Das Buch ist ein Muss für jeden, der sich ausführlich mit Franz Liszt beschäftigt. Liszt gilt manchen Biographen als die im 19. Jahrhundert am besten bekannte Persönlichkeit, die fast jeder, mindestens durch eines der zahllosen Bildnisse und in Liszts 2. Lebenshälfte auch Fotografien, einmal gesehen hatte. Zugleich wurde Liszt viel beneidet und auch verleumdet, da ihm der Ruf des Frauenschwarms anhaftete, was im moralischen 19. Jahrhundert noch anders bewertet wurde als nach Henry Miller und Anais Nin. Liszts Bühnenkarriere schuf ein Bild, von ihm selbst nicht unverschuldet, das den späteren Komponisten und tief religiösen Menschen, der seine Kleidung durch ein geistliches Gewand ersetzte, überschattete und viele Vorurteile bis ins 21. Jahrhundert tradiert. Wer dieses Buch liest, wird anders über Liszt denken, wenn er es nicht schon tut auf Grund tieferer Beschäftigung mit seinen späteren Werken, die alles andere als oberflächlich sind. Die tragische Verkettung von Umständen, die zu Franz Liszts Tod führte (obwohl er mit 75 Jahren ja für damalige Zeiten recht alt wurde), ausgerechnet in Bayreuth, wo Wagners Stern heller leuchtete als der Franz Liszts, kann niemanden kalt lassen. Ernst Burger veröffentlicht hier Originalzeugnisse von Listzs Sterben, die sich gegenseitig weitgehend bestätigen, also glaubwürdig sind. Besonders erschütternd ist das hier zum ersten Mal in deutscher Übersetzung abgedruckte Tagebuch der Lisztschülerin Lina Schmalhausen, die Liszt bis zum Ende begleitete und nach Kräften pflegte, so weit sie nicht daran von Cosima Wagner, der Tochter Liszts, gehindert wurde. Ob Cosima Wagner ihren Vater hat elendiglich sterben lassen, ohne ihm die angemessene Hilfe und Betreuung zu gewähren, die - nicht nur von der einzig verbliebenen Tochter - zu erwarten gewesen wäre, oder ob sie das ihr Mögliche doch getan hat, ist unter Biographen eine umstrittene Frage. Wer das Tagebuch von Lina S. liest, kann sich selbst ein Bild davon machen: Er wird ein gespaltenes Empfinden behalten, da Cosimas Verhalten sowohl die eine wie auch die andere Deutung zulässt. Immerhin ist aufschlussreich, dass Cosima Wagner, die ihren Vater um 44 Jahre überlebte und erst 1930 mit über 90 starb, kurz vor ihrem Tode geäußert hat, sie sei ergriffen von der Tatsache, dass die franziskanische Kapelle ihres Vaters über seinem Grab in der Nähe ihres Wohnhauses (Haus Wahnfried) gewesen sei, und das der Geist des Großvaters (Franz Liszt) seit vielen Jahren in Bayreuth gefehlt habe. Nike Wagner, die noch lebende Ururenkelin Liszts (und Wagners) äußerte, Listz sei die bei weitem größte und menschlichste Gestalt ihrer "Sippschaft" gewesen. In ihrer Kindheit sei der Name Liszt ausgeblendet worden, und wenn doch erwähnt, so nur unter dem spöttischem Signum des Tastenakrobaten und des frömmelnden Abbé.
Ausgezeichnet, inhaltsreich, mit vielen neuen Informationen ausgestattet. Sehr beeindruckend der menschlich einfühlsame und verehrungsvolle Zugang zu den traurigen Ereignissen um Liszts Tod.