Hoch oben hinter dem Gemäuer der italienischen Abbazia Sacra di San Michele sitzt Pater Remo im Lehnstuhl: ein Benediktinermönch deutscher Herkunft, glaubwürdig zölibatär,unduldsam weise und gut vorbereitet. Auf dem Weg zu ihm ist ein Journalist mit Aufnahmegerät und der Auflage des Mönchs, ihn nicht bei seinen Ausführungen zu stören. Werde diese Anweisung nicht befolgt, sei es zu Ende mit seinen Vorträgen.Dem Journalisten geht es um ein ganz anderes Kloster viel weiter südlich: um das von Montecassino. Er will einen Artikel über die grauenvolle Weltkriegsschlacht verfassen und diesen - wie heute üblich- einem Magazin anbieten. Pater Remo ist ein AUGENZEUGE, vielleicht der letzte. Aber das weiß man nie so genau. Auf jeden Fall wird man dem Mönch nicht ins Wort fallen.Was jetzt folgt, sind Lehrstunden über Wahrheit, Wirklichkeit, Realität, Dokumentation, Tatsachen und Erinnerung. Der Journalist trifft auf einen sehr alten Menschen vor Bücherwänden, umgeben von Papierstapeln und Aufzeichnungsbergen. Pater Remo schreibt nicht mit der Gänsekielfeder, sondern mit silbernem Laptop, auf dem Tisch steht dauerhaft eine Karaffe mit Rotwein, dem heiligen Getränk. Sein Gedächtnis ist fabelhaft, seine Skepsis gegenüber jeglicher Aussage mit Wahrheitsanspruch immens. Aber je heftiger die private Erinnerung und die allgemeine Erinnerung der Geschichtsschreibung vom Pater in Zweifel gezogen werden, desto glaubwürdiger wird er.Das ist wichtig, denn der Mönch erzählt die Monuments Men mit umgekehrten Vorzeichen. Die Vernichtung des von den Deutschen nicht besetzten Klosters vor Augen,machten sich 1944 zwei Wehrmachtsangehörige daran, die dort gelagerten Kunstschätze zu retten und sie dem italienischen Staat und dem Vatikan zurückzugeben.Von Dr. Becker- vom Pater "mein Freund" genannt - ging die Initiative aus. Der österreichische Offizier Julius Schlegel war für die Logistik verantwortlich und heimste später den Ruhm dafür ein. Seinen Freund Becker aus dem Schatten zu rücken, ihn als Initiator der Aktion zu belobigen und ihm allein edle Motive zu unterstellen, das ist eine der wichtigsten Absichten der Vorträge von Pater Remo. Beide - Dr. Becker und Schlegel . sind historisch verbürgte, von seriösen Zeitzeugen beglaubigte Kunstretter, was immer auch ihre Motive gewesen sein mögen.Es ist ein Verdienst des Autors Gerhard Köpf, dass in dieser Novelle präzise Recherche alles andere verdrängt, wenn es nötig ist, wenn die Aussagen heikel sind und es unklar bleibt, wer die "good guys" und die "bad guys" waren und sind. In der Schlacht um Montecassino fielen 100 000 alliierte Soldaten und 80 000 deutsche. Es ging um Verteidigungslinien, die Eroberung Italiens, um unvorstellbares menschliches Leid. Das Kloster wurde im Verlauf der Schlacht von den Alliierten in Grund und Boden gebombt, zahlreiche Zivilisten, die dort Schutz gesucht hatten, kamen ebenfalls ums Leben. Die Kunstwerke blieben erhalten. Von Pater Remo wird das sine ira et studio vorgetragen.Nach diesen Geschehnissen ging sein Leben weiter, eher episch als dramatisch. Der Leser erfährt von der Wiedergutmachungsdiplomatie der frühen Bundesrepublik, den faschistischen Verstrickungen italienischer Kläger und deutscher Beklagter, vom dubiosen Kunstmarkt und Restitutionsbetrug. Hier sind die Figuren erfunden, es geht um das Atmosphärische, in den fiktiven Personen bündeln sich Gemeinheit und Allgemeinheit. Die Kunst weist halt über Wikipedia hinaus."Die Tatsache ist ein leerer Sack. Man muss ihn mit Menschen füllen, damit er einen festen Stand hat."Der Journalist stellt seinen Aufnahmen am ersten Tag ein einleuchtendes, wenn auch metaphorisch nicht überaus schönes Zitat von Leonardo Sciascia (Der Zusammenhang) voran. Die literarische Figur Pater Remo ist der last man standing von Montecassino, kein Mann Gottes, eher ein Mann der Kunst, ein homme de lettres und ein Kunsträuber. Dass er sich einst eine Skizze von Brueghels Blindensturz als trostlosen Trost unrechtmäßig angeeignet hat, mag ihm der Leser verzeihen. Er wird durch diesen Mönch entschädigt: Erkenntnis durch Bildung von Zusammenhängen kann eine sinnvolle Aufgabe sein.
