Ich hatte natürlich mitbekommen, dass Armin Nassehi nach seiner ersten „Die letzte Stunde der Wahrheit“ (2015) eine zweite (2017) herausgebracht hatte. Eine 2. Auflage… oder so. Ich dachte, ich hätte das Buch ja schon gelesen. Aber weit gefehlt: In der ersten letzten Stunde ging es um rechts und links und um die Komplexität in unserer Gesellschaft und in der zweiten letzten Stunde ging es um die ‚komplexitätsvergessene Vernunft‘… und auch noch ein bisschen um rechts und links. Und wenn man dann noch „Muster“ des Autors (2019) gelesen hat, dann vernimmt in beiden Büchern bereits das Nassehi’sche Wetterleuchten der ‚digitalen Gesellschaft‘.Im Vorwort der zweiten letzten Stunde erklärt der Autor, warum es zu diesem Folgeband gekommen ist. Komplexität ist im Laufe der weiteren Jahre wichtiger als rechts und links geworden. Nassehi hat sich auf die Komplexität fokussiert, anderes weggestrafft. Und er erläutert, dass sich die Menschen eine andere Einstellung zur und einen anderen Umgang mit der Komplexität aneignen sollten. Er sieht Parallelen zu einer fernöstlichen Kampfkunst. Das hatte mich interessiert… und ich konnte mir kaum verzeihen, warum ich dieses zweite Buch erst jetzt zur Hand genommen habe. Aber das Bild von der Kampftechnik taucht leider nur noch einmal ganz kurz erst wieder auf Seite 196f. auf. Schade. Nassehi entschädigt aber mit dem einen oder anderen prickelnden Gedanken rund um das Phänomen der Komplexität, der über die erste letzte Stunde hinausgeht. Aber der Strom der Gedanken zur Komplexität ist nach meinem Empfinden immer noch nicht gänzlich abgeschlossen. Da geht noch was… Vielleicht dürfen wir uns auf eine dritte ‚letzte Stunde der Wahrheit‘ – auf eine Trilogie – freuen. Ich würde dann schneller zugreifen.
Ich habe dieses Nassehi Buch vor einigen Jahren in der ersten Fassung gelesen, und war sehr begeistert, von dieser gut lesbaren Einführung zur Luhmann’schen Systemtheorie und damit zusammenhängen Schlussfolgerungen. Hier kann man, wie wahrscheinlich in keinem anderen Buch, anschaulich erfahren, dass Gesellschaft nicht einfach so regier-, steuer und veränderbar ist, weil Teilsysteme sich dem unmittelbaren Zugriff entziehen und ebenso auf Veränderungen unvorhergesehen reagieren; meines Erachtens eine der wichtigsten Erkenntnisse des späten 20. Jhd! Luhmanns Erkenntnisse sind unerlässlich, wenn man verstehen möchte, warum vieles „falsch“ läuft in der Welt (insbesondere wenn man sich als progressive versteht); Kritische Theorie alleine reicht einfach nicht!Nach einigen Jahren, und deutlich mehr Kenntnissen zum Thema, habe ich diese neue Ausgabe gelesen und bin deutlich weniger begeistert als beim ersten Mal; aber trotz aller Schwächen ist es sehr empfehlenswert!Der stärkste Abschnitt ist vermutlich die Erläuterung der kopernikanischen Wende als Schlüsselmoment der Geschichte, nachdem es nicht mehr möglich war, die Welt nur aus der religiösen Perspektive zu betrachten; jetzt ist auch eine wissenschaftliche Wahrheit nicht mehr leugbar.Zu den Schwächen:Nachwievor gefällt mir die didaktisch gut gelungene Darstellung des Themas sowie einigen Schlussfolgerungen mit aktuellen Beispielen.Sehr negativ fällt dagegen auf, dass der Name Luhmann, dem Nassehi fast alle Inhalte des Buches verdankt, nur an wenigen Stellen genannt wird (und dann auch nur nebenbei als "der Soziologe Niklas Luhmann"), sodass der Eindruck entsteht, sämtliche Ausführungen sind dem brillanten Kopf Nassehis entsprungen; das ist außerordentlich peinlich und selbstverliebt.Zum anderen hat Nassehi ein sehr simples Verständnis von politischen Positionen; man kann fast sagen, dass er “rechts”, “links” und “konservativ” für austauschbar hält (dieses Thema hat er in der ersten Auflage vertieft). Dass progressive Positionen u.a., die