Diesseits von Gut und Böse: Briefe, Tagebücher, Prosa
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Diesseits von Gut und Böse: Briefe, Tagebücher, Prosa

Hersteller: Matthes & Seitz Verlag  ·  MPN: 1453007
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Produktbeschreibung

Diesseits von Gut und Böse | Briefe, Tagebücher, Prosa | Léon Bloy | Buch | 1259 S. | Deutsch | 2019

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Franz Joachim Schultz 15.07.2023 amazon.de
Bei diesem Buch wird man erst einmal vor Bewunderung erstarren. Alexander Pschera, der sich seit Jahren mit Léon Bloy beschäftigt und schon einiges veröffentlich hat, hat hier Gewaltiges geleistet. Er will „einen chronologisch wie thematisch gegliederten Querschnitt durch das Werk und die Biografie Bloys geben und damit zugleich sein Leben und sein Werk aufschließen“. (S. 9) Sozusagen Bloy total. Pschera liefert mit den Einleitungen zu den einzelnen Teilen des Buches so nebenbei eine Biographie dieses immer noch umstrittenen Autors, die es m. W. bisher nicht gegeben hat. Eingeteilt hat er das Buch in drei große Blöcke: WELT, GEIST, GOTT. Jedes dieser Großkapitel hat jeweils drei Unterkapitel: (1) Identität, Moderne, Existenz; (2) Geschichte, Kunst, Schöpfung; (3) Schöpfer, Kirche, Heiligkeit. Jedes Kapitel besteht aus kurzen oder längeren Zitaten aus den Werken, aus dem Tagebuch und aus den Briefen von Léon Bloy. Damit soll ein für alle Mal allen klarwerden: Léon Bloy (1846 – 1917) war kein ‚katholischer Wüterich’ (S. 43), sondern ein ernst zu nehmender Autor, der viele andere Autoren beeinflusst hat. Das haben schon einige vor ihm versucht. Zum Beispiel Raïssa und Jacques Maritain, deren Buch Der beständige Zeuge Gottes (auch dies eine Anthologie mit ausgewählten Texten Bloys) 1953 auch auf Deutsch erschienen ist. 1962 veröffentlichte Hubert Greifeneder eine erste (?) größere Auswahl aus Bloys Buch Exégèse des lieux communs (Auslegung der Gemeinplätze), Karl Pfleger, der 1950 Bloys Briefe an seine Braut veröffentlicht hat, beginnt sein Nachwort mit den Worten: „Sich zu Léon Bloy zu bekennen fällt heute gar nicht schwer. Zu seinen Lebzeiten war es anders. Da riskierte man, als halber Narr zu gelten, wenn man Bloy, dem ganzen Narren, folgte.“ Diese Behauptung war damals verfrüht, doch jetzt mit dem Buch von Pschera trifft sie zu.Durch seinen Titel bringt Pschera Bloy in Verbindung mit Nietzsche, obwohl er selber schreibt, es sei nicht nachgewiesen, „und auch nicht wahrscheinlich, dass Bloy Nietzsche ernsthaft rezipiert hat. Der direkte Konnex entsteht erst durch die vergleichende Betrachtung.“ (S. 444) Pschera sieht eine Parallele zwischen Nietzsches „Gott ist tot“ und Bloys „Gott zieht sich zurück“ oder „Gott ist abwesend.“ (S. 444) Nietzsche vertritt für Pschera den Geist des Ungehorsams, Bloy den Geist des Gehorsams. (S. 443) So reiht sich Bloy ein in die Vertreter des Renouveau catholique. Wobei man betonen muss, dass Bloy hier eine absolute Ausnahmestellung einnimmt, gegenüber Francis Jammes z. B., der keine kämpferische, sondern eine sanfte Frömmigkeit vertreten hat. Doch das ist ein weites Feld.Wenn von Nietzsche die Rede ist, kommt man auch zu Ernst Jünger, der zu den ersten Bloy-Lesern in Deutschland gehört. Pschera sieht hier Parallelen zu Bloys Auslegungen der Gemeinplätze. „Nietzsches Ich-Stil ist hier ebenso prägend wie Bloys Verständnis der Sprache als ein Fenster zum Absoluten.