Zu den spannendsten Geschichten in den Gazetten gehören die um geraubte Kunst. Wer hat wann wem was geklaut? Die Gerichte, private Schnüffler und Museen streiten sich um die Rückgabe dieser erbeuteten Kunst. Mit Sicherheit nicht die dunkelste Geschichte eines Krieges, wohl aber leider immer noch nicht komplett aufgearbeitet. So richtig spannende wird es aber, wenn man zwar weiß, wann was, und eventuell auch von wem entwendet wurde. Es aber nicht wieder auftaucht. Der rechtmäßige Eigentümer kann dann zwar gegen die möglichen Verursacher wettern, doch helfen wird es ihm nichts.Pater Remo erzählt einem Journalisten von den Vorgängen der Jahre 1943/44 im Kloster Montecassino, südlich von Rom. Hier wurde das Kloster gegründet als die Jahreszahlen noch dreistellig waren. In der Benediktinerabtei ging es ruhig zu. Bis die Schwarzhemden und später die Wehrmacht sich hier breit machten. Unschätzbare Kostbarkeiten nannten die Mönche ihr Eigen. Über ihnen schwebte nicht nur das Damokles Schwert, sondern bald auch die alliierten Bomber. Die Kunstwerke, deren Wert bis heute nicht exakt beziffert werden kann, mussten irgendwie in Sicherheit gebracht werden. Die Wehrmacht, die gerade eine knallharte Verteidigungslinie errichtete, war ein williger Helfer. Denn Hermann Göring war als Kunstsammler (ohne Verstand und echtes Wissen, also eher ein raffgieriger Einsammler) konnte sich diesen Schatz nicht entgehen lassen. Und ein Tizian, Handschriften von unter anderem Tacitus, dem Verfasser von „Germania“ haben sicher seine Aufmerksamkeit erregt.Der fromme Mann stellt allerdings eine Bedingung. Wenn er seine Geschichte erzählt, herrscht Ruhe im Raum. Keine Unterbrechungen, keine Nachfragen. Wenn das der Deal sein soll, dann soll es daran nicht scheitern. Immer noch besser als gar keine Geschichte.Es entspinnt sich eine wilde Reise durch eine noch wildere Zeit. Denn der betagte Pater mischt seiner Erinnerung etwas bei. Phantasie, Blumigkeit, Spannung. So wie es jeder macht, der sich erinnert. Manchmal trügt diese immens, manchmal ergibt sich aus dem Nachempfinden eine neue Sichtweise.Als Autor eines Romans erlaubt sich Gerhard Köpf den Kunstgriff historische Fakten mit der Macht der freien Gedanken zu vermischen. Ohne dabei den Pfad der Wahrhaftigkeit zu verlassen. Viele der Personen im Buch sind historisch verbürgt, manchen verlieh er mehr Ausdruckskraft und nur wenige sind ausschließlich seine Phantasie entsprungen. Pater Remo erzählt sich in einen wahren Rausch. Roosevelt, der das Kloster als Waffenarsenal angesehen hat. Deutsche Offiziere, die linientreu und akribisch alles, was abzutransportieren war, erfassten. Das Leid und die Not der Klosterbewohner sowie der willigen Helfer aus dem Ort, die später teils dem Bombardement zum Opfer fielen. Geschichte erzählen kann nur, wer sie erlebt hat. Gerhard Köpf beweist, dass auch ausgedehnte Recherchen, Sprachgewalt und Ideenreichtum in Nichts hinten anstehen müssen.Einziger Wermutstropfen: Die Frage, ob es sich um Rettung oder Raub handelt, kann auch dieses Mal nicht vollständig geklärt werden. und besteht die Legende von Montecassino weiter.