Die unterschiedlichen Folgen der Phantasie - Ror Wolf Gebunden
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Bücher EAN 9783895619137

Die unterschiedlichen Folgen der Phantasie - Ror Wolf Gebunden

Hersteller: Schoeffling + Co.  ·  MPN: 9783895619137
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Produktfakten auf einen Blick

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Produktbeschreibung

Die unterschiedlichen Folgen der Phantasie | Tagebuch 1966-1994 | Ror Wolf | Buch | 344 S. | Deutsch

Bewertungen & Erfahrungen

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Redaktion 13.08.2026 testmonster.de · Redaktion
Interessant!
Dockter Jott 19.05.2024 amazon.de
Der Autor und Künstler Ror Wolf (1932–2020) hat oft über sein Leben Auskunft erteilt; es gibt zahlreiche Interviews mit und Rundfunkfeatures über ihn, in denen er seine Geschichte erzählt. Doch eine autobiographische Quelle wie das Tagebuch lag bislang nicht vor: Dreißig Jahre auf 335 Seiten – es ist klar, daß da nicht Tag für Tag erschöpfend Auskunft gegeben werden kann. Wolf hat sich auf eine Auswahl der Ereignisse beschränkt; mal fallen nur ein paar Stichworte, dann sind es ganze Sätze, bei einigen wenigen Anlässen – darunter Besuche in seinem Geburtsort Saalfeldt – werden es mehrere Seiten.Themen wie Tonlage sind typisch für Wolf. Sein wiederkehrender „Verlagsärger“ beispielsweise, den er 1993 selbstkritisch kommentiert: „Ich ärgere mich darüber, daß ich mich ärgere.“ Die aufkeimenden gesundheitlichen Probleme, die etwa zu einer „Begutachtung der Zahnlückenlage“ und der Bemerkung „Ein Zahnarzt ist ein nach innen gerichteter Frisör“ führen; Fazit immerhin: „Kronen eingesetzt. Nun werde ich in die ganze Welt beißen.“ Auch Wolfs permanentes Unterwegssein – dem seiner Figuren keineswegs unähnlich – kommt ins Bild. Am 1. Juni 1971 notiert er: „Plötzliche Absicht, nach Irland zu reisen“; drei Tage später fährt er ab: „Schiffsessen sehr schlecht.“ Derartige Ernährungsdesaster werden ebenfalls abgehandelt, mal wütend („Sportzentrale Riederwald, mit einem Weltuntergangsgulasch, einem endgültigen Vernichtungsgulasch aus weichen Leichenteilen“), mal lakonisch: „Hier eine Wurst vom Kiosk geholt, hineingebissen und weggeschmissen.“Markant sind auch Wolfs legendäre 34 Umzüge, von denen sich ein Gutteil im Tagebuch findet. 1970 notiert er: „Eine hübsche, aber von den Lärmbelästigungen her katastrophale Wohnung. Die deutsche Familie unter uns. Die nachts putzende Familie über uns. Die unablässig telefonierende Tante neben uns. Die fürchterlich schnaufende Garagenabsauge hinter uns. Die vorbeitutenden Rheinschiffe vor uns. Die Chemie rundherum. Erika kann nicht mehr schlafen. Ich ohnehin nicht. Wir gehen langsam ein. Ich gehe kaum noch aus dem Haus, kaum noch Spaziergänge. Immer noch Tabletten gegen Diabetes. Wutanfälle. Verzweiflungen. Depressionen.“ (Der Diabetes immerhin war eine Fehldiagnose.) Wolfs Kämpfe mit unfähigen Vermietern, rücksichtslosen Nachbarn und katastrophalen Wohnungsverhältnissen („Fortschreitende Küchenverschimmelung“, heißt es an einer Stelle) wirken schon aufgrund der sprachlichen Brillanz umwerfend, aber das Ringen um Ruhe trägt auch verzweifelte Züge. So schreibt er 1979: „Schlimm ist doch nicht das eigentliche Umziehen, also der Transport von Gegenständen, obwohl der schon schlimm genug ist; schlimm ist das Gefühl, daß es dort, wo man hinzieht, genau so schlimm wird, wie es da war, wo man herkommt. Umziehen ist überflüssig.“ Erst spät finden Wolf und seine Ehefrau Erika, ohne die er all dies (und alles andere ebenso) niemals geschafft hätte, in Mainz die nötige Stille: „Keine Probleme mehr mit dem Kupferberg: die Wohnung ist bewohnbar“, heißt es 1996 – allerdings erst mehrere Jahre nach dem Einzug.Ein Thema für sich sind schließlich Wolfs Amouren. Die ragen schlaglichtartig in den Text, bleiben Episode oder ziehen sich über längere Zeit hin; mehr als ein paar Worte werden jedoch – mit einer Ausnahme – nie verloren. Von Dauer ist keine der Bekanntschaften, bisweilen nicht einmal das Begehren selbst. Jedenfalls notiert Wolf 1989 erstaunt: „Nicht eine einzige kleine Affäre, oder noch schlimmer: nicht das geringste Interesse an einer kleinen Affäre. Das ist bedenklich.“ Bedenklich vielleicht, aber ein Schlußpunkt in keinem Fall, wie die nachfolgenden Seiten zeigen.Wolf – „Von hier an lass ich mir den Bart wachsen, aus reiner Bösartigkeit“ – ist auf diesen Seiten in allen Facetten zu besichtigen: „als Spaziergangsmensch, als Knackwurstmensch, Gurkenmensch und Schnapsmensch undsoweiter“. Natürlich auch als Schriftsteller, aber autopoetische Reflexionen fehlen weitgehend; derlei hat ihn an dieser Stelle nicht interessiert. Seine Bücher und Collagen werden erwähnt, allerdings meist anhand von Rahmendaten, was Anfang, Fortgang und Ende der Arbeit betrifft. Stattdessen gibt es immer wieder hochkomische Augenblicksnotizen: „Im Grand-Hotel abgewiesen, vermutlich wegen Verkommenheit und vermuteter Zahlungsunfähigkeit.