Als der Erzähler 17 ist, verliebt er sich in ein 16jähriges Mädchen. Der meiste Kontakt verläuft über Briefe, wenn sie sich treffen, erbauen sie zusammen eine Stadt, denn das Mädchen ist nur ein Schatten und ihr wahres Ich lebt in der Stadt, ohne von ihrem Schatten zu wissen. Die Stadt ist von einer unüberwindbaren Mauer umgeben und die Stadt ist vollkommen – vollkommen in ihrer Unvollkommenheit. Eines Tages verschwindet das Mädchen einfach von der Erde, der Erzähler sucht und wartet – Jahrzehnte vergehen – ohne ein Lebenszeichen. Und eines Tages überwindet er die ungewisse Mauer, sein Schatten wird von ihm getrennt und er wird Traumleser. Seine Aufgabe ist es nun, in der Bibliothek die alten Träume zu lesen.„SEUCHE OHNE ENDEEine geistige Seuche.Die Menschen, die damals die Stadt regierten, umgaben sie mit einer hohen, starken Mauer, um die Seuche, die sich in der Außenwelt ausbreitete, fernzuhalten. Und sie versiegelten die Stadt. Lückenlos. Auf diese Weise schufen sie ein festes System, aus dem niemand hinaus- und in das niemand von außen hereinkonnte. […] die Mauer begann aus eigenem Willen und aus eigener Kraft zu funktionieren. Sie wurde so mächtig, dass die Menschen sie nicht mehr kontrollieren konnten“ (S. 441f)Dem ein oder anderen Leser von Murakami wird diese Geschichte bekannt vorkommen, denn in „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt“ behandelt er genau dasselbe Thema. Schon die dritte Bearbeitung derselben Geschichte ist nun „die Stadt und ihre ungewisse Mauer“. Dass ich „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt“ las, ist erst wenige Jahre her, seltsamerweise hatte ich am Ende den gewissen Eindruck, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist. Und tatsächlich schreibt der Autor hier im Nachwort, dass ihn diese Geschichte fast 40 Jahre lang keine Ruhe gelassen hat – das es noch ein weiters Gegenstück geben musste. Obwohl „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt“ einer seiner ersten Romane war, bin ich der Meinung, dass es eine seiner allerbesten Geschichten ist. Trotzdem sollte man keinesfalls denken, es handle sich hier um einen warmen Aufguss derselben Geschichte. Zu Beginn sind die Ähnlichkeiten frappierend, doch es ist, als hätte Murakami diesmal die ursprüngliche Erzählung vom Ende an rückwärts erzählt, desto weiter die Erzählung fortschreitet, desto mehr entfernt sich die Handlung von ihrem Ursprung.In vieler Hinsicht ist der Roman sanfter und weniger komprimiert, als Murakamis andere Romane. Fast wie seichter Regen am Strand. Ich glaube keine andere Geschichte hat er mit solcher Sanftheit und Ruhe erzählt. Wenig überraschend gibt einem die Geschichte kaum neue Antworten auf „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt“, vielmehr ist „die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ ein anderes Gegenstück mit ganz eigenen Fragen.Um was geht der Roman denn nun überhaupt, könnte man sich Fragen. Doch das ist - wie so oft bei Literatur - nicht leicht zu beantworten. Man könnte in der Stadt natürlich eine Art Mauer sehen, die den Erzähler vor der Wirklichkeit schützt. Oder eine Metapher für das Unterbewusstsein. Oder einen Diskurs über die Grenzen zwischen Realität und Wahrheit. Oder die Stadt ist ein Ort, an dem für Menschen Platz ist, die in der Realität keinen Platz haben – ein Ort für Menschen, die über das Ende einer Palme hinaus klettern und einen Ort irgendwo zwischen Zeit und Raum zu finden.Wie so oft sind Murakamis Figuren wie Papageien, man kann sie nicht übersehen, denn sie sind so einzigartig und individuell und gerade deshalb immer hinter Mauern eingesperrt - einsam und von der Welt unverstanden.Und damit trifft Murakami auch wieder genau den