Der erste Band und es ist gut mit ihm zu beginnen, wie ich feststelle. Zwar hat der Verlag großmäulig auf das Cover folgendes gedruckt: „Ausgezeichnet mit dem deutschen Krimipreis“ und ich wette dieser (bedeutende?) Preis wird keineswegs einmalig verliehen – eine Jahreszahl wäre schön gewesen. Auch das blöde „Erstmals als Taschenbuch“ ist eher eine Verunglimpfung des Buches und klingt nach Zweitverwertung. Dämlich das.Auf den Inhalt kommt es an, lieber Buchverlag!Die Schreibe, das Buch des David Peace von dem hier die Rede ist, ist genial und gewöhnungsbedürftig zugleich. Das Glossar mit den japanischen Ausdrücken sehr hilfreich, das Handeln und Tun und Sprechen und Denken der Figuren verwirrend fremd. Sätze werden wiederholt, mehrfach, Gedankenschnipsel kommentieren das Geschehen - weiterlesend fängt der Roman den Leser (=mich) ein und fesselt ihn.Eine Gesellschaft in tiefer Krise, ein Gemisch aus Niederlage, Verbrechen, Überleben. Werte der Bevölkerung sind versenkt und versengt, Trübsal, Verwirrung und der Versuch in diesen Welten zu leben, halb legal, halb ehrenwert – halt weiterleben.Frauen sind ermordet. Das ist der Aufhänger: Weshalb? Und wer tat das? Auch hier schrinnen Ermittlungen an der Politik lang – ein großer Puff für die Amis wurde geschlossen wegen der Moral und dort wird Demokratie gezeigt, die Angestellten haben eine Gewerkschaft, damit MacArthur ihnen wieder Arbeit ermöglicht. Der amerikanische Geist schwebt über Allem, tritt kaum in Erscheinung, muß aber mitgedacht werden.Der Puff ist nur ein Splitter im Buch, ein Häppchen, die Düsternis des Jahres Null und seine Verteilungskämpfe, darum geht es. Im Jahre Null verschwimmen Redlichkeit und Moral, es bleiben die Formen: es wird sich verbeugt, entschuldigt, verschwiegen, verbeugt, verbeugt, entschuldigt. Schein und Sein sind seine Themen.(Ab Mitte des Buches bin ich gefangen vom Text und lege andere Bücher beiseite. Ich glaube, ich lese noch anderen Werke von David Peace und bleibe dabei den Schmonzes auf den Covern zu ignorieren, auch die Lobeshymnen als „Zitate“. So ein Vorgehen ist (fast) eine Beleidung für diesen Texter. David Peace ist wirklich ein inhaltliches und sprachliches Meisterwerk gelungen.)
David Peace schreibt Kriminalromane, die keine Kriminalromane sind, und er schreibt Thriller, die keine Thriller sind. Nichtsdestoweniger sind seine Werke, die nur schwer zu qualifizieren sind, spannend. Seine ersten Bücher befassten sich im Red Riding Quartet" mit dem Yorkshire Ripper (1974", 1977", 1980" und 1983") und sind mittlerweile von unterschiedlichen Regisseuren als Serie verfilmt worden. Die Fortsetzung findet der Yorkshire Ripper in einer Tokio-Trilogie, deren erster Band Tokio im Jahr null" (Heyne 67531 - Tokyo Year Zero", 2007) ist. Die Kulisse: Tokio nach der Kapitulation, Häuserruinen, zerstörte Infrastruktur, zerbombte Produktionsanlagen, Hunger, Armut, Angst, verzweifelte Menschen, Besatzungssoldaten, Yakuza, Korruption und Schwarzmarktgeschäfte. Der Plot (offenbar auf einer wahren Begebenheit beruhend): Ein bereits einmal wegen mehrere Morde in den 30er- und 40er-Jahren in China (während des Krieges von Japan gegen China) und Japan verurteilter Serienmörder, der während des 2. Weltkrieges freikam, setzt seine Mordserie fort. Inspektor Minami von der Tokioter Polizei wird mit der Aufklärung betraut. Der Inspektor: In der Hierarchie ist Inspektor Minami ziemlich weit unten, obrigkeitshörig und korrupt, was ihn für Intrigen innerhalb der Tokioter Polizei angreifbar macht. Er ist der Ich-Erzähler und hat nach vielen Seiten den Täter identifiziert, doch im Zuge der Ermittlungen musste auch er sich seiner persönlichen Geschichte stellen, die er verdrängt hat. Und diese Geschichte beinhaltet eine schwere Schuld. Der Stil: Ungewohnt. Kurze, nüchterne Sätze reduziert auf das Wesentlichste. Immer wiederkehrende (japanische) Worte. Ton-ton, Ton-ton, Ton-ton ... das Hämmern (der Gedanken); Chicu-taku, Chicu-taku, Chicu-taku ... das (rasche) Vergehen der Zeit; Gari-gari, Gari-gari, Gari-gari ... das Jucken und Kratzen (der Gedanken?). Wird bald nervend. Viele (zu viele?) handelnde (japanische) Personen mit Namen, die man leicht durcheinander bringt. Kurzum, die Schreibweise von David Peace unterscheidet sich total von der anderer Autoren. Die Quintessenz: Harter Realismus in Zeiten wo nichts als das (Über)Leben Wert hat. Niemand ist der, der er vorgibt zu sein. Alles in allem ein spannendes, zum Teil verwirrendes, nicht einfach zu lesendes Buch, das nicht von allen potentiellen Lesern, die in Tokio im Jahre null" einen Kriminalroman/Thriller erwarten, goutiert werden dürfte.
Ich war ja durch andere Rezensionen „gewarnt“, trotzdem lange Zeit motiviert - bis etwa der Hälfte des Buches - denn über den „Krimi“ hinaus steckt sehr viel mehr in diesem Buch: ein historisch besonderer Blick in ein eigenwilliges Land und seine Mentalität. Am Ende habe ich mich dann ob des sehr eigenwilligen Schreibstils „geschlagen“ gegeben und bin in den Schnelllesemodus übergegangen.