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Zwei Enthüllungen über die Scham | Robert Pfaller | Buch | 208 S. | Deutsch | 2022 | FISCHER, S.
Bewertungen & Erfahrungen
3,0 von 5,0
5 Bewertungen
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Verteilung basiert auf 5 vorliegenden Einzelbewertungen.
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Redaktion01.07.2026
testmonster.de · Redaktion
Dieses Buch bietet eine sehr scharfsinnige und provokante philosophische Analyse des Themas Shaming und ist für alle, die tiefer in diese gesellschaftliche Debatte eintauchen möchten, sehr aufschlussreich. Es ist eine spannende Lektüre, die man definitiv empfehlen kann.
Ein wirklich interessantes Buch Robert Pfaller welches im Stil eines wissenschaftlichen philosophischen Aufsatzes geschrieben ist. Viele Verweise und Quellen dadurch. An manchen Stellen doch etwas schwierig zu lesen. Aber insgesamt legt er offen wieso Scham in der heutigen Gesellschaft ein riesen Problem (e.g. beim Konsum von bestimmten Gütern) ist und wir dadurch eigentlich viele Chancen Dinge wirklich zu diskutieren leider vergeben. Der Preis ist allerdings doch etwas hoch für solch ein dünnes Buch. Dennoch zu empfehlen.
Das Buch hält letztlich nicht, was sein Titel verspricht. Während es das Phänomen der Schamkultur als eine die Gegenwartspolitik kennzeichnende Kollektivneurose treffend beschreibt, bleibt die Bestimmung der Ursachen recht banal. Zudem finden sich die stärksten Passagen eben weniger in den Darstellungen Autors selbst als in den von ihm versammelten Zitaten. Daran und an herbeigezogenen Autoritätsbeweisen bietet der Autor viel zu viel auf, so dass die Querverweise die eigene Aussage überwuchern.Die Beschreibung unserer kulturellen Verstelltheiten stimmt:„Dem vermeintlichen Rassismus und Sexismus wird nicht etwa mit Forderungen nach Gleichberechtigung oder Beseitigung sämtlicher Vorurteile zu begegnen versucht, sondern mit einem umgekehrten Rassismus und Sexismus: Wer die falsche Hautfarbe oder Sexualität oder das falsche Alter hat, soll sich schämen – und das heißt, nach der Vorstellung dieser Akteure am besten schweigen oder aus der Öffentlichkeit verschwinden.“ Dies führt zu bizarren Handlungsanweisungen: Nur Indigene sollen Federschmuck, nur Japaner Kimono tragen, nur Schwarze über Sklaverei sprechen dürfen.Die Diskurskultur wurde durch solche Vorgaben erstickt. Alle sollen sich schämen: profitorientierte Unternehmer, weiße Männer, Übergewichtige, Rechte sowieso, gerade weil alles Verworfene mittlerweile nicht nur als verworfen, sondern damit gleichfalls als irgendwie rechts zu gelten hat. Die Verunglimpften sollen nicht zu Wort kommen, sie haben beschämt zu schweigen.Robert Pfaller sieht die Scham jedoch als nicht schuldgeleitet an. Der „Irrtum der Anthropologen“ bestünde darin, dass eine Außenleitung der Scham und des Schämens erfolgen würde: „Das erst gravierende Missverständnis der Scham besteht (…) in der Auffassung, die Scham würde sich an andere Menschen als Urteilsinstanz richten, die Schuld hingegen an das eigene Gewissen, das Über-Ich oder an eine ‚höhere Instanz‘. (…) In psychoanalytischen Begriffen bedeutet das: Die Scham wäre eine unreife, infantile Form von Moralität, ausschließlich von der Furcht vor dem Verlust der der Liebe anderer geleitet.“Dies identifiziert Pfaller als eine Angst, von der es sich zu befreien gilt. Die Scham bestrafe sich allein selbst. Sie stelle sich zudem ein, wenn das Als-ob der gesellschaftlichen Konstruktionen zusammenbricht, wenn also der Kaiser nackt dasteht wie in Andersens Märchen. Oder besser: Wenn plötzlich allen offenbar wird, dass er ja nackt ist.Das zweite Missverständnis in der Deutung der Scham erkennt der Autor als einen „Irrtum der Psychoanalytiker“ in der Annahme, Scham würde vom Über-Ich verursacht, wenn es das Ich in einem Defizit erkenne. Dagegen wird in komplizierter Argumentation der „Blick von unten auf das Ich“ problematisiert. Offenbar soll der Mensch es lernen, sich mit seiner „ontischen Mitgift“ (Günther Anders), also mit seinen naturgegebenen oder von sozialen Prägungen ausgelösten Mängeln abzufinden bzw. auszusöhnen. Jedenfalls meint Pfaller so eine neue Theorie der Scham begründen zu können. Er sieht sie als Ergebnis „eines naiven Blicks von unten, ausgeübt durch die Beobachtungsinstanz des Unter-Ich.