Zeitgeist. Seine Figuren leben oft in Großstädten, trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb sind sie allein auf der Welt. Durchleben vor den Augen der Menschheit ihren ganz persönlichen Albtraum. Neulich las ich von einer Studie, nach der über 60 Prozent aller Amerikaner sich einsam fühlen. Murakamis ganzes Werk trifft dieses Rasant wachsende Problem ins Herz.Und gerade deshalb fühlt man sich bei Murakamis Romanen immer wieder Zuhause – weil man Geschichten über Echte Menschen mit all ihren Facetten liest. Ohne Romane wie diese wäre die Welt wirklich ganz schön einsam und trostlos. Denn in Literatur wird man sich ihnen erst immer wieder so richtig bewusst – der Dinge auf die es wirklich ankommt.„Vielleicht war ich gar nicht ans Warten gewöhnt, sondern man hatte mir nur keine Wahl gelassen? Außerdem – worauf hatten ich denn gewartet? Wusste ich es überhaupt? Oder hatte ich immer nur geduldig darauf gewartet, dass mir klar wurde, worauf ich wartete? Mein Leben erinnerte mich an eine dieser edlen Holzschachteln, in der sich in endloser Reihe immer kleinere Schachteln befanden. Und mit ihnen wurde auch das, was sie enthalten sollten, immer kleiner. War das nicht genau die Essenz des Lebens, das ich in den letzten vierzig Jahren geführt hatte? Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger wusste ich, wo mein Ausgangspunkt war und ob es überhaupt so etwas wie einen Endpunkt gab. Ich wusste weder ein noch aus. Ja, das war genau der richtige Ausdruck für meinen Zustand. Das klare, kühle Mondlicht beleuchtete den lebhaft rauschenden, von Schmelzwasser angeschwollenen Fluss. Es gab verschiedene Arten von Wasser auf der Welt. Und alle flossen von oben nach unten. Natürlich und unaufhaltsam.“ (S. 566)
Die literarische Geschichte des 20. Jahrhunderts sticht einmalig heraus aus der bis dahin geschriebenen Geschichte der Weltliteratur. Zwar waren alle Jahrhunderte, in denen Literatur produziert wurde, geprägt vom Wandel der Epochen, vom Wandel der Themen und Stilrichtungen, doch keines dürfte eine so radikale Öffnung, so eine radikale Veränderung des Gewohnten mit sich gebracht haben wie das Jahrhundert der beiden Weltkriege, das Jahrhundert der großen Diktaturen.Während die Innovation von Gottsched zu Lessing war, dass das Drama nun nicht mehr nur Mitglieder der Adelsgesellschaft, sondern auch bürgerliche Personen und ihre Diener auf die Bühne brachte oder der Naturalismus im späten 19. Jahrhundert in Abgrenzung zu den bürgerlichen Realisten Freytag, Raabe und Fontane den vierten Stand beschrieb, sprengten die Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts mit ihren Werken – sei es Prosa, sei es Lyrik oder Dramatik gewesen – sämtliche Konventionen, die bisher doch als unverrückbar galten. Die Schönheit der Literatur, ihre Formstrenge, die Idee, dass reale oder fiktionale Welten voneinander getrennt werden müssen oder dass Literatur allgemein irgendeinen Sinn haben müsste – all das warfen die Expressionisten, die Dadaisten, die Futuristen oder die Vertreter der Neuen Sachlichkeit mit ihrer literarischen Kunst über den Haufen.Die Schwelle vom 20. zum 21. Jahrhundert überschreitend, fragt man sich: Was sind, vor dem Hintergrund dieser radikalen Öffnung, die Innovationen, die Möglichkeiten, die Literatur in der Gegenwart zu gehen vermag? Zahlreiche Autorinnen und Autoren haben darauf eine Antwort gefunden. Die Werke, die sie produzieren, sind so unterschiedlich, dass es schwerfällt, jetzt schon einheitliche Kriterien auszumachen, anhand derer man rückblickend unsere Jetztzeit in der Literaturwissenschaft beschreiben wird. Was man allerdings festhalten kann, ist, dass sich die Gegenwartsliteratur viel weniger in Abgrenzung zu