“ (S. 469) Darüber und über das, was Pschera im Folgenden schreibt (Carl Schmitt – Ernst Jünger – Ernst Bloy) könnte man lange diskutieren. Dazu nur dies aus der Jünger-Biografie von Martin Meyer: „Für Jünger kann Léon Bloy niemals mehr sein als ein Symptomatiker. Wenn er in dem ‚Zeitmauer’-Essay Bloys Wort ‚Dieu se retire’ zitiert er als Metapher, was der ‚Démolisseur’ wörtlich mit dem Pathos des bekehrten Christen gemeint hatte.“ (M.Meyer. Ernst Jünger. München 1999. S. 507)Pscheras Buch ist eine riesige Fundgrube, in der man sich aber auch verlieren kann. Fast bin ich versucht, ein anderes, auch von Pschera herausgegebenes Buch zu empfehlen: Unterwegs mit / en route avec Léon Bloy (2017, knapp 200 Seiten). Ein alphabetisch geordnetes, zweisprachiges Buch, sozusagen ein Bloy für die Westentasche. Mit dem neuen Buch wollte sich Pschera wohl noch übertreffen, doch ein vollständiges Buch dieser Art ist nicht möglich. An einigen Stellen werden Bloy-Kenner sagen: Hier fehlt etwas, hier hätte ein Zitat vollständig, zumindest länger angeführt werden müssen. Pschera wird dem wohl zustimmen, denn er weiß mit Sicherheit, dass er gezwungenermaßen viel weglassen musste, um das Buch nicht noch umfangreicher zu machen. Ein Beispiel: Zu Richard Wagner zitiert er einen Absatz aus einem Brief von Henry de Groux. (S. 700) Der belgische Maler Henry de Groux (1866 – 1930) war damals kein Unbekannter. Im Sommer 1899 widmete ihm die renommierte Zeitschrift La Plume ein Sonderheft. Mit Bloy verband ihn eine enge Freundschaft, sie haben sich aber auch immer wieder zerstritten. In dem von Pschera gewählten Absatz wird Wagner von Bloy heftig beschimpft. Es geht ihm um den Missbrauch der heiligen Liturgie im Parsifal. Bloy ist von „Ekel und Schrecken erfüllt“, schreibt er weiter in diesem Brief und fährt fort: „Es war als hätte ich ein siegreiches Ungeheuer, Marke Bismarck, erblickt, das mit seinem Stiefeln auf den frischen Blumen eines Kinderfriedhofs herumtrampelt.“ Und er schließt mit den Worten: ‚Ich bin, wie Sie wissen, ein Freund der Stille’. Dazu muss man wissen, dass Groux im August 1896 zu den Festspielen in Bayreuth weilte und Bloy vorgeschlagen, auch dorthin zu kommen. Das war natürlich ausgeschlossen, nicht nur wegen Wagner. Bloy wollte auch nicht in eine Stadt fahren, die das „Aas von Voltaire verpestet hat“. Mit ‚Bismarck’ und dem hervorgehobenen Wort ‚Stille’ erinnert Bloy an seine Erzählung „Le musicien du silence“ aus der Sammlung Blutschweiß, die Pschera übersetzt hat. Damit könnte man ein langes Kapitel zum Thema „Bloy und Wagner“ eröffnen, das Pschera verständlicherweise hier nicht einfügen konnte.Solche ‚Erweiterungen’ sind wohl, wie gesagt, auch an anderen Stellen möglich. Eine (utopische) Möglichkeit wäre gewesen, Bloys Gesamtwerk zu übersetzen, inkl. Tagebuch und Briefe, und in mehreren Bänden zu veröffentlichen. Aber welcher Verleger würde das wagen? Allein das Tagebuch umfasst in der französischen Ausgabe an die 1700 Seiten (Robert Laffont, Bouquins, 1999). So müssen wir uns mit der Lektüre dieser beeindruckenden Auswahl begnügen, in der, thematisch