Der Name Anton Tschechow ist natürlich ein Begriff – obwohl ich bisher weder etwas von ihm gelesen, noch eines seiner Theaterstücke gesehen habe. Dank dieses Buches habe ich den Arzt, der sich um 1900 für die Bildung der Allgemeinheit eingesetzt hat und dafür auf seine Kosten drei Schulen bauen ließ, besser kennengelernt. Obwohl er bereits 1904 mit 44 Jahren an Schwindsucht verstarb (übrigens in einem deutschen Kurort) hat der vielgereiste Russe zahlreiche Novellen und Schauspiele hinterlassen.Dieses Buch liest sich wie ein Familienalbum. Fotos und Gemälde führen uns in Tschechows Leben, Ausschnitte seiner Briefe an Familienmitglieder und Freude verdeutlichen seine Einstellung zum Leben. Als Leser erlebt man seine Klage über die Armut des Künstlers und staunt gleichzeitig, was er sich alles leisten konnte. Lange Zeit wurde er in seiner schriftstellerischen Arbeit von seinem malenden, aber viel zu früh verstorbenen Bruder Nikolaj unterstützt. Im Jahr vor dessen Tod verteidigte er in einem Brief seine zwei Berufe: „Die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur meine Geliebte. Wenn mir die eine auf die Nerven fällt, nächtige ich bei der anderen. Das ist meinetwegen unanständig, aber dafür nicht langweilig.“Seine Reisen führten Tschechow 1890 durch Sibirien bis zur Gefangeneninsel Sachalin, wo er als Arzt mehrere Monate gegen die Cholera kämpfte und später darüber schrieb: „Solange ich auf Sachalin lebte, empfand ich im Innern nur eine gewisse Bitterkeit, wie von ranziger Butter, jetzt dagegen, in der Erinnerung, erscheint mir Sachalin als die wahre Hölle.“ Im Frühjahr darauf schrieb er an seinen Freund Suvorin: „Ich habe absolut kein Geld. Wenn ich mir, ohne die Arbeit abgeschlossen zu haben, noch einmal tausend Rubel borge für die Reise und zum Leben danach, dann stecke ich so tief in den Schulden, daß mich selbst der Teufel an den Ohren nicht mehr herausziehen kann. Ich stecke noch nicht so tief drin, weil ich alle raffinierten Tricks aufbiete und bescheidener lebe als eine Hostienbäckerin, aber wenn ich mitfahre, geht alles zum Teufel und ich stecke bis über beide Ohren in Schulden.“ Nichtsdestotrotz reiste er mit seinem Freund sechs Wochen lang über Warschau und Wien nach Venedig und Rom bis nach Nizza und Paris. Die Stationen seiner Reise sind in diesem Buch mit vielen Postkarten aus der damaligen Zeit und seinen Briefen nach Hause ausgeschmückt.Lange Zeit weigerte er sich, eine Ehe einzugehen: „Ich will nicht heiraten, ich wüßte auch nicht wen … Es wäre mir langweilig, mich mit einer Ehefrau herumzuplagen.“ Erst die Schauspielerin Olga Knipper änderte seine Meinung, doch nicht sein Leben: jeder der beiden führte es nach der Hochzeit wie bisher gewohnt weiter – Tschechow blieb meist in Jalta, wohin er sich mit seiner Mutter und der Schwester zurückgezogen hatte und seine Frau spielte weiterhin in Moskau Theater. Damals mied er schon das winterliche Klima in Moskau und verbrachte seine Tage eher im warmen Nizza oder auf der Krim. Seinen Arztberuf, der ihn „mit allen Volksklassen in Berührung gebracht“ hatte, gab er aus gesundheitlichen Gründen auf und widmete sich in den letzten Jahren seines Lebens vor allem dem Schreiben. Dafür kaufte er sich ein Häuschen am Meer, denn in seiner Villa gaben sich Besucher wie Tolstoj und Gorkij die Tür in die Hand …Einen Ausschnitt aus einem der letzten Briefe an seine Schwester in der Heimat kann ich mir nicht verkneifen zu zitieren: „Ich lebe unter den Deutschen, habe mich bereits an mein Zimmer und die Lebensweise gewöhnt, kann mich aber an die deutsche Stille und Ruhe einfach nicht gewöhnen. Im Haus und außer Haus hört man keinen Ton, nur um 7 Uhr abends und mittags spielt im Park Musik, reich, aber sehr unbegabt. Man verspürt keinen Funken Talent, in nichts, keinen Funken Geschmack, aber dafür Ordnung und Ehrlichkeit im Überfluß. Unser russisches Leben hat weit mehr Talent, ganz zu schwiegen vom italienischen oder französischen.“Ein umfangreicher Anhang mit Zeittafel, weiteren Erklärungen zu den abgebildeten Fotos, Zeichnungen und Gemälden sowie Hinweisen auf seine Werke ergänzt das ausgesprochen informative Buch über Tschechows Leben.