den vorangegangenen Epochen charakterisiert, als vielmehr durch den Versuch, in modernen, zeitgenössischen Werken Traditionen wieder aufzugreifen und auf neue Art und Weise in Literatur zu fassen. Liest man zeitgenössische Werke, glaubt man in vielen Fällen einen großen Meister des 20. Jahrhunderts in ihnen zu erkennen: Der schreibt doch wie Thomas Mann. Das ist doch ein Satz, wie man ihn bei Hesse lesen könnte. Ein solches Gedicht hätte auch Ingeborg Bachmann gedichtet haben können.Anknüpfungen wie die, die hier beschrieben wurden, geschehen immer weniger zufällig und werden auch in keiner Weise als Kritikpunkt am jeweiligen Autor der Gegenwartsliteratur verstanden. Vielmehr wird es honoriert, dass es immer wieder junge Schriftsteller gibt, die sich den literarischen Traditionen, aus denen sie kommen, bewusst sind und die nicht so tun, als hätten sie Papier und Stift mit ihrem Eintreten in den Literaturbetrieb neu erfunden. Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, ist alles andere als ein literarischer Neuanfänger. Und doch gehört er zu jenen Autoren des späten 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, die sich in besonderer Weise dadurch auszeichnen, dass in ihrem Werk Stilrichtungen und Themenansätze verfließen, die stark an bereits Dagewesene erinnern. Murakami, der auf der ganzen Welt gelesen wird, nach dem Tod von Kenzaburo Oe vielleicht als der wichtigste japanische Autor der Gegenwart zu gelten hat und seit Jahrzehnten für den Literaturnobelpreis gehandelt wird, scheut ebenso wie viele andere in seiner Generation nicht davor zurück, sich ganz bewusst in Traditionen zu setzen und Autoren zu offenbaren, die ihn beeinflussen und deren stilistischen Innovationen sich in seinem Werk wiedergespiegelt finden. Dabei beschränkt er sich nicht auf einen einzelnen Autor, ein einzelnes Vorbild, sondern verdichtet die Einflüsse ganz unterschiedlicher Autoren aus unterschiedlichsten Sprachräumen und Kulturkreisen miteinander und schafft daraus sehr spezielle, aber dadurch auch einzigartige Werke, die – wären sie nicht so brillant komponiert – wahrscheinlich nicht das breite Publikum erreichen würden, über das sich Haruki Murakami zurecht freuen darf.In kaum einem Werk ist die Vielfalt seiner stilistischen Prägungen und das Einzigartige, das er daraus zu schaffen vermag, so deutlich hervorgetreten wie in seinem neuen Roman Die Stadt und ihre ungewisse Mauer. Der Roman, der pünktlich zu Murakamis 75. Geburtstag in deutscher Übersetzung von Ursula Gräfe bei dumont erschien, ist seit Die Ermordung des Commendatore II (2018) der erste Roman seit über fünf Jahren, den Murakami schreibt, und darf sich mit seinen knapp 600 Seiten sofort wieder über einen Bestsellerstatus freuen. Wie Murakami in seinem Nachwort vermerkt, baut der Roman auf einer etwa 100 Seiten langen Erzählung auf, die er geschrieben und in einer Literaturzeitschrift publiziert haben soll, als er Anfang dreißig war und neben der schriftstellerischen Tätigkeit noch Inhaber eines Clubs war. Murakami schreibt über seinen eigenen Werdegang selbstkritisch, dass er sich damals noch nicht mit vollem Herzblut der Schriftstellerei gewidmet habe, so wie er es jetzt als erfahrener, weltberühmter Autor tun kann, und dass die Qualität seiner Erzählung dadurch gelitten habe. Der Text war nie in einem seiner zahlreichen Erzählbände erschienen, Murakami habe sich für sein Frühwerk geschämt und dennoch nie vom erzählerischen Stoff jener Stadt mit der ungewissen Mauer, von der auch im Roman wieder die Rede sein wird, ablassen können. Drei Jahre habe er an dem Roman geschrieben, der nun vorliegt und in den Feuilletons gespaltene Resonanz hervorruft.Alles beginnt auf ganz klassische