“Weshalb produziert unsere Gegenwartskultur in so enormem Maße Scham? Pfaller resümiert: „Denn in Schamkulturen unternehmen Menschen sehr viel, damit niemand sich zu schämen braucht. In unserer Kultur dagegen scheint umgekehrt sehr viel unternommen zu werden, damit das Gegenteil der Fall ist.“Er erkennt unsere Gesellschaft als „Abstiegsgesellschaft“ (Oliver Nachwey): „Wenn Menschen von der Zukunft nichts mehr erhoffen, verlernen sie es wohl auch, von sich selbst etwas zu erwarten. (…) An die Stelle verbindender Interessen treten trennende Identitäten. (…) In der entsolidarisierten Gesellschaft sind alle einander unausweichlich peinlich – und sie genießen mehr oder weniger heimlich ihre Fähigkeit, die anderen so zu empfinden.“Die Schamverstärkung beruhe weniger auf dem Defizit-Empfinden gegenüber Ich-Idealen als auf dem Unvermögen, sich überhaupt auf diese Ideale einzulassen. Das geschieht, wenn das Ich weder Stolz noch Ehre mehr kennt, „wenn es also seiner Erwachsenheit und seiner liebvollen Bewunderung durch das Unter-Ich nicht gewiss ist.“So finden sich einige starke Sätze. Nur drängt sich der Eindruck auf, dies alles wäre gut in einem bündigen Essay zu formulieren gewesen. Dass daraus ein ganzes Buch wurde, liegt daran, dass Pfaller seine Argumentationen und Urteile mit einem Übermaß an Zitaten und dem Nachweis enormer Belesenheit ausstaffiert.Fragwürdig ferner, wenn sich die in mangelnder Systematik schwer zu erlesenden Grundgedanken allein auf Freuds Psychoanalyse und deren moderne Varianten berufen. Das Phänomen der derzeitigen Schamkultur ist zu sehr von politischen Kräften und deren Zielstellungen bestimmt, als dass es sich allein psychoanalytisch fassen ließe.Zu 140 Seiten Buch liefert Robert Pfaller einen ausufernden 65-seitigen Apparat an Anmerkungen und bibliographischen Verweisen. Mag sein, die Unklarheit mancher Gedankenführung und die diffuse Gliederung sind einer Verzettelung des Autors in einem allzu breiten Spektrum geschuldet. Eine Reduzierung wäre zugunsten von Stringenz dringend notwendig gewesen. Mag aber sein, dass selbst das Lektorat den Gedanken nicht mehr vollständig folgen konnte oder wollte. Verständlich. Zudem wird Zitat an Zitat gestrickt, so als hätte Pfaller eine permanente Rückversicherung nötig. Wichtiger wären klare eigene Gedanken gewesen.
Zwei Enthüllungen über die SchamIch war von dem Buch stark enttäuscht. Nicht nur der überteuerte Preis, denn es handelt sich im Grunde um einen sehr langen Aufsatz, der nach zwei Dritteln des Buches endet (ein Drittel des Buches sind dann eine Unzahl Anmerkungen) und häufig redundant ist.Sondern auch inhaltlich: Pfaller entwirft ein auf Freuds Instanzenmodell aufbauendes Modell zur Scham. Dabei stellt er eine große Zahl nicht reflektierter Axiome auf und begeht dann den Fehler, den er anderen Autoren vorwirft; er lässt es zu, dass diese Axiome sein Denken einengen. Das von ihm eingeführte Unter-Ich ist für die Erklärung von Scham unnötig und die der Zweck der Scham, also seine Funktion für den Einzelnen und die Gesellschaft, aus der heraus sich die Scham bereits ausreichend erklären lässt, bleiben weitgehend unberücksichtigt. Leider merkt man Pfaller auch an, dass er wie viele Philosophen in seine Idee, die Exaltiertheit seiner Gedankengänge und seine sprachliche Raffinesse verliebt ist. Die Beispiele und Zitate werden dann zu den einzelnen Aussagen entsprechend zusammengesucht (ein durchgängiges Beispiel wäre überzeugender).
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Letzte Aktualisierung: 01.10.2026 10:13 Uhr.