süß. Er streckte die Hände aus und legte sie voller Leidenschaft auf die Steine – Steine, so warm wie die rosige Farbe, die sie seit dem Morgen mit dem Sonnenlicht aufgesogen hatten.“Vita Sackville-Wests „Das Erbe“ liest sich leicht und flüssig und eindrücklich. Es steckt viel Hermann Hesse aus „Roßhalde“ in diesen Zeilen, und auch eine geläuterte Form von Joris Karl Huysmans „Gegen den Strich“. Wem freundlich, warme, gediegene Sprachfügungen liegen, wer gerne langsame, besinnliche Literaturen mag, wird ein paar vergnügliche Stunden mit „Das Erbe“ haben.
GELESEN: Vita Sackville-West "Das Erbe"Erschienen 1922Neuerscheinung 2023 bei Schöffling & Co Verlagsgesellschaft127 Seiten190g (L/B/H 188/123/15)Übersetzung aus dem Englischen durch Irmela ErckenbrechtNeuerscheinungen interessieren mich sehr, und hier hat mich nicht nur der Klappentext, sondern auch das besonders hübsche Cover angesprochen, welches allerdings bei der Erstveröffentlichung anders aussah. Es wurde von zwei Pfauen geschmückt. Diese Vögel spielen eine Rolle in der Handlung.In einem Vorwort aus dem Jahr 1949 erfahren wir, wie die damals 57 Jahre alte Autorin (*09. März 1892 † 02.0.1962) überlegt, ob man das von ihr im Jahr 1922 oder sogar schon ein Jahr davor Geschriebene so stehen lassen kann. Siebenundzwanzig Jahre hatte sie diesen Text nicht mehr gelesen. Man wollte ihn neu drucken. Zum Glück blieb er in der Originalfassung.Ein großartiges kleines Büchlein, das mich wirklich überrascht hat. Es ist die formvollendete Sprache, die den Leser in den Bann zieht, ebenso wie die Spannung, die um den Erben aufgebaut wird. Man ist versucht zur letzten Seite zu blättern, um zu erfahren, was man sich von Herzen für ihn wünscht.Ein kleiner, zarter Mann, alleinstehend, seit Jahren in einem möblierten Zimmer hausend, während er tagsüber seiner Bürotätigkeit nachgeht und der durch dieses Erbe in eine Welt katapultiert wird, die ihm bislang fremd war. Von Tieren und Pflanzen hatte er keine Ahnung und von Villen, Häusern und Grundstücken ebenso wenig.Vierundzwanzig Stunden liegt die über achtzig Jahre alte Phillida Chase bereits im Herrenhaus „Blackboys“ aufgebahrt. Der Sarg kann noch nicht geliefert werden, und nur die Trauergäste im näheren Umland konnten bislang unterrichtet werden, dass sich die Trauerfeier verschiebt. Die aus London Anreisenden haben keine Kenntnis.In der fünfhundert Jahre alten Villa, die sich in beklagenswertem Zustand befindet, mit angrenzendem Park, der unzählige Pfauen beherbergt, die frei umherstolzierten, Räder auf den Fenstersimsen schlagen, tummelten sich drei Herren, die mit Mr. Chase über den Nachlass sprechen wollen.Da gibt es den übereifrigen Rechtsanwalt Nutley, Colonel Standfort, der engste Freund, den die Verblichene je hatte, sowie ihr Treuhänder Farebrother, der Seniorpartner Nutleys.Peregrinus Chase, ein kleiner Versicherungsangestellter, der Alleinerbe, wohnhaft in Wolverhampton, kannte seine verstorbene Tante nicht und soll nun „Blackboys“, Ländereien, Nebengebäude, verpachtete und vermietete Häuser sowie Grundstücke in den Grafschaften Sussex und Kent neben allen anderen beweglichen und unbeweglichen Gütern erben.Dies alles ist mit Hypotheken belastet, somit hochverschuldet. Nutley rät unter allen Umständen zum Verkauf. Längst hat er den Ablauf einer Auktion in seinem Kopf manifestiert.Als die drei Herren gegangen sind, beginnt Chase das Haus und den Park mit seinen Augen zu sehen. Augen, die angstvoll umherblickten