Weise, so, wie man die Romane Murakamis kennt: Mit der Liebesgeschichte von zwei Jugendlichen in einer japanischen Provinz. Der erste, vielleicht schönste Teil des Romans ist in einem Wechselspiel zwischen dem Ich-Erzähler und dem „Du“, das er anspricht, geschrieben. Das „Du“ ist die Jugendliebe des Erzählers, ein Jahr jünger als er, die er bei einem Schreibwettbewerb kennengelernt hat und mit der ihn in seinen Adoleszenzjahren eine sanfte Beziehung verband. Die beiden, die auf einige Distanz zueinander wohnen, versuchen sich so oft wie möglich zu sehen, teilen die Erfahrung des ersten Kusses und schreiben sich Briefe, werden allerdings dennoch nie intim miteinander. Das Mädchen verspricht dem Ich-Erzähler, dass sie eines Tages ganz ihm gehören würde, und ist doch von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden.Der Erzähler, der sich ausgemalt hatte, mit ihr noch ganz viel Zeit zu haben, ist vor den Kopf gestoßen und von der Plötzlichkeit des Endes dieser zarten Beziehung so verstört, dass er ein Leben lang unfähig sein wird, eine andere Beziehung einzugehen. In den gemeinsamen Monaten hatte das Mädchen ihm eine von ihr erdachte Geschichte von einer Stadt mit ungewisser Mauer erzählt. Diese Stadt kann man nur betreten, wenn man seinen Schatten im irdischen Leben zurücklässt und sich dadurch seinem eigenen Ich annimmt. In Gedanken betritt der Ich-Erzähler diese Stadt und trifft auf seine Jugendliebe, die in einer Bibliothek arbeitet, in der Bücher voller Träume gesammelt sind. Doch das Mädchen in der Stadt, das Mädchen ohne Schatten, ist ein anderes als das aus der realen Welt und kennt den Erzähler nicht mehr. Als Leser ist man wie der Erzähler selbst hin und hergerissen, welche Identität des Mädchen man nun sympathischer und geheimnisvoller finden soll.Im zweiten Teil des Romans driftet das Geheimnisvolle und Fantastische, das die Erinnerung an die gemeinsamen Liebesjahre und das Gedankenexperiment von der Stadt voller schattenloser Individuen durchzogen hab, in die scheinbar unumstößliche Realität des Erzählers ab. Der Erzähler, der in Tokio lebt und ein Leben wie ein ganz normaler Mensch geführt hat, zieht sich in seinen Mittvierzigern aus der Großstadtmetropole in einen namenlos bleibenden, japanischen Provinzort zurück und beginnt dort die Arbeit in einer Bibliothek, die auf den ersten Blick eine ganz normale mit normalen Büchern zu sein scheint. Doch fast wie in der Gedankenwelt von der Stadt mit der ungewissen Mauer wird die Bibliothek mehr und mehr zum Fantasieort, einem Gebäude, in dem dem Ich-Erzähler Menschen begegnen, die längst tot sind, und die Bücher ebenfalls eine Parallelexistenz zu entwickeln beginnen. Natürlich wird er Erzähler hier auch noch einmal auf eine Frau stoßen, die zwar nicht seine Jugendliebe ist, ihn aber doch zurückführen wird zu der Tiefe jener Gefühle, die er damals als Siebzehnjähriger empfunden hatte und die nie eingelöst wurden.Möchte man die vielen Assoziationen benennen, die man vom Roman Die Stadt und ihre ungewisse Mauer ausgehend mit anderen großen Werken und Strömungen der Weltliteratur ziehen könnte, würde der Rahmen einer Rezension nicht ausreichen und man könnte eine Doktorarbeit über dieses Werk und seinen Autor verfassen. Seit den 1980er Jahren schreibt Haruki Murakami unermüdlich, und hat man bereits einige Werke von ihm vielleicht auch in chronologischer Reihenfolge gelesen, kann man in der Tat – wie er sich selbst beschrieben hat – feststellen, dass er mit sich und dem, wie er Prosa gestalten möchte, über die Jahrzehnte hinweg sicherer geworden ist. In seinem Alterswerk, das dahingehend auch ein Werk seiner jungen Jahre ist, weil ihn der Stoff seit seinen Anfängen als Schriftsteller