Donald Ray Pollocks Vorgängerromane „Das Handwerk des Teufels“ und „Knockemstiff“ sind starke Literatur. Und harter Tobak, famos darin, das Elend und ein Spektrum von Abseitigkeiten und Abartigkeiten zu zeigen, das offenbar die Rückseite des amerikanischen Traums darstellen mag, der für manchen ein Alptraum ist. Diese finsteren Sujets ziehen sich spätestens seit Faulkner durch die US-Literatur, erlebten aber im Umfeld Cormac McCarthys eine moderne Blüte, in Gestaltung eben der Elendsseite von Glanz und Glamour.Auch in diesem Band geht es Pollock um das jenseitige Amerika; er zeigt Erniedrigte und Beleidigte und verwebt deren Geschichten zu einem Opus auf das Jahr 1917 in Ohio. Den Hauptstrang bildet eine Art düsteres Road-Movie. Drei armselige, geschundene und halbverhungerter Farmersöhne raffen sich nach dem Tod ihres ganz an Religion und Jenseits verlorenen halbsenilen Vaters zu einer Art Privat-Revolution auf, indem sie sich eines sie schindenden Landbesitzers kurzerhand entledigen und sich als Gesetzlose das zu nehmen beginnen, was sie allzu lange entbehrten. Keine Hoffnung mehr auf die himmlische Tafel, sondern praktische Diesseitigkeit. Die drei Outlaws wider Willen schneiden auf ihrem Weg die Geschichten anderer Helden, allesamt unglückliche Menschen, ja Verzweifelte zwischen Elend und Verheißung, aber genau deshalb recht und schlecht dabei, ihren eigenen Träumen nachzulaufen und, jeder auf seine Weise, alles auf eine Karte zu setzen, wobei sie allerdings meist verlieren.Da ist der redliche Farmer Fiddler, eine Hinterwäldler, der einmal das Geschäft seines Lebens machen will und sich damit prompt um alles bringt, seinen Sohn an den Suff verliert und die Frau in Depression stürzen sieht, der junge Leutnant Bovard, reicher Eltern Kind, Altphilologe und Offizier in einem Camp, das Farmersöhne für den großen Krieg in Europa drillt, ein sich elitär wähnender Ostküsten-Gentleman, aber mit dem Comming-out ringend und an die Kleinstadtperversen geratend. Die Sehnsucht nach der großer Liebe treibt hier alle um, selbst den gutherzigen Jasper, der die Latrinen der Stadt zu inspizieren hat, an der Hypertrophie seines Genitals leidet und selbst noch aus den Exkrementen der Bürger psychologische Rückschlüsse auf deren Leben, Leiden und Sehnen zu ziehen weiß. Ach, und eine Menge Käuze mehr, Männer wie Frauen, alle auf der Suche nach dem Glück, diesem Weg, auf dem man tragisch stürzt.So finden sich herzzerreißend traurige Szenen nehmen solche meist unfreiwilliger Komik, und oft genug speisen sich beide aus dem gleichen Ursprung, dem Drama des Menschen, der endlich mehr will, als ihm das Schicksal zumaß. Sehr amerikanisch also, dabei aber geradezu mythisch menschlich.Kostprobe? – Als der alte Farmer Pearl Jewett seine an Auszehrung verstorbene Frau, Mutter der drei oben erwähnte Söhne, betrauert, bemerkt er erschrocken, wie sich ein Wurm durch deren kalten Lippen hinauswindet, irgendein fieser alptraumhafter Parasit, der seinen Wirt verlässt, nachdem er dessen Tod verursacht und sich so die eigene Lebensgrundlage nahm. Ich las selten Ekligeres, und ich las solches wohl nie stärker dargestellt. Und genau auf diese finsteren Motive versteht sich der Autor. So gut, dass es einen zuweilen emotional erschöpft und man eine Pause braucht – nie weil es langweilig ist, sondern weil er’s mit einer Intensität durchhält, der man, mitleidvoll, gewachsen sein muss.Ein Stern Abzug? Nur in Relation zu den übrigen Pollock-Romanen, die ich literarisch stärker finde. Mein unmaßgeblicher Eindruck: Hier wird doch stark überzeichnet, so dass manches zur Karikatur gerät, ins Comichafte, also phasenweise ins sehr Burleske. Man kann darin freilich ebenso eine Stärke sehen. Übertrieben, gewissermaßen also überdreht und quasi filmischer Dramaturgie gehorchend, sind die Romane Pollocks immer. Sie zeigen Extremes, darauf verstehen sie sich. Aber in diesem Band spürt man etwas, was man ähnlich von John Irving kennt: Aktion und Farbe ein wenig zu Lasten der Entwicklung von Figuren und Geschichte. Bliebt die Frage: Reiches Spektrum? Oder doch eher überfrachtet? - -