gegliedert, Passagen aus allen Werken zu finden sind. Auf Überraschungen stößt man immer wieder. Dabei ist mir ein anderer Nietzsche-Titel in den Sinn gekommen, den ich, völlig losgelöst von Nietzsches Absicht, als Überschrift für viele Einträge wählen würde: Menschliches, Allzumenschliches. So ist Bloy sehr streng mit Anderen und vor allem mit sich selber, die die Gebote Gottes nicht erfüllen. Er sah sich selber als „Soldat Christi“. (S. 57) Aber er kann sich das auch ‚zurechtlegen’. So schreibt er am 26. 6. 1895 in seinem Tagebuch: „Ich habe mir Folgendes zurechtgelegt, um mich über die fortdauernde Mittelmäßigkeit meiner Bemühungen um ein heiliges Leben zu trösten: Man tut nicht das, was man sollte, man tut das, was man kann, das heißt das, was einem Gott aufgibt. Wäre dem nicht so, dann wären wir gerecht wie Götter, wir müssten nur noch die Welt erschaffen.“ (S. 995) So könnte fast jeder ein heiliges Leben führen.Man hat den Eindruck, dass Bloy ständig an irgendetwas arbeitet: Werke, Tagebuch, Briefe. Bloys Interessengebiete waren breit gefächert. „Zeitweilig gerät er auch in das Fahrwasser des Anarchismus“. (S. 21. Vgl. dazu Léon Bloy: L’Archiconfrérie de la Bonne Mort suivi de Le Bon Conseil. Éd. par Émile de Van Balberghe. Bruxelles 2005.) Da wundert man sich über diesen kurzen Eintrag am 6. 9. 1913: „Ich beginne nun endlich meine Ferien, indem ich absolut nichts tue.“ (S. 114) Man fragt sich, ob er dies lange ausgehalten hat. Oder ist es ihm so ergangen wie mit seinem ständig erneuerten Gelübde, nichts mehr zu trinken, vor allem keinen Absinth. „Nach diesem Vortrag gehen wir ins Café, wo ich zu viel Absinth, dann ins Restaurant, wo ich zu viel Wein trinke. Als wir uns trennen, bin ich betrunken, ganz offensichtlich, und überhaupt nicht stolz auf diesen Zustand, der meine arme Jeanne traurig macht.“ (S. 139) Dies schrieb er am 9. Mai 1893. Doch schon am 28. Juli heißt es: „Ich fasse den Entschluss, keinen Absinth mehr zu trinken. Werde ich es schaffen?“ Doch schon einen Tag später: „Ich halte mich nicht an meinen Entschluss, keinen Absinth mehr zu trinken. ... Ich werde die Toten anflehen, mir zu helfen, diese Gewohnheit zu besiegen.“ (S. 142) Es ist ihm nicht gelungen, genauso wenig ist es ihm gelungen, mit dem Rauchen aufzuhören. Hier und an anderen Stellen wird der „katholische Wüterich“ Bloy für mich ein ganz sympathischer Zeitgenosse, und ich frage mich: Warum hat er es sich sein Leben lang immer so schwergemacht? Aber das Leiden war für ihn ein sehr wichtiger Bestandteil des Lebens, von Kindheit an. Schon als Kind machte er sich nichts aus Spielen und anderen Vergnügungen. Er fand es würdiger „zu leiden, mich selbst zum Leiden zu bringen, indem ich darauf verzichtete.“ (S. 70f.) In diesem Sinn lebt er im vollen Einverständnis mit seiner Frau Jeanne, die er oft in seinem Tagebuch zitiert: „’Wenn ich nicht mehr leiden würde, dann schien es mir, als wohnte ich in einem Haus ohne Dach.’ Jeanne.“ (S. 1150)Zum Abschluss noch einen für Bloy typischen Satz: „Die Menschheit ist derart degeneriert, dass sie nur noch ehrbare Bürger hervorbringen kann, das heißt weiche, klebrige Monster, die weder zu den Abgründen der Sünde noch zu den Abgründen der Tugend fähig sind.“
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