Ungleichheit der Menschen in der Gesellschaft, als problematisch ansehen und Konservative eben nicht, wird dabei gerne übersehen … eine detaillierte Auseinandersetzung, was die politischen Positionen jeweils ausmacht, wäre hilfreich gewesen, statt, wie folgt, einfach willkürlich etwas herauszugreifen. Er stellt, in einer entscheidenden Passage des Buches, zwei vermeintlich jeweils linke und konservative Positionen gegenüber, die der FAZ entnommen sind.Ich möchte Nassehi nicht “ankreiden”, keine eigene politische Positionen einzunehmen zu wollen (das wäre in diesem Zusammenhang auch nicht unbedingt angemessen), aber leider macht auch er den typischen konservativen Fehler, unbequemen Positionen “Moralüberschuss” zu attestieren, an anderer Stelle aber natürlich sehr wohl „moralisch“ zu argumentieren.Man kann und muss Nassehi zustimmen, wenn er bereits am Anfang darauf eingeht, dass es keinen Sinn ergibt „sich die ideale Gesellschaft auf einem weißen Papier auszudenken“ (ein Gedanke, den schon Adorno abgelehnt hat, aber diese Verbindung wird nicht hergestellt); ebenso attestiert er am Beispiel korrekt, dass eine genaue Vorstellung, wie bspw die ideale Postwachstumsgesellschaft auszusehen hat, natürlich sehr autoritäre Züge hat und deshalb problematisch ist. Aber weitergehende Gedanken dazu macht sich Nassehi nicht.Im Kapitel über Wirtschaft wird klar, dass er schlicht und einfach keine Ahnung von Wirtschaft hat, sich aber dazu verleiten lässt, die Wirtschaft als “Methapher” für die Dynamik und Wachstum der Gesellschaft zu sehen; sodass deshalb derselben eine hohe Bedeutung beigemessen wird.Dass man der Wirtschaft schlicht nicht entkommen kann, die anderen Teilsysteme (Recht, Wissenschaft, Kunst) im Alltag aber oft wenig Bedeutung haben, wird von Nassehi einfach übersehen.Im gleichen Kapitel lässt sich Nassehi dann doch darauf ein, “Kritik” an Managern und fehlenden Verantwortungsgefühl zu äußern; das ist nur schwer zu ertragen und gerät stark in eine unschöne, fast schon strukturell antisemitische, Richtung, wenn Einzelpersonen für strukturelle Probleme verantwortlich gemacht werden. Nassehi scheint nichtmal zu begreifen, dass Manager, innerhalb ihrer Systeme, gar nicht anders können; das müsste er als Systemtheoretiker eigentlich besser wissen...Nassehi hätte noch etwas mehr Luhmann lesen sollen, um zu begreifen, dass Luhmann sich sehr wohl “gesellschaftskritisch“ geäußert hat und beispielsweise hervorgehoben hat, dass der Ausschluss von Individuen von einem Teilsystem, meist auch den Ausschluss aus den anderen Teilsystemen bedeutet (und wenn Nassehi das verstanden hätte, würde er verstehen, warum die Wirtschaft eine so große Rolle spielt…) ; zu den kritischen Anmerkungen Luhmanns verliert Nassehi aber kein Wort…Zusammenfassend: Nassehi schafft es sehr wohl, die Komplexität von Gesellschaft zu beschreiben; aber er vermag es nicht, daraus auch weiterführende Gedanken oder Konsequenzen abzuleiten; der Leser wird frustriert mit dem Gedanken zurück gelassen: Versuche erst gar nicht, die Welt zu verändern; und man hat fast den Eindruck, dass auch Nassehi keinerlei Erkenntnis oder Überzeugung anzubieten hat, was aus all dem zu Schlussfolgern ist… Luhmann hatte dazu viel zu sagen; Nassehi hat, in all seiner Selbstzufriedenheit, wie brilliant nur er die Komplexität der Gesellschaft beschreiben kann, einfach nicht das Format weiterzudenken; seine eigenen Gedanken, die über Grundlagen von Luhmann hinausgehen, sind banal, dabei teilweise falsch und teilweise dumm und problematisch.Aber vielleicht liegt in der Ratlosigkeit genau die Provokation, die man so als links/progressiv/ökologisch denkender Mensch erstmal schlucken muss; deshalb kann ich dieses Buch, trotz zahlreicher intellektueller Schwächen, jedem empfehlen.