Das Buch beinhaltet die "biographischen Skizzen" der konservativ-revolutionären Autoren Paul Lensch, Werner Sombart, Oswald Spengler, Ernst Jünger und Hans Freyer. Dazu noch einen einleitenden Abschnitt über das "Symbolische Feld der Konservativen Revolution" und einen beschließenden Abschnitt über "Modernität, Technokratie und Nationalsozialismus".Die ausgewählten Theoretiker stehen für verschiedene Strömungen innerhalb des erst später so formulierten Begriffes der "Konservativen Revolution": Während der Rechtshegelianer Hans Freyer beispielsweise für eine kulturkritisch-technikzentrierte Philosophie stand und sich den "völkischen Komplex" näherte, beinhaltet das Denken der Kriegssozialisten und früheren linken Sozialdemokraten Paul Lensch und Werner Sombart vorallem Fragen zur Zukunft eines sozialistischen Deutschlands als Widerpart eines imperialistisch-ausbeuterischen Englands und die Frage nach Befreiung der Welt vom kapitalistischen Joch. Sombart schrieb hierzu beispielsweise:"Deutschland ist der letzte Damm gegen die Schlammflut des Kommerzialismus, der sich über alle Völker entweder schon ergossen hat oder unaufhaltsam zu ergießen im Begriffe ist, weil keines von ihnen gegen die andringende Gefahr gepanzert ist durch die heldische Weltanschauung, die allein Rettung und Schutz verheißt"Neben den großen Namen Spengler und Jünger ist es zudem eine Möglichkeit, Zweitliteratur über die nicht ganz so bekannten Namen zu rezipieren.Die große Stärke des Werks ist neben einer gutverdaulichen Sprache die relative Überparteilichkeit. Sieferle vermeidet es, einseitig Stellung zu beziehen, sich durch gefällige aber wissenschaftlich haltlose Thesen zu profilieren oder sich klar als Vertreter einer bestimmten Ideengeschichte zu präsentieren. Es lässt sich sehr gut mit dem Buch arbeiten und der gutsortierte Quellenapparat hilft zudem, sich weiterführend mit den einzelnen Autoren zu beschäftigen.Ich empfehle dieses Buch jeden, der sich für ein Überblickswerk neben den Klassiker von Mohler/Weißmann interessiert oder/und sich einen tiefergehenden Überblick über die einzelnen Autoren verschaffen will.
Je größer der zeitliche Abstand zu einer bestimmten Epoche, desto mehr verschwinden die großen ideologischen Grabenkämpfe jener Zeit und werden von der Gegenwart im Dienste der Verständlichkeit und des politischen Mehrwerts vereinheitlicht. Diese Beobachtung stellt der Historiker Rolf Peter Sieferle an den Beginn seiner erstmals 1995 erschienenen und nun neu aufgelegten Darstellung "Die Konservative Revolution: Fünf biographische Skizzen". Bezogen auf den Gegenstand seiner Analyse stellt er nüchtern fest, dass die sehr heterogene intellektuelle Strömung während der Weimarer Republik, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg von Armin Mohler mit der dem Oxymoron "Konservative Revolution" kategorisiert worden ist, heute pauschal als "Wegbereiter für den Nationalsozialismus" (Wikipedia) abqualifiziert wird. Nach einer allgemeinen Einleitung widmet sich Sieferle fünf Vertretern der Konservativen Revolution, um Gemeinsamkeiten und vor allem Unterschiede herauszuarbeiten, die dieser Überbegriff umfasst.Der Schock des verlorenen Weltkrieges, die Bedeutungslosigkeit des Einzelnen im Angesicht des industrialisierten Massensterbens an der Front, die vor allem von der Technisierung vorangetriebene Beschleunigung und Vereinheitlichung der Welt, das kollektive Bewusstsein, in einer Zeit des Umbruchs zu leben – dies war der Hintergrund, vor dem sich alles gesellschaftliche, politische und philosophische Denken in den Jahren nach 1918/19 abspielte: "Gegenstände der Natur stehen daher in schroffem Gegensatz zu Produkten der Technik. Der gewachsene Stein gegen den gegossenen Beton, warmes Holz gegen kalten Stahl, beseelte Erdfarben gegen grelle Industriefarben, der natürliche Rhythmus des Sonnentages gegen das mechanische Diktat der Uhr, die gemächliche