Aus Koufontinas Buch "Geboren am 17. November" erfährt die Lesende einiges über die politische Sozialisation des Autoren selbst. Leider aber hört der Autor oft dort auf, wo es interessant wird: er schildert (zu) viel Organisationsgeschichte, verliert aber leider wesentlich weniger Worte über Inhalte, geführte Diskussionen und Erfahrungen im nicht-bewaffneten Kampf.Der Autor übernimmt die politische Verantwortung für die Taten der Organisation „17. November“, auch wenn er seine Kritik an einigem hat. Sein im Buch enthaltenes, 2003 vor einem Sondergericht gehaltenes Schlusswort ist beeindruckend. Er schweigt nicht, er gesteht nicht und er verteidigt auch nicht.Wenn der Autor aber z.B. schreibt: „Ich, der ich immer den Klang der Geschichte und die Geographie des Widerstandes suchte“, so klingt dies interessant, beinahe poetisch und die Lesende blättert erwartungsvoll weiter und wird leider ... enttäuscht. Der antifaschistische, oft nationalistisch geprägte Widerstandskampf war für den Autor stets wichtiger als die (auch militanten) Kämpfe in den Betrieben. Von eben diesen betrieblichen Kämpfen hätte die Lesende gerne mehr erfahren, da hier die Melodie des Klassenkampfes erklingt, der Vorgeschmack des kämpferischen Kollektivs und des zu schaffenden menschlichen Gemeinwesens vorhanden und zu erahnen ist.Das Buch ist ein wichtiges Buch, auch wenn es über eine der Sackgassen der (militanten) Linken handelt (hier: der bewaffneter Kampf; eine der Sackgassen, zu denen wohl auch der Parlamentarismus, die Parteien, Gewerkschaften und der Staat gehören), geschrieben von einem, der selbst Teil des bewaffneten Kampfes (der griechischen Organisation „17. November“) war, also weiß, wovon er schreibt und wovon er lieber schweigt. „Leninisten mit Knarre“, so nannte einst das Redaktionskollektiv der Zeitschrift 883 die RAFler, was hier auch zutreffend für Koufontinas und GenossInnen sein dürfte.Seine Stärken. Offenheit. Die plastische Schilderung vieler Aspekte der Praxis des „17. November“. Die Schilderung des gesellschaftlichen Klimas macht die Praxis anschaulich, „fühlbar“, nachvollziehbar. Die gewonnenen Einblicke, der Versuch einer „Bilanz“, das Eingestehen von Fehlern.Seine Schwächen: Es dominiert der militärische Blickwinkel, der alles bestimmt. Wie er die Praxis des „17. November“ bestimmte, so bestimmt er nun das Buch von Koufontinas. Unter dieser Sichtweise leidet die gesellschaftliche, ja die sozial-revolutionäre Perspektive, der Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen, Kräfte und Bewegungen, die imstande waren oder hätten sein können, gesellschaftliche Verhältnisse grundlegend zu ändern und nicht bloß als „Alibi“ für Gesetzesverschärfungen oder staatliche Repression herzuhalten. So wie es zur Zeit des 2. Weltkrieges und der Besetzung Griechenlands durch die Nazi-Wehrmacht nicht nur nationalistischen Widerstand gab, sondern auch revolutionär-defätistische und internationalistische Positionen, so gab es in den 1970er und 1980er Jahren auch in Griechenland andere Akteure als die bewaffneten Gruppen.So wie der militärische Blickwinkel gesellschaftliche Verhältnisse reduzierte und sich in der Gewaltspirale des Kräftemessens mit dem Staat verrannte, so hatten die „Partisanenwurzeln“ die gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Bipolarität „Faschismus“ und „Antifaschismus“ reduziert und die Klassengesellschaft ausgeblendet. Auch der demokratische Kapitalismus kennt nun mal Armut, Ausbeutung, Hunger, Krieg und Verfolgung.Gerne hätte die Lesende etwas über die Lage, Rolle und Diskussion der Genossinnen gelesen, aber das Buch von Koufontinas klammert die Frauen, ihren aktiven Beitrag, fast gänzlich aus. Der oft anklingende griechische Nationalismus und „Anti-Imperialismus“ gehört ebenfalls zu den Schwächen des Buches. Das Gerede von „Fremdherrschaft“ nervt nicht nur, es irritiert auch: worum geht es den GenossInnen von Koufontinas: darum die Macht über den griechischen Staat, das griechische Kapital zu erlangen, also eine griechische „Eigenherrschaft“ zu erlangen? Ist es das, was sie erstreben? Ist dies die Übersetzung der Befreiung vom Kapitalismus oder doch nur eine Neuauflage des östlichen Staatkapitalismus? Bedeutet nicht Kommunismus die klassen- und staatenlose Gesellschaft, die freie Asoziation freier ProduzentInnen - also Aufhebung jeglicher Klassenherrschaft statt der Verewigung als „Arbeiterstaat“?Dennoch möchte mensch um mehr Diskussiongrundlagen, Erfahrungsberichte und Fragmente widerständiger Existenz bitten. Dem Bahoe-Verlag sei als Gedanke auf den Weg gegeben, ob nicht auch ein Buch aus dem Kreis der (Ex-)MIL interessant wäre und Sinn machen könnte. Dort wäre sicherlich auch einges an Widerständigem und Diskussionswürdigem für die heutige Theorie und Praxis nützlich und aufbereitbar.Es verlangt nach mehr Büchern wie dem „Revolutionäre Theorie und historische Zyklen“ von Jean-Yves Bériou, ebenfalls bei Bahoe Books veröffentlicht.Und wenn es um Griechenland, griechische widerständige Geschichte geht: die Übersetzung der Memoiren des griechischen Linkskommunisten Agis Stinas („Mémoires: un révolutionnaire dans la Grèce du XXe siècle“) wäre zum einen eine Herausforderung und zum anderen eine großartige Bereicherung."Geboren am 17. November" ist auf jeden Fall ein Buch mit Schwächen und Stärken, das viele Fragen aufwirft.