“ (Biarritz, 25. Mai 1972) Wolfs Humor gehört zu den tragenden Konstanten seines Lebens, genau wie sein Sinn für Poesie: „Der Mondgeruch, der durch die Fenster hereinkommt. Das klingt gut und geheimnisvoll und kommt der Wahrheit ebenso nahe, wie alles andere auch.“ Apropos Wahrheit: Gegen Ende des Buchs fallen einige Bemerkungen, die sich auf das Gesamtunterfangen Ror Wolf beziehen lassen, wie diese hier: „Ich habe niemals versucht, eine Karriere zu machen. Ich habe lediglich versucht, so zu leben, wie ich es wollte. Das ist mir hin und wieder gelungen.“ Diese Einschätzung dürfte konsensfähig sein.Ror Wolf wäre am 29. Juni 2022 neunzig Jahre alt geworden. Das Tagebuch 1966–1996 wurde von seiner Frau zur Veröffentlichung freigegeben und ist Teil eines autobiographischen Konvoluts, dessen Umfang derzeit noch nicht abgeschätzt werden kann. Wolfs langjähriger Verleger Klaus Schöffling hat das ungekürzt wiedergegebene Material mit großer Akribie und in nicht weniger als sechshundert Fußnoten erschlossen, die bei der Lektüre außerordentlich hilfreich sind. Handwerklich wurde das superb gemachte Buch den Ror Wolf Werken angeglichen, und das heißt: Leinen, Fadenheftung, Rückenschild, Lesebändchen. Alles in allem ein ausgesprochen gelungenes Geburtstagsgeschenk. Und wer jetzt noch zögert, weiß es wirklich nicht besser.
Leon Jolas 19.05.2024 amazon.de
Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn es mehr Ror-Wolf-Leser gäbe. Auf jeden Fall wäre sie humorvoller. Ich habe beim Lesen dieses Tagebuchs geschmunzelt, gekichert und manchmal hell aufgelacht. Manche Stellen hab ich zwei-, drei-, viermal gelesen, einfach weil sie zu schön waren. Und gegen Schluss hab ich die Lektüre absichtlich verzögert, weil ich Angst vor der Verlorenheit hatte, die mich ohne Zweifel befiele, wenn ich ans Ende dieses Buches gekommen sein würde, vielleicht würde ich aus der Welt fallen, ins Leere... Ror Wolf ist einer der größten Humoristen und Sprachkünstler, die es je in der deutschen Literatur gab. Leider blieb er eine Randfigur, weil das Lesepublikum eher Gesinnungsliteratur oder weiß der Deifi was will. Das Konventionelle oder wie immer man es nennen mag. Er ging ganz andere, ging ganz eigene Wege, und ich bin ihm immer gern gefolgt. Wer Ror Wolf liest, das zeigt sich auch wieder auf das Schönste bei diesem Tagebuch, gewinnt einen anderen Blick auf die Welt. Kann man einem Buch ein schöneres Kompliment machen? Also Leute, kauft dieses Buch, und ihr werdet glücklich, erheitert und weise daraus hervorgehen.
Michael Kling 19.05.2024 amazon.de
Ror Wolf hat uns leider nicht die lange erwartete Autobiographie hinterlassen. Was hier vor mir liegt, ist ein vom Autor selbst zusammengestelltes und von seinem langjährigen Verleger Klaus Schöffling mustergültig ediertes Exzerpt aus den Tagebüchern. Die Originaltagebücher befinden sich heute im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Der Text bietet einen unmittelbaren Einblick in ein reiches Autorenleben und eine fantastische Zeitreise bis zurück in die frühen 1960er Jahre. Die Highlights sind zahlreich. Um einen Topos herauszugreifen: Das Ehepaar Wolf leidet stark unter einem Nachbarn, der permanent hämmert, sägt und bohrt, vor allem nachts. Proteste sind nutzlos. Dann findet sich der lakonische Eintrag: „Gegenschlag mit Django Reinhardt“ (1. Mai 1978). Auch die eigenen Befindlichkeiten werden lustvoll notiert. Kostprobe: „Abends nichts. Keine Sorgen, keine Beschwerden, keinen Ärger, keine Eile.“ (30. September 1981) und später ganz ähnlich „Keine Beschwerden, keine Schmerzen, was ist los? Kein Ärger, nicht einmal Ärger, kein Lärm, kein Gestank, das ist merkwürdig.“ (Juni 1988). Über einen Aufenthalt in Aschaffenburg erfahren wir: „Ein kurzentschlossenes vertretbares Leben. Etwas zart Südliches am Pompejanum. Die außerordentlichen Verpflichtungen des Dichtens sind von hier aus nicht wahrzunehmen. Ich entschließe mich, so alt wie möglich zu werden.“ (21. Oktober 1983).Ich habe dieses sehr besondere Tagebuch mit großem Interesse und Gewinn gelesen. Was bleibt, ist der Wunsch nach mehr: nach einem Band 2 mit einem „Best of“ aus den Tagebüchern der Folgejahre – und die schrittweise Fortsetzung und Vollendung der RWW.
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