Bewegung des Leibes gegen das hektische Tempo der Maschine" (38 f.) – Sieferles Versuch der Zusammenfassung des gesamtgesellschaftlichen Bewusstseins der Weimarer Republik weist durchaus Ähnlichkeiten mit der heutigen von der digitalen Revolution geprägten Gegenwart auf. Konkret fokussiert sich Sieferle in seinem Buch auf das Denken und Schreiben von Paul Lensch, Werner Sombart, Oswald Spengler, Ernst Jünger und Hans Freyer.Auch wenn sich die Schwerpunktsetzung der ausgewählten Autoren voneinander unterscheidet – Lensch konzentriert sich auf die Wirtschaft, Spengler auf Geschichte und Kultur, Jünger auf das Verhältnis von Technik zu Individuum – eint sie eine skeptische Grundhaltung zu Demokratie und Kapitalismus: "Die parlamentarische Demokratie ist in ihrem Kern Plutokratie, also politische Herrschaft des Geldes, die über Wahlkampfmanöver und Beeinflussung der Öffentlichkeit durch die Presse ausgeübt wird. Geld und Masse sind zwei Aspekte der zivilisatorischen Formlosigkeit" (163), schreibt Sieferle über Spenglers zyklisches Geschichtsbild, gemäß dessen jede Kultur kurz vor ihrem Verblühen das Stadium der Zivilisation mit den genannten Eigenschaften durchläuft. Der ewige Zyklus vom Entstehen und Vergehen unterschiedlicher Kulturen, so vermutete Spengler bereits vor 100 Jahren, könnte eines Tages abgelöst werden durch eine "unstrukturierte globale Zivilisation" (167), die alles und jeden vereinheitliche und Unterschiede nicht mehr zulasse. Ernst Jünger sieht in der Technik das schicksalhafte Moment des Menschen, deren Einfluss man beklagen, nicht aber verhindern könne. Es gelte also, sich mutig und entschlossen an die Spitze dieser Entwicklung zu stellen – Jünger bezeichnet diesen Menschentypus als "Arbeiter" -, um dem Unvermeidlichen den Weg zu bahnen. Beide, Spengler und Jünger, glauben also an eine "schicksalhaft geordnete Sinnstruktur der Wirklichkeit" (202), die so ist, wie sie nun einmal ist, und der man nur mit der Position des "heroischen Realismus" (182) – also der Erkenntnis, dass der Spielraum eigener Handlungsspielräume ziemlich eng bemessen ist – begegnen könne. Aus dieser Wahrnehmung der Realität entstand bei Jünger nach der Machtübertragung an Hitler im Januar 1933 eine kurzzeitige Unterstützung des Regimes, meinte er doch hier eine Bewegung am Werk zu sehen, die voller Tatendrang an sie Spitze dränge, um dem vorherbestimmten Schicksal Deutschlands zum Durchbruch zu verhelfen. Wiewohl Antidemokrat, lehnte Jünger das völkisch-rassische Weltbild der Nationalsozialisten stets deutlich ab und bezog spätestens mit seinem 1939 erschienen Roman "Auf den Mamorklippen" deutlich Position gegen totalitäre Regime jedweder Couleur.Insgesamt unterscheidet Sieferle fünf Hauptströmungen der Konservativen Revolution: den völkischen Komplex, den National-Sozialismus (nicht zu verwechseln mit dem Hitlerschen Nationalsozialismus), die national-revolutionäre Bewegung, den aktivistischen Vitalismus und ein biologisch-naturalistisches Weltbild. Um zu einer kritisch-ausgewogenen Bewertung zu kommen, muss man die verschiedenen Ansätze als Teil einer aufgewühlten Epoche des Wandels sehen und sie nicht im Lichte der kommenden Terrorherrschaft pauschal als Wegbereiter eben jener abkanzeln. Sieferles Werk ist von den meisten Kommentatoren verrissen worden, wie Karlheinz Weißmann im Nachwort schreibt. Der Vorwurf: Er gehe lediglich textimmanent-unvoreingenommen vor und lasse es an der dringend gebotenen politisch-moralischen Distanzierung vermissen. Doch ist es gerade dieser Aspekt, der sämtliche Werke von Sieferle lesenswert gestaltet – er schreibt dem Leser nicht vor, was er zu denken hat; seine eigenen Ansichten verbirgt er weitgehend hinter kühler, fundierter Analyse. Es sagt viel über unsere Zeit aus, wenn es als Malus gesehen wird, dem offenbar als unmündig angesehen Leser nicht die richtige Interpretation mit an die Hand zu geben.