Der amerikanische Schriftsteller Donald Ray Pollock erzählt von Menschen, deren tristes Leben einem Dornengestrüpp auf einem längst vergessenen Friedhof gleicht. Monoton. Öde. Belanglos. Menschen die aus unterschiedlichen Gründen nie den Hauch einer Chance hatten im Leben mehr als das simple Überleben zu erreichen und einem vorgezeichneten Lebensweg, den man aber wohl eher als Trampelpfad bezeichnen kann, folgen. Armut und Entbehrung ist allen gemein und manchen bringt die pickelharte Plackerei auf den Farmen kaum genug zum satt werden. Der amerikanischen Unterschicht auf dem Lande, für die der abfällige englische Begriff Hillbillys geschaffen wurde und der es mittlerweile den Weg in den deutschen Sprachraum geschafft hat, nehmen sich in den letzten Jahren gleich mehrere Schriftsteller an und sie schreiben ihre Romane unter dem Sub-Genre des "Country Noir"Die armen Leute glauben schon seit vielen Jahrhunderten, dass sie nach ihrem Tod für ihr karges und meist arbeitsreiches Leben auf Erden im Himmel belohnt werden. Für sie ist ein Platz an der üppigen himmlischen Tafel reserviert. Der Farmer Pearl Jewett glaubt unerschütterlich an dieses Dogma und er bewirtschaftet mit seinen drei Söhnen eine kleine Farm deren mickriger Ertrag sie zuweilen Hungern lässt. Er lässt sie wissen, das sich die Mühsal in all dem Dreck und der Einöde sich dereinst im Jenseits lohnen wird. Als Pearl stirbt entschliessen sich die drei Brüder den rechtschaffenen Weg zu verlassen in ihr echtes Leben im Hier und Jetzt zu verbessern. Sie eifernen ihrem fiktiven Idol aus dem zerlesenen Groschenroman "Das Leben von Bloody Bill Bucket" nach und überfallen mehrere Banken. Als Outlaws werden rasch sie steckbrieflich gesucht und sie entschliessen sich gen Norden nach Kanada zu reiten und treffen dabei auf die die beiden Hauptpersonen des zweiten Handlungsstrangs: Eula und Ellsworth Fiddler. Zwei grundehrliche Menschen denen ein Vagant ihr Erspartes abgeschwatzt hat und die ihren Sohn in die Armee für den Kampf gegen die Deutschen des sich im Endstadium befindenden 1. Weltkriegs verloren haben.Pollock erzählt eine gute Geschichte aus dem amerikanischen Süden die im Jahre 1917 spielt. Wie meist bei dieser Art Roman betätigt sich der Autor als Chronist einer Region und Zeit und braucht kein Blatt vor den Mund zu nehmen da die Leser dieser Gattung Buch deftige Lesekost gewöhnt sind. Die Zeit war hart und die Menschen gehen derbe miteinander um. Raubeinige Aussenseiter treffen auf naive Farmer, kleinstädtische Säufer und Huren. Der Roman ist just in der Zeit angesiedelt, als die technischen Errungenschaften die arme Landbevölkerung in den Südstaaten erreicht. Die Menschen müssen sich an den Anblick der ersten Automobile gewöhnen. Städte vergeben neuerdings Jobs wie Scheisshauskontrolleure die dafür sorgen, dass die Sickerbecken der Plumpsklos nicht überlaufen und das Trinkwasser verunreinigen. Der Autor beschreibt eine Handlung im Spannungsfeld des historischen Umbruchs zwischen altertümlicher Tradition und beginnender Moderne.Ih mochte schon ersten beiden Romane "Knockemstiff" und "Das Handwerk des Teufels" von Pollock und dieser Roman, sein Dritter, steht den beiden Vorgängern in Nichts nach und festigt seinen Status als feste Grösse unter den Schriftsteller in der Kategorie "Country Noir".
Der 1954 in Knockemstiff (Ohio) geborene US-amerikanische Schriftsteller Donald Ray Pollock wurde hierzulande mit seinem im Jahre 2012 veröffentlichten Roman „Das Handwerk des Teufels“ einem breiten Publikum bekannt. Das Buch wurde auch mit dem „Deutschen Krimi Preis“ ausgezeichnet. Mit dem Roman „Die himmlische Tafel“ liegt jetzt ein weiterer Titel des Autors in deutscher Übersetzung vor. Im Zentrum der Handlung steht das fesselnde Schicksal der drei Söhne des bettelarmen Farmers Pearl Jewett. Im Ohio des Jahres 1917 rebellieren die drei Brüder nach dem Tod ihres Vaters gegen ihr elendes Dasein. Schwer bewaffnet zieht das Brüdertrio durchs Land und überfällt Banken. Die Jewetts verbreiten Angst und Schrecken. Der Traum vom ganz großen Geld beherrscht fortan ihr Leben. Koste es, was es wolle. Der Preis für ein kleines Stück vom Glück ist freilich hoch, viel zu hoch. Donald Ray Pollock hat mit diesem Roman einen wilden Western geschrieben, sehr brutal und derb. Der hard-boiled Autor erzählt seine archaische Geschichte äußerst packend, da steckt auch reichlich Pulp und Trash mit drin. Der Roman ist wahrhaftige Literatur, schonungslos und direkt.