Was bitte haben die Olympischen Spiele mit Erich Kästner zu tun – und was er mit ihnen? Gerade fanden in London die diese Spiele statt. Und wirlesen Erich Kästner. Und das aus gutem Grund. Hier sein nachgetragener „Kommentar“ im Gedicht „Olympia (13. August 1928), das in dem jetzt als Erstausgabe vorliegenden Band „Montagsgedichte“ veröffentlicht wurde:"In Amsterdam, der schönen Stadt, / Werden seit mehreren Wochen / Mit der Faust und dem Fuß und dem Schulterblatt / Dauernd Rekorde gebrochen. / …Man rennt fortwährend im Kreis herum / ... Man spurtet, sprintet, crawlt und clincht / Und erstrampelt sich Plätze und Siege. / Doch es kommt nicht immer so, wie man wünscht. / Flieg, kleiner König, fliege! / Es gilt die Ehre der Nation! / Sause, Krause, sause! / Doch die Deutschen, samt dem Teutonen Kohn, / Die konnten es nur zu Hause. / Die meisten fühlen sich nicht gesund / Und leiden an mancherlei Krämpfen./ Mit mancherlei Krämpfen im Hintergrund / Kann man natürlich nicht kämpfen. / ... Wer hat’s geschafft? Und wer hat’s versaut? / Die Zeitungen schlagen einander schmock out. / Es lebe die Zehntelsekunde!"Und damit genug von Olympia und mehr über Erich Kästner. Diese "Monatagsgedichte" - es gab in der DDR im Jahre 1989 einmal kurzzeitig eine Taschenbuchausgabe – waren seither vergessen. Erschienen sind sie zwischen 1928 und 1930 in der Berliner Zeitung "Montag Morgen". Die Gedichte, pro Woche eins, hatten immer einen aktuellen Bezug. Und waren immer kritisch - ob er einen "Tag des Buches", das soldatische Grüßen oder die Ruhrbarone mit seiner Feder aufspießte.Und welch feiner Bezug zum heutigen Berlin - zum Beispiel im Gedicht "Berlin wackelt": "In Berlin wird nicht gefackelt, / Tradition ist überlebt, / Alles wankt und alles wackelt, / So, als ob die Erde bebt..."Und nun also kann man diese Gedichte wieder lesen. Es ist eine der verdienstvollen Taten des Atrium Verlags, der sich ohnehin dieses Dichters in besonderer Weise annimmt, diese Gedichte wieder zugänglich zu machen - und sie in einer sehr schönen Ausgabe zu veröffentlichen. Marcel Reich-Ranicki hat seinem informativen Vorwort über Erich Kästner geschrieben: "Er, der Sänger der kleinen Leute und der Dichter der kleinen Freiheit, gehört mittlerweile zu den Klassikern der deutshcen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts." Dem ist nichts hinzuzufügen.Wie immer nimmt Erich Kästner (1899-1974) auf die ihm eigene Art die kleinen und großen menschlichen Schwächen aufs lyrische Korn. Das Zeitgeschehen, durch seine Brille gesehen, wird bissig kommentiert; die Berliner 20-iger Jahre, die Weimarer Republik - sie bieten dem Dichter Stoff genug. Außerdem: Sommermode und Wetter, sportliche Ereignisse und vieles mehr - der große Humanist hat mit Witz und Herz diese Themen in Verse gebracht.