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Klaas Jarchow sei Dank, dass er dieses ungriffige, harsche, mutige Buch der Norwegerin Ingebjorg Berg Holm verlegt hat. Zwei Klimaforscher sitzen in Spitzbergen, und raufen um ihr Kind, das der Vater der Mutter entziehen möchte und umgekehrt. Ich liebe Krimis, doch dieses Buch ist schwerer verdaulich als die üblichen nordischen Varianten und das ist gut. Dreierlei Ich-Stimmen sind zu lesen, die der jungen Klimaforscherin Nina und ihres Mentors Njål, die gemeinsam Lotta haben. Die dritte Stimme gehört Sol, die vor Nina mit Njål zusammen war und die gern ein Kind mit ihm gehabt hätte. Der Themenreigen ist dementsprechend groß und tief. Hier sind Tradition und Moderne in Stimmen gegossen: Geschlechterkampf, die Fesseln von Rollenbildern, das leidige Me-too, Sex und das Kind. Die Themen werden in den Schicksalen lebendig, ganz wie im richtigen Leben. In Kampf und Leiden, tragisch und oft radikal. Das Eintauchen in die unterschiedlichen Persönlichkeiten ist fesselnd und hart – es liegt eine Aura von Schrecklichem über allem und das wabert immer wieder hoch. Manchmal habe ich die Luft angehalten und schmerzlich gewusst: Ja, es stimmt, das alles ist Leben. Berg Holms Roman ist ein Psychothriller und die Autorin erzählt in einer Ruhe, Kühle und Stärke, die ich so bisher nicht gelesen habe. Unerschrocken trifft es wohl am besten. Unbedingt lesen.
Nach dem Klappentext zu urteilen hat man es bei diesem Roman mit einer "literarischen Fahrt in ein Land aus reinem Eis und in tiefste menschliche Obsessionen" zu tun. So interessant das zunächst klingt, so übertrieben ist es auch. Spitzbergen, wo das Drama kulminiert, ist kein Land aus reinem Eis, und die menschlichen Obsessionen entpuppen sich als komplexe psychische Störungen, die sich dann in einer Dreiecksbeziehung verhaken.Njål hat eine Tochter mit Nina. Sol, seine Ex, hätte gern Kinder von Njål bekommen, aber ihr Körper versagte an dieser Stelle. Deshalb verließ Njål sie, was bei Sol heftige innere Reaktionen hervorrief. Tatsächlich kommen Njål und Sol nicht voneinander los. Sie verbindet leidenschaftlicher Sex, den es zwischen Njål und Nina nie gab. Nina stellte sich lediglich zur Verfügung, was einen Mann auf Dauer eher nicht befriedigt. Und obendrein bekam Nina nach der Geburt ihrer Tochter Lotta Depressionen.Schließlich trennten sich auch Njål und Nina. Nun kämpfen sie um Lotta, weil Njål das alleinige Sorgerecht für sein Kind bekommen möchte und dafür gute Gründe anführen kann. Inzwischen schläft Njål wieder bei Sol, und Lotta fühlt sich auch bei ihr wohler.Und ob das nicht genug wäre, stehen Njål und Nina auch noch in Konkurrenz um ein Forschungsprojekt auf Spitzbergen. Wie das bei der Frauenförderung ausgehen wird, dürfte klar sein.Jeder der drei Akteure schleppt also genug Last mit sich herum. Diese Dreiecksgeschichte erzählt die Autorin jeweils aus der Perspektive einer ihrer Figuren, was eine gute Idee ist, denn nur so werden die verschiedenen Sichtweisen deutlich.Nun kann man in diese Handlung alles Mögliche hineininterpretieren. Vielleicht liegt die einfachste Interpretation dann doch am nächsten. Alle drei Figuren dieser Geschichte leiden unter nicht unerheblichen mentalen Störungen. Daraus irgendwelche gesellschaftlichen Aussagen ableiten zu wollen, ist zwar modern, aber nicht unbedingt zwingend. In dieser Schärfe solche Störungen zusammenzufügen, wie das die Autorin tut, ist so abwegig nicht. Würde man nämlich oberflächlich von außen auf diese Geschichte sehen und keine Details kennen, wäre dies ein Konflikt, den es so oder so ähnlich nicht selten gibt.Erst die detaillierten Beschreibungen der Autorin und die über die einzelnen Figuren vermittelten Innenansichten ihrer seelischen Verfassung zeigen, wie brisant die Lage ist. Gewöhnlich bleiben solche Innenansichten dem Beobachter verschlossen. Er sieht nur die Folgen der misslichen Situation, mit der sich jede dieser Figuren herumschlagen muss.Die