Rezension: Dark Shadows– Die Schatten der VergangenheitZeitgeschichte mit persönlicher Note: Unter der Rubrik Deutsche Schicksale wäre diese auf den ersten Blick autobiografische Erzählung des Lebens von Dr. Lutz Reuss ganz gut aufgehoben. Doch weit gefehlt: in dem Buch "Dark Shadows, Die Schatten der Vergangenheit" beschreibt der Sohn Carl Ludwig Reuss aus der Sicht seines Vaters dessen Leben. Ein bewegtes Leben vor, in und nach dem Zweiten Weltkrieg mit all den Verstrickungen in einer mörderischen Zeit, die in dem Buch immer wieder die Frage aufwirft: Wie viel moralische Schuld trägt ein junger Mann, der in diesen Jahren ein überzeugter Nazi war und den Befehlen seiner Ver(Führer) folgte?Das Buch mit dem etwas befremdlichen englischen Titel beschreibt das Leben des Tierarztes Dr. Lutz Reuss und ehemaligen Mitgliedes der Allgemeinen SS auf der Grundlage persönlicher Aufzeichnungen, die der Vater seinem Sohn kurz vor seinem Tod überantwortet hat. Der beginnt erst Jahre später, sie zu sichten. Genau in diesem Prozess aber, so scheint es, beginnt die Annäherung des Sohnes an seinen als dominant und selten nahbar beschriebenen Vater.Das könnte das Motiv sein, warum der Autor in die Rolle seiner Hauptfigur schlüpft, die dann aus ihrer Ich-Position heraus ihr Leben beschreibt. Eine nicht unproblematische Erzähltechnik, weil sie die notwendige Distanz des Autors zu seiner Hauptperson vermissen lässt. Sie ist aber andererseits durchaus legitim, weil dieses Buch im Wesentlichen auf den autobiografischen Notizen des Vaters beruht, also die Ich-Erzählung rechtfertigt.Zentrales Ereignis ist ein Vorfall am Ende des Krieges im südwestdeutschen Riedhausen. Lutz Reuss kommandiert eine kleine Veterinär-Staffel, die einen jungen Mann festgenommen hat, der verdächtige Landschaft Skizzen bei sich trägt. Schnell ist man sich in dem Verdacht einig, einen Spion festgenommen zu haben. Das nächste zuständige Feldgericht sieht sich in diesen Tagen als nicht mehr zuständig, die Militärjustiz ist bereits auf der Flucht vor den anrückenden Alliierten. Reuss wird bedeutet, er müsse in der Sache selbst entscheiden. Und er entscheidet: Tod durch Erschießen.Dieser Fall holt ihn im Januar 1962 ein. Der Vater des 1945 erschossenen "Spions" hat Anzeige gegen Reuss erstattet. So wird er unter dem Verdacht eines Kriegsverbrechens festgenommen und in die Untersuchungshaft nach Ravensburg gebracht.Der Vater, der den Exekutionsbefehl in den Nachkriegsjahren verdrängt, ja fast vergessen hatte, ist nun gezwungen, sich der moralischen Schuldfrage zu stellen. Er sieht seine Schuld, fragt aber auch, wie denn so viele seiner Generation, die ähnliche oder gar mehr Schuld auf sich geladen hatten, in den Nachkriegsjahren zum Teil großartige Karrieren machten und nie zur Rechenschaft gezogen wurden.Er erinnert sich an die Kriegsgefangenschaft in einem amerikanischen Lager bei Garmisch. Dort lernt er prominente Mitgefangene wie den Schriftsteller Hans Hellmut Kirst oder den Hirnforscher Professor Hugo Spatz kennen, der trotz seiner Beteiligung an der Euthanasie-Forschung der Nazis nach 1945 seine Forscherkarriere fortsetzen konnte. Immerhin wurde ihm posthum im Juli 2017 die Ehrendoktorwürde der Universität Gießen entzogen.In weiteren Kapiteln zeigt Carl Ludwig Reuss eine Wandlung seines Vaters. Im Briefwechsel mit seiner Frau Anna Lena nähert er sich dem im KZ ermordeten Dietrich Bonhoeffer an. Eine Wandlung zur Demut und zum Glauben, die wohl auch für das Selbstbild von Lutz Reuss wichtig ist.Ein halbes Jahr vergeht in Untersuchungshaft, dann wird der Fall Reuss von der Justiz eingestellt. Es kommt zu keiner Hauptverhandlung, weder zu einem Urteil noch zu einem Freispruch.Das Buch ist vordergründig eine Biografie, doch bleibt es nicht bei der Beschreibung der Höhen und Tiefen eines gelebten Schicksals, es stellt Fragen. Die nach der kollektiven Schuld einer ganzen Generation ebenso wie die Frage nach einer gerechten Beurteilung der Kriegsgeneration, die den Heilrufen Nazi Deutschlands zu Millionen gefolgt waren. Waren sie überzeugte Nazis, waren sie geblendet von den Verheißungen des Regimes, waren sie Mitläufer, Opportunisten, oder einfach zu jung, zu unerfahren, zu distanzlos in der Einschätzung der Verführer?Der Erzählstil des Buches ist nicht verschnörkelt und verständlich. Es ist ein notwendiges Buch, weil es das Leben eines Mannes zu erfassen versucht, der in den Zwängen seiner Zeit eine Entscheidung treffen musste, die am Ende sein Leben in moralischer Schuld geprägt hat. Reuss Junior urteilt dabei nicht, er beschreibt das Geschehene und lässt damit allein den Gedanken des Vaters Raum.Das Leben von Dr. Lutz Reuss ist exemplarisch für eine ganze Generation. "Dark Shadows" ist ein Stück Zeitgeschichte.Andreas Rietschel, Journalist