beschäftigt, fließen die Innovationen zahlreicher großartiger Autoren zusammen.Liest man die Geschichte der befremdeten Liebe, der Unfähigkeit, einander nahe zu sein und die erzählerische Konstruktion dieser surrealen, geheimnisvollen Gedankenstadt mit ihrer Mauer und ihren Wächtern, denkt man unweigerlich an Franz Kafka, der Murakami bereits in vielen anderen Werken teils auch namentlich (man denke an den Roman Kafka am Strand von 2004) beschäftigt hat. Das Motiv des Schattens stammt klassischerweise aus der Romantik, wer die Novelle Peter Schlemihls wundersame Geschichte von Adelbert von Chamisso gelesen hat, dürfte auch hier Parallelen des Japaners zum deutschsprachigen Raum erkennen. Doch nicht nur die europäische Literatur, sondern auch der lateinamerikanische Kontinent und die dort besonders geballt auftretenden Vertreter des magischen Realismus haben es Murakami angetan. In Die Stadt und ihre ungewisse Mauer namentlich erwähnt wird Gabriel García Marquez und sein Roman Die Liebe in den Zeiten der Cholera, und ja, das Verschmelzen von real existierenden Orten, „normalem“ menschlichem Handeln und Fantasiewelten, die allerdings im erzählerischen Duktus genauso ernst genommen werden, findet sich natürlich auch in der Prosa Haruki Murakamis.Von der Fülle und Vielfalt, die der japanische Autor in seinem neuen Roman zu bieten hat, beinahe erschlagen, verliert man den Blick für das, was Murakami selbst aus den vielen erzählerischen Strängen macht, von denen er sich inspirieren ließ. Denn Haruki Murakami ist nicht Kafka 2.0, er ist auch nicht ein bloßes Abbild von Adelbert von Chamisso oder ein Imitator von García Marquez. Er ist eine ganz eigene Hausnummer mit einem unverkennbar gewordenen Stil, der sich durch die hier beschriebene Vielfalt auszeichnet. Besonders gelungen ist die Schilderung des Verschmelzens von gelebter und erzählter Realität im ersten Teil des Romans. Noch selten dürfte man so leibhaftig erfahren haben, was es bedeutet, sich aus dem gelebten Leben zurückzuziehen und sich in Gedanken in ein Paralleluniversum zu geben, wie bei der Lektüre der Kapitel, die in der erdachten Stadt mit ungewisser Mauer spielen.Auch bergen die eingebetteten Kapitel, die die Geschichte des toten bzw. untoten Bibliothekars erzählen, einen ganz eigenen Reiz, der an der ein oder anderen Stelle aber in die Länge gezogen ist. Murakami scheint für jeden Teil eine eigene Überschrift gefunden zu haben und womöglich überzeugen die Geschichten für sich genommen auch. Bei der Gesamtbeschau des Romans glaubt man den Protagonisten der ersten 200 Seiten auf den mittleren dann teilweise nicht mehr zu erkennen und erst am Ende wiederzufinden, weil sich seine Erfahrungswelten und die Hürden, die sein Leben genommen hat, zeitweilig doch sehr voneinander unterschieden haben.Doch ungeachtet dieser Kleinigkeiten, die auf der Strecke von knapp 600 Seiten die ein oder andere Länge produziert haben und am Ende die vielen Fragen, die der Roman aufgeworfen hat, doch auch offen ließen, ist die Lektüre von Die Stadt und ihre ungewisse Mauer ein einziger Genuss. Es ist der Genuss einer schlichten und doch so schönen Sprache und der bewundernswerte Mut eines Autors, frei und ungehemmt über Gefühle zu schreiben, die so tief sind, dass sich der ein oder andere Rezensent nicht verkneifen konnte, von Kitsch zu schreiben. Murakami dürfte über Vorwürfe wie diese nur sanft lächeln können, mit seinen nun 75 Jahren, im Laufe derer er es auch ohne Nobelpreis vollkommen zurecht auf den Olymp der internationalen Gegenwartsliteratur geschafft hat.Ebenfalls vorhandene Rezensionen zu H. Murakami:- Naokos Lächeln- Südlich der Grenze, westlich der Sonne- Kafka am Strand- Erste Person Singular