Gerade als ich ansetzte eine Rezension zu schreiben, ging mir die Seite durch die Lappen. Ich hoffe, dass mittlerweile schon so viele gute Rezensionen geschrieben wurden, dass ich mich auf das Wesentliche beschränken kann. Welch eine wundervolle Lektüre mit einer kleinen aber feinen Besetzung, wenn auch der arme Sohn des zum Großvater gewordenen Helden des Romans eine auf den ersten Blick erbärmliche Figur ist, die Ehefrau in der Kirche verschwindet und die Kinder sich langweilen. Leid tun kann einem jemand, der nicht ähnliche familiäre Wochenenden kennt, denn es steht zu befürchten, dass er die Feinheiten im Beziehungsgeflecht besonders dem zwischen dem pflichtbesuchten Großvater und seinem Sohn gar nicht so bildhaft vor Augen steht, wie es der Autor in dem schmalen Band nur andeuten kann. Doch diese Andeutungen sind nicht so leer, dass der Leser nichts davon hätte. Das ist auch wesentlicher Teil seiner Schreibkunst: Mit wenigen Worten viel sagen. Leider steht mir das nicht zu Gebote.Bei diesem Buch darf auch die Aufmachung in die Rezension eingehen, denn der Leseanreiz wird für den, der zufällig dieses Buch in die Hand bekommen hat, deutlich gesteigert werden. Kurzum ein durch Inhalt und Erscheinungsbild höchst erfreuliches Buch, auch wenn der Inhalt einem durch den Titel - der Idylle verheißt - zunächst "enttäuschend" traurig erscheinen mag.
Der in Deutschland eher unbekannte französische Autor Pierre Bost war in der Zwischenkriegszeit ein in Frankreich bekannter Romancier. Dieses Buch aus dem Jahre 1945, das sich als Roman ausgibt und den wesentlich bezeichnenderen Originaltitel "Monsieur Ladmiral va bientôt mourir" trägt, wurde von Bertrand Tavernier im Jahre 1984 verfilmt.Die gesamte Handlung des Romans spielt an einem einzigen Sonntag. Ein Familientreffen auf dem Lande. Die Hauptfigur Urbain Ladmiral, ein alternder Maler, einst hochdekoriert und in jungen Jahren äußerst erfolgreich, lebt mit nun sechsundsiebzig in einem Haus auf dem Lande. Alles ist ihm zur vertrauten Gewohnheit geworden.Jeden Sonntag bekommt er Besuch von seinem Sohn Gonzague, der von seiner Frau jedoch nur Edouard gerufen wird, und dessen Familie. Man isst und trinkt, die drei Kinder langweilen sich, man macht Siesta. Bis vor einem halben Jahr hat der Vater noch Gonzague und seine Familie besucht, das ist ihm inzwischen zu viel geworden.So wie Marcel Proust einst zur Rezeption von Musik schrieb, dass man dasselbe Musikstück nicht mehrmals identisch hören könne, weil die Erfahrung früheren Hörens dies verhindere, so wird auch die Gleichförmigkeit der Sonntagsbesuche der Familie des Sohns nur durch banale Kleinigkeiten unterbrochen, verletzte Kinderhände zum Beispiel.Überhaupt hat dieser kleine Roman viele Parallelen zum Werk Prousts über die "Suche nach der verlorenen Zeit": Auch Bost geht es um die vergehende und die vergangene Zeit - und die damit verbundene Vergänglichkeit, die Ladmiral nicht wahrhaben will. Stur beharrt er zum Beispiel darauf, dass sein Heim fußläufig "acht Minuten vom Bahnhof entfernt" liege, was zwar einst gestimmt haben mag, doch dass er inzwischen eher zwanzig von Haustür zum Bahnhof braucht, und er die Züge verpasst, ist für ihn nicht hinnehmbar, so dass er schlicht und empört behauptet, die Uhren gingen falsch. Die Familie widerspricht ihm aus Rücksicht nicht.Ähnlich wie die Werke Prousts fordert auch dieses kleine Buch die Geduld des Lesers heraus - es passiert scheinbar so gar nichts, während die Zeit jedoch langsam aber unaufhaltsam vergeht. Unterbrochen wird die scheinbar stehen gebliebene Zeit der Siesta, als Ladmirals Tochter Irène unangemeldet hereinwirbelt, einige Unruhe stiftet und alsbald wieder verschwunden ist.Am Abend, als er endlich wieder allein ist, schaut Ladmiral zum Himmel: "Wie schön die aufkommende Nacht doch war. Die Farben waren bezaubernd, perlweiß und leicht granatrot, mit einem Band in Mandelgrün, das so gerade gespannt war, als wäre es mit der Reißfeder gezogen. Man würde es nicht wagen, das zu malen."Ein Buch nur für literarisch interessierte Leser.