Ein Buch aus Täterperspektive, das sehr nachdenklich macht.Ich habe mich vorher noch nie mit den Motiven und dem pseudo-wissenschaftlichabgeleiteten Fremdenhass auseinandergesetzt. Nach diesem Buch isteiniges klar geworden, das sich beinahe 1:1 in unsere heutige Zeit übertragen lässt. Die Parallelen sind erschreckend. Nur dass sich heute die angebliche Volksmeinung noch viel besser, schneller und kostengünstiger verbreiten lässt.Ich empfehle dieses Buch allen, die noch an den gesunden, kaum beeinflussbaren Menschenverstand glauben. Die Nazidiktatur hat deutlich vorgemacht, wie Propaganda gezielt manipulieren und die persönliche Überzeugung weiter Teile der Bevölkerung vergiften kann.Lassen wir es nie mehr so weit kommen!!!
Die nach dem Krieg lediglich als Mitläuferin eingestufte NS-Täterin Eva Justin, in großen Teilen Perspektivträgerin des Romans, zeigt in der Geschichte zwei Gesichter: Zum einen das einer komplexbeladenen Ja-Sagerin, preußisch-streng erzogen, die zur Geliebten und Marionette ihres Vorgesetzten, des „Rassenforschers“ und NS-Täters Dr. Robert Ritter wird. Emotional von ihm abhängig, übernimmt sie ungefiltert seine Ansichten, spinnt sie sogar in unsäglichem Ausmaß weiter und entwickelt einen fast schon krankhaften Ehrgeiz, mit dem einzigen Ziel, ihrem einzigen Sinn und Zweck, Dr. Ritter durch ihren unermüdlichen Einsatz zu gefallen. An mancher Stelle hat sie mir beinah leidgetan in ihrer Einsamkeit, wenn sie grob von ihm zurückgewiesen wurde und sie sich ihm verzweifelt an den Hals warf, wie eine Besessene arbeitete, alles von sich abverlangte, sich und anderen nichts gönnte und alles tat, um weiterhin in seiner Gunst zu stehen.Aber dann kommt im nächsten Moment das andere Gesicht zum Vorschein: Ihre hässliche Fratze, die durch die Ergebnisse ihrer sogenannten Forschungsarbeit, ohne mit der Wimper zu zucken, ganze Familienstämme, unschuldige Menschen, Jung und Alt, in den sicheren, qualvollen Tod schickt. Die unbarmherzig und völlig empathielos über Tod oder Leben entscheidet. Leben bedeutet jedoch Sterilisation, denn ihr Ansinnen ist, dass ihre Forschungsobjekte, die sie als minderwertig betrachtet und bei denen es sich ausnahmslos um Sinti, Roma und Jenische handelt sowie solche, die sie dafür hält, sich nicht mehr vermehren sollen.Ute Bales hat den in der Literatur längst fälligen und dennoch sehr mutigen Schritt gewagt, eine NS-Verbrecherin zur Hauptfigur ihres Romans zu machen. Hierbei ist es ihr hervorragend gelungen, die nötige Balance zwischen Nähe und Distanz zu wahren, die mich als Leser trotz der ungewöhnlichen - und für manchen zunächst vielleicht abschreckenden - Perspektive in die Geschichte zieht und dort verweilen lässt.In dem Roman vermittelt Ute Bales auf sehr eindrückliche Weise eine Ahnung von den Ansichten der NS-Täter und auch echter Mitläufer. Erschreckend ist für mich die Erkenntnis, dass sich an diesen Ansichten bis in unsere heutige Zeit nur recht wenig geändert zu haben scheint. Wie denken viele von uns heute über „Zigeuner“? In welchem Kontext wird das Wort üblicherweise gebraucht? Wie denken viele von uns über Menschen, deren Kultur wir nicht kennen, die vielleicht andere Werte leben als wir? Wir maßen uns auch heute noch viel zu oft und in teils abstoßender Weise an, auf der Seite der Wahrheit zu stehen. Wessen Wahrheit ist die richtige? Darf es nur eine Wahrheit geben? Offenbar hatte der Antiziganismus in Deutschland die ganzen Jahre über Konjunktur, nur so lässt sich auch der weitere Werdegang Eva Justins nach dem Krieg erklären. Abscheulich und beschämend.Ute Bales setzt mit „Bitten der Vögel im Winter“ ein literarisches Denkmal. Jedoch nicht den Tätern, wie manche Skeptiker vorab annehmen mögen, sondern einer vergessenen, lange Zeit nicht anerkannten Opfergruppe des Nationalsozialismus.Eine tragische und sehr wichtige Geschichte, die zum Nachdenken über das eigene Verhalten anregt. Wie wäre es, wenn wir alle jeden Mensch einfach nur Mensch sein lassen?