„Sein Vater war ein großer Schweiger, ein Mann der vielen Worte, die nie ausgesprochen wurden.“ (S. 11)Bald ist es wieder soweit und die Longlist des deutschen Buchpreises 2021 wird bekannt gegeben. Ich werde es auch in diesem Jahr wieder verfolgen.Im letzten Jahr stand ein kleines Büchlein von Arno Camenisch auf der Longlist, das mir unglaublich gut gefallen hat: Goldene Jahre.Als ich sein neues Buch (eigentlich auch ein Büchlein mit 102 Seiten) gesehen habe, konnte ich nicht widerstehen.Hier nimmt uns Carmenisch wieder mit zu dem Kiosk aus Goldene Jahre. Dieser ist der Ausgangspunkt für einen Spaziergang durch das Dorf. Und so wie der Protagonist in Kreisen durch das Dorf zieht, werden seine Erinnerungen wieder hervorgerufen. Langsam kommt alles wieder an die Oberfläche: die Erinnerung an seine Kindheit, seinen Vater, seine Mutter, die Großeltern und immer wieder kreisen seine Gedanken um ein großes Unglück, das sich vor seiner Geburt ereignet hat und dessen Schatten das Dorf nicht mehr los wird.Es geht um Trauer, Zufälle und Unfälle, um Schuld, um Aufbruch und Zurücklassen.Die wenigen Seiten lesen sich angenehm, haben mich dabei auf ihre Art zum Verweilen eingeladen. Fühlte ich mich bei Goldene Jahre als würde ich im Kiosk sitzen und den Erinnerungen in der Unterhaltung zwischen Margrit und Rosa-Maria lauschen, so gehe ich gefühlt in diesem Buch neben dem namenlosen Protagonisten durch die Straßen, folge seinen Erinnerungen und schaue ihm zum Schluss hinterher und sehe nur noch die Rücklichter seines Wagens.Ich würde mich freuen, wenn das neue Buch von Arno Camenisch es dieses Jahr ebenfalls auf die Longlist schafft. Und wer weiß, was dann passiert…
Eine Geschichte, so lang wie eine lange Zugfahrt. Der Erzähler kehrt in sein Dorf zurück und erinnert sich bei jedem Schritt an all die Geschichten und Geschehnisse, die hinter der nächsten Kurve, in jenem Haus und diesem Restaurant stecken. Und über all die schier endlosen Sätze über ganze Abschnitte, ja Seiten hinweg bringt er der Leserin die unglaubliche Tragödie langsam, behutsam, fast zaghaft näher. Man ahnt, dass da wirklich etwas Unfassbares geschehen sein musste, das trotz atemlosen Ausführungen nicht in Worte zu fassen ist. Wo Menschen miteinander leben, Leid und Freud teilen, sich lieben, streiten und auseinander gehen. Wo Kinder spielen, zanken, weinen, erwachsen werden. Und wo etwas passiert, das so grauenhaft erschreckend ist, dass nichts mehr wieder so werden kann, wie es mal war. Ein Geschichte, wie sie jeder Ort so oder ähnlich zu erzählen hat. Und genau darum so echt und berührend.
Gerade mal 103 Seiten ist dieses Büchlein stark, wird vom Verlag aber ganz selbstbewusst als «Roman» bezeichnet. Dabei ist es höchstens eine Novelle. Es handelt von einem, der in das Dorf seiner Kindheit in Graubünden zurückkehrt. Eineinhalb Jahre, bevor der Erzähler geboren wurde, geschah in diesem Dorf eine Tragödie, deren Schatten noch immer allgegenwärtig ist. Bei jedem Schritt erinnert sich der Erzähler an die Geschichten und Geschehnisse, die hinter der nächsten Kurve, in jenem Haus und diesem Restaurant stecken. Er geht mal diese Strasse hinauf und schaut in diese Richtung, dann geht es wieder hinunter und schaut in die andere Richtung, betrachtet ein Haus, einen Brunnen. Dann geht es wieder in die Vergangenheit, die sich mit der Zeit für mich wie ein monotoner Singsang anhörte. Nachdem uns der Erzähler zum Beispiel berichtet hat, dass die Familie nach dem Gottesdienst immer auf den Friedhof ging, beginnen die folgenden Absätze mehrmals mit: «Nach dem Gottesdienst gingen wir also auf den Friedhof …». Ich habe nicht mitgezählt, wie oft ich das lesen musste, aber es war definitiv zu oft.Diese Wiederholungen werden ergänzt durch schier endlose Sätze wie: «Er dachte daran, wie er als Drittklässler das erste Mal dort rauf durfte, was für eine Aufregung das war, und dass man danach durch die Häuser zog und bei den Mädchen Essen bekam, Fastnachtskuchen und Vanillecrème, bis man fast platzte, das war die erste Freinacht für Kinder, die Jugendlichen und die älteren Schüler hatten natürlich Schnaps mit und Zigaretten oder Zigarren, die bereits oben beim Feuer angezündet wurden, und hatte man bis dahin noch nie einen Schluck Bier genommen oder eine Zigarette hinter dem Stall der Tante geraucht, erlebten das viele in dieser Nacht zum ersten Mal, das Dorf war da etwas gelassener in dieser Nacht, zwar wurden die Eltern im Voraus dazu angehalten, mit den Kindern darüber zu reden, und die Lehrer sagten das auch noch in der Woche vor dem Brauch, sie sollen denn nicht trinken, das sei dann verboten, aber es wussten alle, dass sich nicht alle daran halten würden, und am Montag danach mussten dann einige in der Schule vor die Türe, wo sie die Lehrer in die Zange nahmen, man hätte gehört, dass sich nicht alle an das Verbot gehalten hätten.» (S. 33)Über den Erzähler erfährt man sonst nichts, weder über sein jetziges Leben noch darüber, ob er damit zufrieden ist und was die Schatten der Tragödie mit ihm gemacht haben. Er bleibt daher selber eine Art Schattenfigur, zu der ich keinen Zugang gefunden habe. Ganz schlimm fand ich die unzähligen falschen Dativanwendungen. Jedes Mal, wenn ich «in der Werkstatt vom Grossvater» oder «die Mutter vom vierten Kind» lesen musste, zuckte ich innerlich zusammen. Ja, der Autor ist Schweizer, und die Geschichte spielt in der Schweiz. Aber die gewählte Erzählsprache ist nun mal Hochdeutsch, und dort gibt es den vierten Fall mit Namen Genitiv. Also «in Grossvaters Werkstatt» und «die Mutter des vierten Kindes». Nicht, dass Camenisch das nicht wüsste, denn immer wieder verwendet er den Genitiv korrekt. Die falsche Anwendung ist also gewollt – vielleicht, um der Geschichte etwas Lokalkolorit einzuhauchen. Auf mich wirkte das einfach nur bemüht. An diesem Buch konnten mich weder die Geschichte noch der Protagonist noch die Erzählweise überzeugen.