Der vorliegende Band aus dem Drehbuchverlag ist bereits die vierte Ausgabe von „Moby Dick“, die ich mir im Laufe der Jahre zugelegt habe – aber nicht etwa, weil ich einen verqueren Fetisch für weiße Wale hätte. Als ich mir vor Jahren vorgenommen hatte, dieses berühmte Werk endlich einmal zu lesen – bis dahin kannte ich die Geschichte lediglich dank der zahlreichen Verfilmungen –, war ich überrascht, wie dünn das Taschenbuch doch tatsächlich war, das ich nach kurzer Suche in meinen Händen hielt. Ohne große Recherche hatte ich einfach die erstbeste Ausgabe bestellt, die ich finden konnte. Der Inhalt wirkte denn auch entsprechend unvollständig, abgehackt und wie im Schnelldurchlauf behandelt. Das Buch war mehr eine Art Moby Dick Zusammenfassung als ein echter Roman. Ich war schwer enttäuscht, kam zunächst jedoch überhaupt nicht auf den Gedanken, dass ich lediglich eine extrem zusammengestrichene Neuauflage "ergattert" haben könnte.Viele Jahre später packte mich erneut das Walfieber. Im Fernsehen stieß ich zufällig auf einen der Moby Dick Filme und der Wal, dieses majestätische und unglaublich faszinierende Geschöpf, zog mich neuerlich in seinen Bann. Ich wollte einen weiteren Versuch wagen, Moby Dick zu lesen, und verfiel auf den Gedanken, es einmal mit dem englischen Original zu probieren. Dort entdeckte ich nun schon nach den ersten Seiten eine Vielzahl an Passagen, die mir vollkommen neu waren und die weder in meiner unleserlichen Neuauflage noch in den mir bekannten Verfilmungen zu finden waren und Moby Dick in einem ganz anderen Licht erscheinen ließen. Das Problem war nur: Mein Englisch reicht zwar aus für eine einfache Unterhaltung, aber der Stil des toten Melville mit einer ganzen Schiffsladung an mir fremden Vokabeln, die ich teilweise nicht einmal in meinem Wörterbuch finden konnte, machten die Lektüre anstrengend und zäh. Nach etwa 100 Seiten gab ich dieses Vorhaben frustriert und mit rauchendem Kopf auf. Es half alles nichts, es musste eine ungekürzte deutsche Fassung her.Was einfach klingt, lässt sich tatsächlich nur mit einiger Mühe und langwierigen Recherchen bewerkstelligen. Aus Bequemlichkeit griff ich zu einem Band, der bei Amazon mit dem vielversprechenden Zusatz "vollständige Ausgabe" gekennzeichnet war – nur, um schon nach ein wenig Herumblättern festzustellen, dass auch hier im Vergleich zum englischen Original viele Passagen fehlten. Der Weiße Wal war mir zum dritten Mal entwischt. Ich konnte einfach nicht fassen, dass es im Jahr 2016 so unglaublich schwer sein konnte, an eine ungekürzte und brauchbare Übersetzung eines Weltklassikers zu gelangen. Schon drohte ich zu einem zweiten Kapitän Ahab zu mutieren, der in seiner Besessenheit an nichts anderes mehr denken kann, als den Weißen Wal, der sich seinem Verfolger immer wieder durch List entzieht, endlich zu stellen. Also fahndete ich zwar frustriert, dafür aber umso verbissener weiter und stieß bald, die Harpune wurfbereit in den Händen, auf die hier bewertete Ausgabe des Drehbuchverlages.Um es gleich vorweg zu nehmen: Auch hier scheint mir – warum auch immer – ein wenig gestrichen und gekürzt worden zu sein. Dennoch ergibt die Handlung nun endlich lückenlos Sinn, ganz anders als in meinen anderen deutschen Ausgaben, wo mich die plötzlichen Handlungssprünge zwischen zwei Kapiteln mehr als einmal völlig verwirrt zurückließen. Auch die Übersetzung scheint mir, soweit ich das beurteilen kann, sehr gut zu sein. Zwar wirkte Melvilles Sprachstil im Englischen ganz anders auf mich, aber das ist schließlich stets das große Problem, wenn man einen Text von der einen in eine andere Sprache übertragen will. Dabei wird man mehr mit den sprachlichen Künsten des Übersetzers konfrontiert, als mit denjenigen des Urhebers.Wie ich erst nach dem Kauf der hier bewerteten Fassung herausgefunden habe, sollen doch tatsächlich auch Ausgaben existieren, die 1:1 ins Deutsche übertragen worden sind – sodann haben wir es plötzlich mit einem Buch von annähernd tausend Seiten zu tun. Auch die eigentümliche Schreibweise des Autors soll dort so gut es eben ging übertragen worden sein, was viele Leser allerdings als sehr anstrengend empfunden haben. Dennoch, meine Neugier, nein, mein Jagdfieber ist wieder einmal geweckt. Erneut spüre ich dieses Kribbeln in meinem Holzbein, höre die Möwen über meinem Kopf schreien und sehne mich nach der Gischt, die mir eiskalt ins Gesicht peitscht. Kein Zweifel, meine Odyssee, meine Suche nach dem schicksalhaften Weißen Wal ist noch nicht zu Ende. Wer weiß also, vielleicht stelle ich mir in ein paar Jahren die fünfte Ausgabe von "Moby Dick" ins Regal.