Autorin zeigt mit diesem Roman an einem Beispiel auf, wie Menschen von ihren eigenen Dämonen oder ihren körperlichen Unzulänglichkeiten gesteuert werden. Einzig Njål scheint einigermaßen normal zu sein. Aber auch das täuscht. Er wollte unbedingt Kinder haben und kam so in seinem Umfeld auf Nina, die er in Wirklichkeit nicht liebt, die ihn aber mit ihrem fraulichen Körper überzeugte. Auch hier bestimmen andere Gründe als die vorgeschobenen sein Tun. Ehrlich ist er nicht, aber wer ist das schon?Es tun sich also bei allen drei Figuren Kräfte auf, die man nicht sofort sieht, die aber ihre Handlungen dominieren und sie ahnungslos in zukünftige Konflikte stürzen. So gesehen ist dieser Roman, so ungewöhnlich und gut er auch ist, eine detaillierte Schilderung eines komplexen Geschehens, das selten so präzise seziert wird, obwohl es auf die eine oder andere Weise nicht selten ist.Ein Unterhaltungsroman ist dieses Buch also keineswegs. Manchmal wird man von der Intensität dieser Geschichte erschlagen. Solche Geschichten, egal ob fiktiv oder real, haben die unangenehme Eigenschaft, auch Unbeteiligte in ihren Strudel hineinzuziehen. Fröhlicher wird man durch sie jedenfalls nicht.
Im Grunde begegnen wir nur drei Personen, aber denen umso intensiver. Denn die Perspektive wechselt reihum. Im Mittelpunkt steht Njal, ein Mann über 40, akademischer Klimaforscher mit dem Hobby der altertümlichen Ritterspiele. Sein Lebensziel, um scheinbar jeden Preis, ist es Vater zu sein und das Vatersein leben zu dürfen. An diesem Ziel ist seine Ehe mit der Pastorin Sol gescheitert. Und deshalb kam seine Kollegin Nina ins Spiel, erst eine Affäre, dann die Mutter seiner Tochter Lotta. Doch Nina leidet unter einer postnatalen Depression und hat Zwangsvorstellungen. Eine hochexplosive Mischung an Charakteren. Die Geschichte dreht sich um diese drei Personen, ihr Miteinander, das Kind und ein Forschungsauftrag, um den sich Nina und Njal streiten. Es soll in den hohen Norden zur Inselgruppe Svalbard gehen um dort das Abschmelzen der Polarkappen zu erforschen.Ein zermürbendes Kammerspiel wird uns hier aufgeführt mit brutaler Ehrlichkeit. Alle kommen zu Wort aus ihrem tiefsten Inneren. Alle leiden, alle haben ihre Sorgen und die merkwürdigsten Gedanken. So mancher Gedanke, denn ich hier las, befremdete mich und bescherte mir Unbehagen. Ein Roman, in dem sexuelle Kontakte eine große Rolle spielen, ob gewollt oder nicht, ob kontrolliert oder nicht, ob richtig oder falsch. Ein Spiel mit der Psyche, bei allen dreien mit der eigenen und auch gegenseitige Manipulation ist hier vorhanden.Ach, und die wütende Bärin, die hat nur einen kleinen Auftritt, dafür umso durchschlagender. Die meiste Zeit des Romans spielt im Frühjahr & Sommer in Bergen und erst dann verlagert das Geschehen sich auf den letzten Seiten in eine Hüte, gefühlt am Ende der Welt in die erbarmungslose Kälte.Die norwegische Autorin Ingeborg Berg Holm hat sprachlich einen sehr durchdringenden Roman vorgelegt. Die Prosa ist gut geschrieben und als Leserin konnte ich mich (leider) gut einfühlen. Auch bestens von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann übersetzt. Es hat sich ein bisschen so angefühlt beim Lesen als ob man an einer Brombeerhecke steht und die Brombeeren unbedingt essen möchte, sich aber beim Pflügen die Hand zerkratz. Und doch tut man es immer wieder. Keine Lektüre die schnell verklingt, keine Lektüre bei der man sich in Sicherheit wägt und sich wohlfühlen kann. Unbehagen macht sich breit und umklammert einen wie eine kalte nasse Decke, die sich nicht abschütteln lässt, denn es kommen viele extreme Themen zur Sprache wie Vergewaltigung, ungewollte Schwangerschaften, Unfruchtbarkeit, Abtreibungen, Mee too, Samenspende, Behinderungen bei Ungeborenen, psychologischer Druck. Das muss man aushalten können, der Roman ist intensiv und war für mich teilweise erschlagend.
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Letzte Aktualisierung: 29.09.2026 18:10 Uhr.